Chronik des Ersten Weltkriegs von Rudolf Hugard

Einleitung

Einleitung

Rudolf Hugard, der Bruder des Bürgermeisters Albert Hugard, führte während des Ersten Weltkriegs ein Kriegstagebuch, das neben dem „Staufener Wochenblatt“ eine herausragende Quelle für die Kriegszeit bietet. Als Einleitung schreibt er: 

Am Annafest 1914 in der Frühe traf hier die Nachricht ein, daß Serbien das österreichische Ultimatum abgelehnt habe. In der Überzeugung, daß ein Krieg unvermeidlich sei, begann ich am Abend dieses Tages mit meinen Aufzeichnungen. – Diese Aufzeichnungen geschahen in der Weise, daß ich jeweils abends die Vorgänge auf ein Oktavblatt aufzeichnete und diese Blätter in meine geschichtliche Zettelsammlung einreihte. – Von Zeit zu Zeit machte ich dann die Abschrift in dieses Buch, wobei ich die Notizen auch dann kopierte, wenn sich mittlerweile ihre Unrichtigkeit herausgestellt hatte, um den ursprünglichen Eindruck der Ereignisse nicht zu verwischen. Als „P.S.“ habe ich dann die Richtigstellung beigefügt.
Staufen, im Spätjahr 1919

Rudolf Hugard  


 
Zur vorliegenden Edition:


Die Chronik wird im Folgenden wortgetreu ediert; lediglich Abkürzungen wurden durchgängig aufgelöst sowie offensichtliche Schreibfehler berichtigt. Zusätze oder Erläuterungen werden mit eckigen Klammern kenntlich gemacht. Die Chronik lagert heute im Generallandesarchiv Karlsruhe, Abt. 65, Nrn. 11.645–11.646.

Stadtarchiv Staufen, Jörg Martin, 2014–2016

1914

1914 Juli 26: Am Annafest Morgen trifft die Nachricht ein, daß Serbien das österreichische Ultimatum abgelehnt habe. Die Leute stehen in der Frühe auf den Straßen beisammen und besprechen aufgeregt die drohende Kriegsgefahr.

1914 Juli 28: Kaufmann Schindler, ein Österreicher, erhält die militärische Einberufung.

1914 Juli 29: Mittwoch. Große Kriegsangst. Die Leute kaufen sich Vorräte an Mehl. Bäcker Wahl ist ausverkauft. Von Mannheim wird weder Frucht noch Mehl versandt, angeblich wegen Wagenmangel.

1914 Juli 30: Donnerstag. 9 Uhr vormittags. Es trifft die Nachricht ein, das Freiburger Infanterie-Regiment 113 sei in der Nacht alarmiert und an die Grenze geschickt worden, die Eisenbahnübergänge und Brücken würden bei Krozingen und Tunsel durch Doppelposten bewacht. Große Aufregung. Der Laden [der Familie Hugard] wird von Käufern von Colonialwaren überschwemmt. Wir kaufen 1 Zentner Mehl. Marie [Hugard, Ehefrau von Albert Hugard] erkundigt sich bei Frau Medizinalrat [Lederle], wo sie ihre Wertpapiere hinterlege. – 11 Uhr vormittags. Das Freiburger Regiment ist noch dort,nur das Bataillon in der Karlskaserne wurde heute nacht zur Bahnbewachung alarmiert. Oberamtmann Arnsperger sagt vertraulich, es fänden Truppenbewegungen statt. – 12 Uhr mittags. Albert [Albert Hugard, Bürgermeister von Staufen] und ich machen Aufstellungen der Wertpapiere. Marie teilt mit, 3 Regimenter  Württemberger seien über die strategische Bahn gekommen und über die Hüninger Brücke nach dem Elsaß transportiert worden. – 2 Uhr nachmittags. Albert reist für die Sparkasse nach Freiburg, um sich wegen des Depots der Wertpapiere zu erkundigen. – 9 Uhr abends. Wir packen unsere Papiere, um sie in Basel zu hinterlegen. Es geht das Gerücht, Deutschland habe an Rußland ein 24-stündiges Ultimatum gestellt.

1914 Juli 31: 7 ½ Uhr vormittags. Albert reist mit den Papieren nach Basel. Die Post bleibt aus, angeblich wegen des Transports hessischer Truppen nach dem Oberelsaß. – 1 Uhr nachmittags. Oberamtmann Arnsperger kommt und fragt nach Albert, er habe soeben vom Ministerium eine Depesche erhalten wegen drohender Kriegsgefahr die Bürgermeister und Ratschreiber zur Belehrung über die Mobilmachung zu versammeln, die Versammlung solle heute abend 6 Uhr auf dem Rathause stattfinden. Albert kehrt um 1 ½ Uhr nachmittags von Basel zurück. – 4 Uhr nachmittags. Oberamtmann Arnsperger telephoniert, soeben sei ein wichtiges Telegramm angekommen, Albert solle sofort kommen. – 4 ¼ Uhr nachmittags. Am Postschalter wird angeschlagen, daß der Kriegszustand erklärt sei, der Verkehr nach der Schweiz sei unterbrochen. – 4 ¾ Uhr nachmittags. Unter Trommelschlag (Trommler Obergfell) macht der Ratsdiener Seng bekannt, daß auf kaiserliche Verordnung der Kriegszustand erklärt sei. An dem Rathaustor werden die Plakate über die Verkehrseinschränkungen u.s.w. angeschlagen. Große Aufregung, weinende Frauen, mehrere Männer, Reservisten des 1. Jahrgangs, reisen sofort zu ihren Truppenteilen ab. Die Landwehrmänner älterer Jahrgänge (Röser, Hirth) gehen zur Bahnbewachung fort.

1914 August 1: Die Schweiz hat mobil gemacht. Hedwig schreibt von Breisach, man solle sie mit dem Kind [Eckart Ulmann, der spätere Staufener Bürgermeister] am 1. Mobilmachungstag mit dem Auto abholen lassen. – Mittags: Es wird bekannt, daß Deutschland an Frankreich und Rußland ein kurzfristiges Ultimatum gestellt hat. – 6 ½ Uhr abends: Soeben trifft die Mobilmachungsdepesche ein, von vielen Leuten voller Angst und Aufregung erwartet. Stürmen auf dem Rathaus, Läuten aller Glocken in der Pfarrkirche. Unter Trommelschlag macht Ratsdiener Seng die Mobilmachung bekannt: Sonntag, der 2. August ist der erste Mobilmachungstag. Frauen weinen auf der Straße. Die Schulkinder machen einen Umzug. – 7 ½ Uhr abends: Kriegstrauung unserer Nachbarin, Frl. Geisel, mit Lehramtspraktikant Faller. Man hört zum ersten Male im Elsaß schießen; es geht das Gerücht von einem Durchbruchversuch der Franzosen bei Altkirch.

Hedwig Ulmann schreibt an ihre Eltern: "Ich möchte Euch bitten, wenn möglich am ersten Mobilmachungstag Grottenthaler mit dem Auto zu schicken ..."  (Stadtarchiv Staufen, N 257)

1914 August 2: Sonntag, 1. Mobilmachungstag. Einige Leute werden nach Freiburg zur Feuerwehr eingezogen, welche dort die Bewachung der Brunnenstuben besorgt, da man eine Vergiftung mittelst [Cholera-] Bakterien befürchtet. Um 10 Uhr treten auf dem Marktplatz die Männer an, welche von hier in die Himmelbach’sche „Stangenbeize“ [in Krozingen] beordert wurden, um mit vielen anderen Arbeitern Holz zu laden zu einem Brückenkopf bei Markolsheim. Es stehen daselbst 45 Eisenbahnwagen, von denen heute noch 20 geladen werden sollen. – 12 Uhr mittags: Abreise einer großen Anzahl einberufener Soldaten; es sind gegen 500 Personen am Bahnhof anwesend; die „Wacht am Rhein“ wird gesungen, aber es war trotzdem eine sehr ernste Stimmung.
 
1914 August 3: Montag. Heute früh sind wieder viele Einberufene abgereist, ebenso um 7 ½ Uhr, wobei wieder an der Bahn viele Leute anwesend waren, abgereist sind u.a. Gärtner Karl Riesterer, Jos. Maier, Joseph Rombach, Forstwart Seng, Bräuermeister Weltle. Beim Bezirksamt melden sich Freiwillige, u.a. Paul Bihlmann, Schreibgehilfe Käßmann, Wolf. Es heißt hier, der erste Gefallene sei der Sohn des Bürgermeisters von Pfaffenweiler (falsches Gerücht). Es geht das Gerücht, der Präsident von Frankreich sei ermordet; auf Schloß [Name unleserlich] sei eine französische Funkstation entdeckt worden usw. Albert ist in Freiburg, um für die Sparkasse Geld zu holen. Heute nacht tritt der Militärfahrplan in Kraft. Als Geheimnis wird erzählt, heute nacht würden 145 Militärzüge mit abgeblendeten Lichtern in 5-Minuten-Abständen landauf fahren.
 
1914 August 4: Dienstag. Auf unserem „Bähnle“ fahren von heute an nach jeder Richtung nur 2 Züge; nach Krozingen morgens 4 Uhr und mittags 1 Uhr; von Krozingen morgens und abends 6 Uhr. – Heute ist hier für den Amtsbezirk Staufen die Pferde- und Wagenaushebung. Der Turnplatz und alle Straßen sind mit Wagen und Pferden angefüllt. 120 Landwehrmänner führen die Tiere ab. Die Musterung dauerte von morgens 8 Uhr bis spät in die Nacht hinein. Es wurden für 300.000 Mark Pferde und Wagen gekauft. – Gestern (3. August) zeigten sich 2 französische Flieger über Krozingen; sie wurden von den Eisenbahnwachen – erfolglos – beschossen.
1914 August 5: Mittwoch. Heute sollte der Jakobi-Jahrmarkt sein. Davon ist aber nichts zu merken: kein Stand, kein einziger Händler; der Wochenmarkt ist wie an jedem andern Mittwoch in der Hauptstraße, aber auch da fehlen die fremden Einkäufer, auch der Schweinemarkt ist nicht beschickt. – Um 10 Uhr kommt die Nachricht, England habe gestern den Krieg erklärt. Große Bestürzung, die sich noch steigert, als um 11 Uhr bekannt wird, daß Italien sich der Bündnispflicht entziehe und neutral bleibe. – Um 11 Uhr kam ein Transport Pferde hier durch von Schopfheim nach Freiburg. – Als Freiwillige haben sich heute gemeldet der Kochlehrling Gillmann und Gamp II.
1914 August 6: Heute sind 20 Landwehrmänner abgegangen, darunter Alfred Rinderle, Nunnenmacher, Jung. – Um 1 Uhr nachmittags passierte landauf eine Munitionskolonne des Feld-Artillerie-Regiments 76 unser Städtchen.
1914 August 7: Es sind Feldbefestigungen errichtet worden am Tuniberg, bei Krozingen und Tunsel. – Die Stadt hat gestern die Kleinkinder- und Kochschule zu einem Vereinslazarett zur Verfügung gestellt. Gestern fand das erste große Gefecht bei Markirch [Sainte-Marie-aux-Mines] statt; es kommen davon morgen 300 Verwundete nach Freiburg. Auch heute sah man über Mülhausen Flammen; es handelt sich wohl um ein Gefecht bei [Ortsname unleserlich, Masmünster/Masevaux?], das in französischem Besitz ist. – Heute haben wir unser Schreibzimmer in den II. Stock gelegt und den ganzen oberen Stock zu Einquartierungszwecken bestimmt.

1914 August 8: Samstag. Man berichtet, es habe gestern abend ein Durchbruchversuch der Franzosen bei Altkirch stattgefunden, der zwar zurückgeschlagen worden sei, der aber den Deutschen 1000 Tote und Verwundete gekostet habe. In Mülhausen sei das Militärdepot abgebrannt, es habe dort eine große Panik geherrscht und viele Leute seien heute Nacht nach Freiburg geflohen. Hier herrscht große Besorgnis, besonders, da die Franzosen Turkos sind [Turkos: die aus Afrika stammenden französischen Soldaten]. – Auf der Bahn ist heute und morgen der Personenverkehr ganz eingestellt, es kommen große Verwundetentransporte nach Freiburg. – Heute abend erfahre ich, es hätten schon gestern nacht um 11 Uhr die im Bezirk einquartierten 113 und 114er den telephonischen Befehl erhalten, heute früh nach Eichwald abzurücken. Es scheint im Oberelsaß sehr böse auszusehen. – Um 6 Uhr abend fand die erste Sitzung des Männerhilfsvereins statt [Vorgänger des Ortsvereins des Deutschen Roten Kreuzes].

1914 August 9: Sonntag. Die Munitionskolonne des 76. Feld-Art.-Reg., die zu Wettelbrunn einquartiert war, ist heute früh unerwartet rasch alarmiert worden und abgezogen, und zwar über Neuenburg ins Elsaß. Pfarrer Trenkle von hier, der heute früh in Wettelbrunn für die Soldaten Gottesdienst und Abendmahl halten sollte, mußte unverrichteter Sache heimkehren. – Es fliegen mehrere Flieger über die Gegend. Um 9 Uhr vormittags beobachtete ich vom Stationenberg aus einen feindlichen Flieger, auf den von Krozingen aus ein fürchterliches Schießen der Bahnwachen und der dort stationierten Maschinengewehre eröffnet wurde. – Als Kriegsfreiwillige gehen morgen ab zum Telegraphenbataillon Karlsruhe: Adolf Villinger und Paul Bihlmann. – Große Sorgen: das elektrische Licht versagt! Hoffentlich haben die Franzosen nicht schon Mülhausen besetzt, woher es uns geliefert wird. – 7 Uhr abends. Man hört fürchterlichen Geschützdonner, es soll eine Schlacht im Gange sein zwischen Mülhausen und der Schweiz. – 9 Uhr abends. Die Mülhauser Lichtleitung ist zerstört! Soeben erhalten wir wieder Strom, aber aus Waldkirch, so daß die Lampen wieder wenigstens einigermaßen brennen. – Viele Leute gehen auf den Schloßberg, von wo aus man Brände in der Gegend von Mülhausen sieht. Die Geschütze donnern immer noch.

1914 August 10: Heute vormittag fand in der Turnhalle die Kontrollversammlung des Landsturms des Bezirks statt. – Mülhausen soll besetzt sein von den Franzosen, es herrsche großer Wirrwarr dort; die Franzosen hatten den Habsheimer Berg mit Geschütz besetzt, während die Deutschen im Hardwalde liegen. Im gestrigen Kampfe hätten die 169er schwere Verluste erlitten, die 9te Compagnie sei verschwunden. – Albert verbringt im Auto des Herrn Bob um 10 Uhr die Wertpapiere der Sparkasse und auch Wertsachen von uns nach Freiburg in die Banken. Dort sagt man ihm, die größte Gefahr, die gestern gedroht habe, sei bereits überwunden. – Abends: Es kommt die Nachricht, daß gestern Abend von 4 Uhr ab bis heute früh 8 Uhr ein harter Kampf zwischen Mülhausen und Neuenburg stattgefunden habe. Um ½ 5 Uhr habe Deimling mit seinem 15. Corps in den Kampf eingegriffen. Müllheim ist mit Verwundeten überfüllt; von Heitersheim und Sulzburg sind die Sanitätskolonnen abgefahren, um Verwundete nach Sulzburg zu bringen. Hier wird das Vereinslazarett rasch fertiggestellt. – Zwei Münstertäler sollen gefallen sein. – 9 Uhr abends: Albert Gysler bringt von Freiburg die Siegesnachricht, Deimling stehe schon bei Altkirch und suche die Franzosen abzuschneiden. Große Freude, aber auch große Sorge wegen der Angehörigen. Frau Hebamme Rinderle begegnet mir weinend, es heiße, einer ihrer Söhne sei gefallen.

1914 August 11: Der heutige Tag verlief ruhig wie im Frieden. Es wird jedoch vom Frauen- und Männerhilfsverein die Kinderschule als Lazarett betriebsfertig gemacht. Es zirkuliert die Sammlungsliste für das Rote Kreuz, Albert gibt 50 Mark und ich 20 Mark.

1914 August 12: Vormittags hörte man schweres Geschütz vom oberen Elsaß her; mittags brachten die Zeitungen die Nachricht, daß die Franzosen bei Belfort über die Grenze zurück seien.

1914 August 14: Das ganze 14. Armeekorps wird mit der Bahn landab befördert; es fahren eine Unmenge Züge durch Krozingen. Auch von hier gehen viele Leute dahin mit Liebesgaben. – Karl Rinderle bei Müller Mayer soll im Elsaß durch einen Sturz vom Pferd oder einen Schuß schwer verwundet sein; auch Helmuth Thilo ist verwundet.

1914 August 15: Es waren gestern 160 Militärzüge, die landab durch Krozingen fuhren und ebensoviel leere landauf; heute wieder derselbe Transport. Heute hörte man wieder viel Schießen, was neue Beunruhigung erzeugt. – Karl Rinderle soll tot sein (1. + [der erste Gefallene]). – In Mülhausen erwartet man von neuem die Franzosen, die von Tann her im Anmarsch seien. In mehreren Extrazügen wurden die Beamtenfamilien fortgebracht, so ging heute ein ganzer Zug mit Kindern nach Freiburg. Am Abend trafen auch hier viele Mülhauser altdeutsche Familien hier ein, die in Wirtshäusern Unterkunft suchten. Neue Sorgen! P.S.: Karl Rinderle ist am 10. August gefallen.

1914 August 16: Heute, Sonntag, fand ganz unerwartet eine zweite Kriegsmusterung der Pferde des Bezirks statt; es sollen 155 Pferde gekauft werden. In Krozingen ist sehr viel Einquartierung, besonders Landwehr.

1914 August 17: Eine traurige Nachricht! Die Deutschen habe das Elsaß ganz geräumt und es den Franzosen überlassen. Die aktiven Truppen sind abgezogen und der Rhein, der stark befestigt ist, soll von der Landwehr gehalten werden. In Grißheim sind 3000 Mann. Herbert Schmitt liegt in Mülhausen im Lazarett mit einem Schuß in der Schulter, er ist jetzt wohl kriegsgefangen. – Heute mittag haben die Bäcker 500 Laib Brot gebacken, das nach Grißheim geführt wird.

1914 August 19: Heute war Albert in Freiburg, um Colonialwaren zu kaufen: er erfuhrt dort, daß das Elsaß jetzt wieder ganz von unseren Truppen besetzt sei. Wir haben uns also umsonst geängstigt. – Hiesige Fräulein halten eine „Kriegskinderschule“ in der Bürgerschule, ich habe ihnen heute im Wochenblatt eine Danknotiz geschrieben.

1914 August 20: Neue Angst! Unser Landwehrregiment und Artillerie ist in Mülhausen in eine Falle geraten und dezimiert worden. In Breisach wurde heute die bevorstehende Belagerung bekannt gegeben.

1914 August 21: Siegesnachrichten, vormittags 10 Uhr: Brüssel eingenommen und abends ½ 5 Uhr große siegreiche Schlacht bei Metz. Zum ersten Male haben wir geflaggt und große Freude herrscht überall. Um 2 Uhr kam die telegraphische Nachricht, daß das Lazarett zur Aufnahme Verwundeter bereit sein solle und um 5 Uhr stellte sich die Sanitätskolonne mit Bahren und Wagen im Bahnhof auf. Verwundete sind aber nicht gekommen.

1914 August 22: Heute war hier die „Kriegsmusterung der ausgehobenen und der zurückgestellten Mannschaften“. – Auch heute war beflaggt wegen des Sieges bei Metz; am Morgen brachten die Offiziere die Nachricht, es gebe 67.000 Gefangene, großer Jubel und demgemäß am Nachmittag Enttäuschung, als die offiziellen Telegramme von 10.000 Gefangenen berichteten. – Von 1 Uhr nachmittags bis abends 8 Uhr wieder heftiges Schießen im Elsaß, was auf ein großes Gefecht deutet. – Abends gehen regelmäßig Leute auf den Schloßberg, um das Feuer der Scheinwerfer und Leuchtkugeln zu betrachten.

1914 August 23: Heute vernahm man keine Schüsse, es geht das Gerücht, die Franzosen ziehen sich aus dem Elsaß zurück. Von hier sind gegenwärtig 116 Mann im Felde, bezw. Eingezogen, davon sind 56 verheiratet. – Bei Metz wurde leichtverwundet der jüngste Lang und die Lehrer Oberle und Waldmann; bei Mülhausen der Briefträger Hug.

1914 August 25: Vom 76. Feld-Artillerie-Regiment kam heute die Nachricht, daß Karl Rinderle in der Schlacht bei Mülhausen wirklich gefallen sei; er, ein Trompeter, erhielt den tödlichen Brustschuß, als er neben seinem Leutnant ritt. Bei Metz wurde ferner verwundet Landwirt Hug und Joseph Maier „Zur Krone“. Vom 110. Landwehrregiment soll ein hiesiger Mann gefallen sein, doch erfährt man keinen Namen. – Das Vereinslazarett ist noch nicht besetzt; nach Sulzburg kamen dagegen gestern 50 Verwundete.

1914 August 26: Zum ersten Male brennen wieder die Bogenlampen. Die Notlieferung von Strom aus Waldkirch ist jetzt besser, da das Werk dort in aller Eile erweitert wurde.

1914 August 27: Die deutschen Siege im Norden zwingen die Franzosen, das Elsaß zu räumen. Seit vorgestern verlassen sie Mülhausen und die vertriebenen altdeutschen Beamten und Einwohner, von denen auch viele hier wohnen, kehren zurück. – Vermißt wird auch der Bäcker Hermann Rinderle hier. Von Krozingen ist 1 Mann gefallen und 1 verwundet.

1914 August 28: Heute herrschte großer Jubel, da die Zeitungen viel über die Erfolge in Nordfrankreich und ein Telegramm, das um ½ 4 Uhr angeschlagen wurde, einen Siege über die Engländer brachten. Die Häuser wurden beflaggt, zum 2. Mal in diesem Kriege. – Im Elsaß sollen zwei französische Armeekorps wieder vordringen und unserer Landwehr soll bereits über den Rhein zurück sein. Bei den großen Erfolgen im Norden macht das uns aber keine Sorgen.

1914 August 29: Die Musterung des Landsturm, 17 – 45 Jahre, findet heute und morgen hier statt für den Bezirk Staufen. Um ½ 8 Uhr wurde die erste Hälfte der Orte nach Jahrgängen aufgestellt vor der Festhalle und mit dem jüngsten Jahrgang beginnend wurde darin die Musterung gehalten. Es wurden fast alle für tauglich erklärt. – Gestern sind Fritz Wallraff und Karl Herzog bei den 113ern als Kriegsfreiwillige eingetreten; Karl Mußler vorgestern ebenso. – Landwehrmann Röser teilte heute abend seiner Frau mit, daß sein Regiment eingeladen werde; er war bsiehr bei der Bahnwache in Norsingen.

1914 August 30: Heute, Sonntag, wurde das Landsturm-Ersatzgeschäft, darunter auch Staufen, beendet. – Als Kriegsfreiwillige sind nunmehr gegen 25 junge Leute von hier fortgegangen. Lehrer Dufner ist bei den 113ern auf dem Heuberg; Metzgerlehrling Köninger (16 ¾ Jahr alt!) geht morgennach Karlsruhe zur Artillerie.

1914 August 31: Albert und Marie waren heute in Neuenburg. – Hier geht das Gerücht, Brunnenmeister Weltle vom 76. Feld.-Art.-Reg. Und der Kraftfahrer Seger seien gefallen. – Heute haben wir zum dritten Mal geflaggt wegen des Siegs an den Masurischen Seen.

1914 September 2: Weltle (siehe oben) ist gesund, er hat heute geschrieben; auch Seger lebt; dagegen liegt in Saarburg der Soldat Brenner ob der Grabenmühle schwer verwundet (Bauchschuß) darnieder. – Heute kamen die ersten 20 Verwundeten ins hiesige Vereinslazarett. Sie trafen mit der Bahn um ½ 3 Uhr ein, empfangen von der Sanitätskolonne und einer großen Menschenmenge. – Soeben, ½ 11 Uhr nachts, erhält unsere Nachbarin, Frau Geisel, eine Wolff-Depesche von der siegreichen Schlacht des Kronprinzen bei Reims und Verdun; morgen wird wieder geflaggt!

1914 September 4: Den ganzen Tag hörten wir wieder heftigen Kanonendonner aus der Gegend hinter Kolmar. – Heute wurde bekannt, ein Sohn des Fabrikarbeiters Böhler sei gefallen (auch diese Todesnachricht, wie so viele andere, die große Aufregung erweckten, erwies sich später als falsch). – Im Münstertal wurde heute ein Unteroffizier, ein Großsohn der „Dorothe“, beerdigt, der in Karlsruhe im Lazarett an seinen Wunden gestorben ist, acht Leichtverwundete aus dem hiesigen Lazarett beteiligten sich an der Beerdigung.

1914 September 5: Um ½ 3 Uhr nachmittags fuhren 50 Leichtverwundete ins Genesungsheim nach Sulzburg, die aus der Gegend von Lunéville kamen. Es waren viele Leute mit Liebesgaben am Bahnhof.

1914 September 6: Da die größte Gefahr vorbei ist, hat Alfred Ulmann seine Frau, unsere Hedwig, mit dem kleinen Eckart wieder nach Breisach zurückgeholt. – Forstwart Seng ist verwundet.

1914 September 8: Abends 6 Uhr kommt das Telegramm, Maubeuge sei gefallen, es wird alsbald geflaggt. – Es wird bekannt, daß von Krozingen gefallen sind der Sohn des Adlerwirts Daiger und der Lehrer Zeller, ein Sohn unseres Vetters Franz Zeller vom Glöcklehof. Es sind schon vier Krozinger gefallen.

1914 September 10: Aus dem Lazarett sind heute die ersten 6 Verwundeten entlassen worden; es sind dafür neue gekommen. – Den ganzen Tag hört man aus dem Elsaß schwere Schüsse, die Franzosen suchen aus den Tälern herauszudringen.

1914 September 11: Auch heute den ganzen Tag Kanonenschüsse im Oberelsaß, es scheint, daß Belfort belagert wird. – Der schwerverwundete Soldat Karl Brenner ist im Lazarett zu Saarburg gestorben, er wird dort begraben. Der Leichtverwundete Artillerist Joseph Maier ist hier. (P.S.: Brenner ist am 8. September gestorben, 2. + [der zweite Gefallene]).

1914 September 13: Heute früh kam eine Siegesbotschaft aus Ostpreußen, sie wurde aber kühl aufgenommen, da man mit Sehnsucht Nachrichten von der Schlacht an der Marne erwartet; gestern sollen 400 Verwundete von dort nach Freiburg gekommen sein. Abends ½ 10 Uhr: es geht das Gerücht, Épinal sei gefallen.

1914 September 14: Die Elsäßer Familien, die seit 4 Wochen hier als Flüchtlinge geweilt haben, sind heute heimgekehrt. – Henri Fischesser aus Paris ist schwerverwundet in deutsche Gefangenschaft geraten; seine Eltern bitten um Nachforschung. N.B.: nicht verwundet [?, schwer leserlich].

1914 September 16: Heute sind die ersten Landsturmmänner von hier – 4 Mann – eingezogen worden. Unser Vetter Zeller von Krozingen (s.o.) soll nicht gefallen sein, er wird aber vermißt. – Man ist hier sehr in Sorgen wegen der Schlacht an der Marne.
1914 September 17: Der Bürgerausschuß bewilligte heute einstimmig 10.000 Mark für Kriegszwecke. – Heute erhielten abermals 2 gediente Landsturmmänner ihre Einberufung.

1914 September 19: Immer noch keine Nachricht von den Schlachten in Nordfrankreich; es herrscht eine gedrückte Stimmung, da die Schweizer Zeitungen von einer großen Rückzuge in Frankreich und den Vogesen berichten. – Vom Münstertal sind schon 6 Männer gefallen. – Auch hier ein neuer Toter: der Knecht Reinhold Pfefferle bei Gaß, ein braver, junger Mann, der verheiratet war, ist im Lazarett gestorben, nachdem ihm vorher beide Beine abgenommen worden waren (+ am 21. August, 3. + [der dritte Gefallene]).

1914 September 20: Mittags kommt von Mülhausen das Telegramm, das „heute, morgen oder in den nächsten Tagen“ 1 Offizier, 4 Unteroffiziere und 1000 Landstürmer nach Staufen ins Quartier, mit Verpflegung, kommen werden. Nach Müllheim, Sulzburg, Heitersheim, Krozingen und Schallstadt kommen ebenfalls je 1000 Mann Landstürmer aus dem Oberelsaß.

1914 September 21: Heute abend 7 ½ Uhr sind die gestern angemeldeten Mülhauser Landstürmer ganz unerwartet eingetroffen und um 9 Uhr bezogen sie ihre Quartiere. Sie kamen von Mülhausen mit der Bahn nach Krozingen und zu Fuß hierher. Wir erhielten 11 Mann ins Quartier. Im Ganzen sind heute 17.000 Landstürmer von Mülhausen abgegangen. Eschbach, Tunsel, Ehrenstetten, Wettelbrunn, Gallenweiler usw. erhielten auch Einquartierung.

1914 September 22: Die Elsäßer Einquartierung mußte heute früh 9 Uhr und mittags 2 Uhr auf dem Turnplatz antreten; um 3 Uhr kamen 250 Einquartierte von Gallenweiler zum Besuch. Es sind alle Stände vertreten; ich habe u.a. im Quartier den Fabrikdirektor Kayser aus Amiens, Sohn eines Elsäßer Postmeisters; bei Albert sind einquartiert: Dr. Silberzahn, Professor der technischen Schule, und Dr. Siebert, Realschulprofessor, beide aus Mülhausen.

1914 September 23: Zum Commandeur der neuerrichteten „Landsturmformation Staufen“ ist Oberstaatsanwalt und Hauptmann d.R. Kärcher ernannt. Heute machte sie die ersten Ausmärsche, übermorgen ist Musterung.

1914 September 26: Heute vormittag traf die Trauernachricht ein, daß Joseph Rombach, Reservist im 76. Feld-Art.-Regiment am 20. September gefallen ist (4. + [der vierte Gefallene]). Er war gerade (bei Regnéville) bei einer Munitionskolonne, als eine Granate einfiel; ein Granatsplitter traf sein Rückgrat und nach 4 Stunden Qualen verschied er. Er wurde am letzten Mittwoch – wie der Kriegsfreiwillige Gamp mitteilte, begraben. Die Elsäßer hatten heute in der Schule Musterung. Es ist noch kein Ende abzusehen, wie lange sich hier noch bleiben.
1914 September 28: Die Musterung der Elsäßer wurde heute fortgesetzt (Sonntag), von unseren 11 Landstürmern wurden drei entlassen: zwei dürfen heimkehren, der Fabrikdirektor darf nach Norddeutschland in eine neue Stellung. Alle drei sind heute abgereist, dagegen sind bei uns eingetroffen die Frauen von zwei Landstürmern mit einem Kind, die ebenfalls bei uns wohnen und essen, da in den Wirtshäusern keine Unterkunft zu finden ist.


1914 September 30: Die Mülhauser Frauen, die vorgestern eingetroffen, sind heute wieder abgereist; dagegen sind dieEltern eines jungen Elsässers eingetroffen, die ebenfalls bei uns wohnen. – Kanonier Maihofer hat seinen Eltern heimgeschrieben, er habe das Grab des Joseph Rombach eine halbe Stunde nach der Beerdigung besucht, da habe eine Granate dasselbe getroffen, so daß die Leiche wieder herausgeschleudert worden sei. – Lehramtspraktikant Keller, der vor 8 Tagen einen Schenkelschuß erhalten hat, liegt in Metz im Gipsverband.

1914 Oktober 1: Heute ist ein Wachkommando von 10 Mann, uniformierte Landsturmmänner aus Freiburg, eingetroffen, sie tragen feldgraue Uniform, aber dreierlei Kopfbedeckung, Helm, Tschako und Landsturm-Wachstuchmütze mit dem Eisernen Kreuz. Mit Ausnahme des Unteroffiziers sind sie alle aus unserem Bezirk.

1914 Oktober 4: Endlich scheint ein Ende unserer Einquartierung in Aussicht zu sein. Eine Anzahl Bauern durfte ins Elsaß zurück; die anderen sollen am Dienstag verlegt werden.

Lazarett im Anna-Hof auf dem Rempart, 4. Okt. 1914 (Vorlage: Stadtarchiv Staufen, Fotosammlung, 0222).

1914 Oktober 6: Heute sind zwei unserer Elsässer heimgekehrt: Dr. Kieler und Dr. Silberzahn, zwei Erzfranzosen. Auch zwei Frauen, die seit zwei Tagen sich bei uns einquartiert hatten, sind wieder fort. – Es wird mitgeteilt, daß „in 1 bis 2 Tagen“ die Elsässer weggelegt werden. – 8 ½ Uhr abends: Soeben wird von der uniformierten Landsturmwehr, die seit ihrem Hiersein nachts die Wache vor dem Rathaus bezieht, Alarm geblasen: den Elsäßern wird mitgeteilt, daß sie morgen früh 5 Uhr zum Abmarsch antreten müssen, sie sollen um 7 Uhr in Heitersheim verladen werden.


1914 Oktober 7: Unsere „Landsturmformation Staufen“ ist heute früh abgezogen und kommt nach Straßburg; sie führt nunmehr den Namen: 4. Oberelsäßisches Landsturmbataillon Straßburg. Unsern Landstürmern, die nicht wußten, wohin sie kommen, ist der Abschied schwer gefallen.

1914 Oktober 10: Seit vorgestern haben wir Herbst, so lange wir in den Reben waren, haben wir den Donner der Geschütze. – Heute haben wir nach langer Pause wieder geflaggt: Antwerpen ist gefallen.

1914 Oktober 15: Seit einigen Tagen geht hier das Gerücht, es sei ein Soldat, namens Müller von hier, gefallen (5. + [der fünfte Gefallene]. Wir wollen hoffen, dass das Gerücht auch diesmal nicht wahr ist (P.s.: Es ist ein Sohn des verstorbenen städtischen Straßenwarts). – Heute war unser Vetter Franz Zeller von Krozingen hier, der uns sagte, daß sein Sohn Hermann (siehe oben) wirklich in der Schlacht von Saarburg gefallen sei; jetzt erst hat er die amtliche Nachricht erhalten.

1914 Oktober 25: Heute, Sonntag nachmittag, war die erste Versammlung der Jugendwehr in der Turnhalle; sie soll die jungen Leute von 16–20 Jahren militärisch vorbilden. Die Stimmung hiefür ist nicht gerade begeistert, man hält sie für überflüssig.

1914 Oktober 26: Schon wieder ein Gefallener: Lehrer Oberle von der Bürgerschule, ein sehr tüchtiger und beliebter Lehrer, ist am 14. diesen Monats bei Auchy in Nordfrankreich gefallen, ebenso Bierbrauer Schelb, Emil, Sohn des ehemaligen Güllebauers [?] Schelb im Bötzen (6., 7. + [der sechste und siebte Gefallene]).

1914 Oktober 30: Große Freude erweckt der Anschlag der Wolf-Depesche: die Türkei habe den Krieg erklärt. – Die Belagerung von Belfort soll begonnen haben.

1914 Oktober 31: Der Reservist Hermann Rinderle (Wilhelms Sohn), der seit dem 8. August verschollen war, hat geschrieben. Er wurde nach der Eroberung von Mülhausen von den Franzosen dort nach Besançon gebracht, wo er sich im St.-Jakob-Hospital in guter Pflege befindet, er dürfe jetzt nachmittags das Bett verlassen.

1914 November 2: Heute tritt nach vierteljähriger Unterbrechung wieder ein „Friedensfahrplan“ in Kraft; er ist aber noch kümmerlich genug. Unsere Bahn hat nur 4 Züge nach jeder Richtung. Die Bahnbewachung der Staatsbahn, die zuletzt von Kavalleristen (ohne Pferde) besorgt wurde, wird jetzt eingezogen.

1914 November 7: Einige Mitglieder der Sanitätskolonne (Trenkle, Wagner) müssen vorläufig für 3 Monate als Sanitäter ins Feld. – Der Reservist Zimmermann Wiesert, Sohn der „Wiesert Marie“, hat als erster gebürtiger Staufener das Eiserne Kreuz erhalten; er ist Zimmergeselle in Bruchsal und Erz-Sozialdemokrat. – Der 113er Soldat Maihofer, der als krank hier weilte, wurde gestern verhaftet, er soll sich eigenmächtig von seiner Truppe entfernt haben, in der Verlustliste wurde er als „vermißt“ aufgeführt. – Die Jugendwehr zählt 45 „Mann“ und übt regelmäßig Sonntag unter der Oberleitung des Turnwarts und Fabrikanten Groschupf.

1914 November 11: Heute war Martinimarkt. Im Gegensatze zum Jakobimarkt, der ganz ausfiel, war der heutige Markt gut besucht. Wohl fehlte etwa die Hälfte der fremden Händler, da ja viele im Felde stehen, der Besuch aus der Umgebung war dagegen sehr stark und die Verkäufer waren alle vom guten Absatze sehr befriedigt. – Seit vier Tagen gibt es hier kein Petroleum mehr, wegen der fehlenden Zufuhr. – Nach einer neuen Aufstellung sind gegenwärtig von hier 69 Ehemänner unter den Waffen.

1914 November 15: Mehrere gediente Landsturmmänner haben heute ihre Einberufung erhalten, darunter Zimmermeister Hochsticher, ferner eine Anzahl diesjähriger Rekruten.

1914 November 18: Alfred Schladerer hat als zweiter Staufener das Eiserne Kreuz erhalten, er hat sich im Lahrer Artillerieregiment bei Lille ausgezeichnet. – Friseurmeister Kirchner, Reservist im 110. Inf.-Reg., wurde durch einen Schuß in den Hals schwer verwundet. – Der Kriegsgefangene Hermann Rinderle (siehe oben) hat geschrieben, er sei in Altkirch von einem Fräulein Rosaline Tschaine gepflegt worden, die gesagt habe, sei sei mit uns verwandt!

1914 November 21: Schon wieder ist ein gebürtiger Staufener gefallen: Fritz Thilo, der jüngste Sohn des früheren hiesigen Oberförsters und jetzigen Forstrats Thilo. Beim Kriegsbeginn trat er als 17-jähriger Kriegsfreiwilliger ein. Heute früh war eine Compagnie Soldaten von Müllheim hier, darunter waren auch viele 16- und 17-jährige Knaben. Welch ein Fehler, solche junge Leute anzunehmen, da noch nicht einmal alle Rekruten vom Frühjahr eingezogen sind.

1914 November 25: - Der jüngste Sohn des Sägers Lang hat das Eiserne Kreuz erhalten. Gestern und heute war hier abermals Pferde- und Wagenaushebung. Es wurden so hohe Preise bezahlt, daß das Angebot die Nachfrage weit überwog. Wie wird es aber im Frühjahr aussehen, wenn die Pferde fehlen? – Die Zahl der verheirateten Soldaten aus Staufen beträgt jetzt 75.

1914 November 27: Heute und in den letzten Tagen hat der Frauenverein jedem hiesigen Soldaten (ca. 180 Mann) ein Paket Liebesgaben zu Weihnachten gesandt, darunter sind auch 3 Kriegs-Lieutenants: Postassistent Karl Hog, Lehrer Emil Noll und Prokurist Hans Mahler. – Hauptlehrer Karcher ist auch einberufen worden.

1914 November 30: Wieder zwei Eiserne Kreuze an Staufener: 1. an den Leutnant und Hauptlehrer Emil Noll, Sohn des verstorbenen … [1 Wort unleserlich] gleichen Namens und 2. an den Fabrikarbeiter Benjamin Gutmann, genannt „Taberbenny“. – Franz Haas von hier, Blechner in Erstein, liegt an einer Armwunde in einem Berliner Lazarett.

1914 Dezember 2: Auf dem Wochenmarkt gilt 1 Ei 15 Pfennig, 1 Pfund Butter 1,40 Mark. Petroleum ist immer noch nicht zu haben.

1914 Dezember 4: Tag für Tag Geschützdonner im Elsaß. Die deutschen Truppen sollen die Franzosen zurückgedrängt haben, Tann und das Münstertal seien wieder frei. Gestern kamen 200 Schwerverwundete nach Freiburg. – Handelslehrer Robert Fürst von hier hat das Eiserne Kreuz erhalten.

1914 Dezember 5: Die hiesige Jugendwehr zählt jetzt 40 Mann. Seit heute besitzen die jungen Leute Uniformmützen, die Fabrikant Bob gestiftet hat, die Offiziere (Fabrikant Groschupf, Fabrikant Hipp und Pfarrer Trenkle) tragen Litewken [zweireihige Uniformjacke]. Heute abend wurden mehrere hundert Gefangene aus dem Elsaß nach Freiburg gebracht, aber auch 400 Verwundete.

1914 Dezember 9: Der jüngste Sohn des Landwirts Gamp, 17 Jahre alt, ist Kriegsfreiwilliger geworden. Da seine beiden älteren Brüder (22 und 18 Jahre) bereits im Feld sind, verweigerten die Eltern die Erlaubnis, er hat sich darauf heimlich entfernt und ist auch ohne Papiere angenommen worden. – Heute nachmittag sah ich, wie ein feindlicher Flieger von Breisach aus beschossen wurde, man konnte die Schrapnellwölkchen gut sehen.

1914 Dezember 10: Drei Flieger haben gestern in Freiburg Bomben geworfen. Großer Schaden wurde aber nicht angerichtet. Zu Rimsingen und Grezhausen mußten die Leute von den Feldern fliehen wegen der herabfallenden Geschosse der Abwehrgeschütze.

1914 Dezember 13: Ein vom Frauenverein abgesandtes Weihnachtspaket ist heute als unbestellbar zurückgekommen: „Adressat Franz Balzer gefallen.“ (8. + [ der 8. Gefallene]). Sonst ist hier davon, auch nicht bei seinen Eltern, Rebleuten, nichts bekannt; er war schon seit 10 Jahren fort von hier.

1914 Dezember 14: Da Generalissimus Joffre gegenwärtig in Belfort weilt und einen großen Sieg in den nächsten 14 Tagen versprochen haben soll, herrscht hier wegen der Kämpfe bei Altkirch viel Besorgnis; zu Besancon, hinter Belfort, sollen 4 Armeekorps zusammengezogen sein. – Gestern haben wieder Flieger in Freiburg Bomben geworfen und großen Schaden in Unterlinden angerichtet.

1914 Dezember 15: Vom Ministerium ist die Nachricht gekommen, daß in den badischen Lazaretten 26% der Betten unbelegt seien und daß die mindergeeigneten Lazarette geschlossen werden sollen. Unter diesen befindet sich als „ungeeignet“ das hiesige Vereinslazarett zu 20 Betten in der Kleinkinderschule. Es soll Ende dieses Monats geschlossen werden.

1914 Dezember 16: Franz Faller, Sohn des Webermeisters Faller, hat in Nordfrankreich das Eiserne Kreuz erhalten. – Ein Sohn des Freiherrn von Landenberg auf Leisacker wird vermißt; Anwalt Lederle hier wurde beauftragt, es seinem Vater schonend beizubringen (P.s.: ist kriegsgefangen).

1914 Dezember 18: Die Nachricht von einer großen, siegreichen Schlacht in Polen ist eingetroffen; es geht das Gerücht, es seien 200.000 Russen gefangen. – Die Jugendwehr machte aus diesem Anlaß heute abend 9 Uhr einen Umzug und auf dem Marktplatz hielt ihr Kolonnenführer, Pfarrer Trenkle, eine patriotische Ansprache.

1914 Dezember 19: Zur Feier des Sieges in Polen haben wir heute geflaggt – post festum –, da dies an den anderen Orten schon gestern geschehen ist. Aus diesem Anlaß sind die Schulen heute geschlossen, zum erstenmal in diesem Krieg.

1914 Dezember 22: Heute Vormittag flog ein feindlicher Flieger landab. Ich sah, wie er von Müllheim aus beschossen wurde.

1914 Dezember 25: Weihnachtstag. Es sind viele Urlauber hier; Feldgraue vom Felde und besonders aber viele Rekruten und Ersatzreservisten aus den Garnisonen. – Man hört wieder viel Schießen im Elsaß.

1914 Dezember 26: Die ganze Nacht unaufhörlicher Kanonendonner. – der jüngste Sohn des Landwirts Gamp, der heimlich als Kriegsfreiwilliger eingetreten ist (s.o.), ist von seinem Vater vom Regiment heimgeholt worden.

1914 Dezember 28: Frau Bassermann-Scipio vom Roten Hof hier, die schon vor 4 Wochen ihre Einquartierungsentschädigung für die Elsäßer im Betrag von 400 Mark dem Ortsausschuß vom Roten Kreuz hier überwiesen hat, hat heute neuerdings je 100 Mark dem Roten Kreuz, dem Frauenverein, dem Lazarett sowie 50 Mark dem Spital gesandt. – Prokurist und Leutnant Hans Mühle hat wegen bewiesener Tapferkeit bei der Wiedereroberung von Steinbach bei Thann das Eiserne Kreuz erhalten. – Auch der gefallene Joseph Rombach war zum Eisernen Kreuz eingegeben.

1915

1915 Januar 1: Der Frau Zimmermeister Bihlmann Witwe wurde vom Regiment mitgeteilt, daß ihr ältester Sohn, der Mechaniker und Reservist Emil, verschollen sei; er sei aus dem Gefecht nicht zurückgekommen, ob er verwundet in Gefangenschaft geraten oder, da das Kampfgelände an der Yser unter Wasser gesetzt wurde, ertrunken sei, das sei unbekannt (siehe 1915 April 28). – Der Ortsausschuss vom Roten Kreuz, der gegenwärtig 3800 Mark in seiner Kasse hat, hat vorgestern, und der Gemeinderat gestern beschlossen, in die Kriegsversicherung jeden verheirateten Krieger mit je 10, zusammen also 20 Mark einzukaufen, sollte einer fallen, so würde die Witwe etwa 500 Mark erhalten. (P.s.: Obgleich das Ganze eine große Ausgabe war, so ernteten die Schenker doch keinen Dank, da niemand an diesen Fall gemahnt sein wollte; die später eingezogenen Männer wurden nicht mehr versichert). – Heute geht das Gerücht, bei den Kämpfen um die Steinbacher Höhe im Elsaß sei der Zimmermeister Otto Hochsticher gefallen. (P.s.: Das Gerücht war falsch.) Die Orte von Freiburg aufwärts bis Kirchhofen haben Elsäßer Familien aus Seeheim, Steinbach und anderen Orten, die geräumt werden mußten, als Einquartierung erhalten.
 
1915 Januar 2: Das Vereinslazarett ist heute geschlossen worden, die Insassen wurden nach Freiburg genommen.
 
1915 Januar 7: Die Kämpfe um Steinbach dauern immer noch an, und unaufhörlich dröhnen die schweren Schüsse.
 
1915 Januar 10: Heute, Sonntag, um 10 Uhr, beginnt die Aushebung der Rekruten des Jahres 1915, da für die Zurückgestellten bereits im August die Aushebung stattgefunden hat, beträgt die Zahl der Leute nur etwa 250 Mann. – Auf dem Heuberg wird gegenwärtig ein neues Revervekorps aufgestellt, dazu kommt von hier der Kriegsfreiwillige Joseph Köninger. – Das Eiserne Kreuz erhalten: der Landwirtssohn Albert Eichenlaub und Rudolf Fürst, Sohn des Bildhauers Fürst.
 
1915 Januar 12: Seit 3 Tagen ist es still im Elsaß. Es bereitet sich jetzt Größeres vor: die Franzosen haben ihre Linienregimenter nach Belfort zurückgenommen, und bei Mülhausen sammelt sich eine große deutsche Armee, die Belfort angreifen soll. Gestern wurde den Soldaten mitgeteilt, der Kronprinz habe das Kommando übernommen. Das Hauptquartier ist in Homburg [Hombourg, Dep. Haut-Rhin], und bei Bellingen und Schliengen führen Brücken über den Rhein.
 
1915 Januar 17: Gestern war in Freiburg vor dem Kriegsgericht die Verhandlung gegen den Monteur Robert Maihofer von hier wegen Desertion vor dem Feinde. Der Staatsanwalt beantragte 12 Jahre Zuchthaus; auf Antrag des Verteidigers, Anwalt Fehrenbach, wurde er jedoch der Irrenklinik behufs Untersuchung des Geisteszustands überwiesen. (P.s.: Er erhielt in einer späteren Verhandlung 6 Wochen Arrest und ist jetzt Musiker im Freiburger Ersatzbataillon 113! Jan. 1916.)
 
1915 Januar 23: Heute war hier aus Anlaß der „Reichswollwoche“ eine Sammlung von Webstoffen, die zur Herstellung von Soldatendecken noch brauchbar sind. Es wurden von 10–12 Uhr im Sammlungsraum, Spritzenhaus No. 2 hinter dem Rathaus, 10 große Kisten voll Wollsachen abgegeben. – Gendarm Heiß, zur Zeit Feldgendarm, hat das Eiserne Kreuz erhalten. Gestern kamen durch Krozingen 10, heute 7 Militärzüge, alle ins Oberelsaß.
 
1915 Januar 27: Kaisers Geburtstag wird nur mit dem üblichen Gottesdienst gefeiert; alle anderen Veranstaltungen fallen aus.
 
1915 Januar 28: Auch die Amerikaner nehmen an unserem Kriege Anteil. Der Staufener „Dr.“ Andreas Faschian in Oakland hat durch Herrn Franz Riesterer an die Gemeinde 400 Mark geschickt zum Verteilen an Witwen gefallener Krieger dahier. Faschian, aus allerärmsten Verhältnissen stammend, war vom 16. – 18. Jahr päpstlicher Soldat; im Krieg 1870 Unteroffizier beim Infanterie-Regiment 113.
 
1915 Januar 29: Färber Franz Diez, Sohn eines Fabrikarbeiters, hat das Eiserne Kreuz erhalten; Robert Fürst, Handelslehrer, das bayerische Verdienstkreuz II. Klasse.
 
1915 Januar 31: Durch die Absperrung durch England tritt die Frage der Getreideversorgung in ein kritisches Stadium. Bei der gestern in Offenburg deswegen abgehaltenen Vorstandsitzung der mittleren Städte wurde vertraulich mitgeteilt, daß trotz der bereits erfolgten Einschränkungen die Getreidevorräte nur bis Ende März reichen. – Heute, Sonntag vormittag ½ 10 – ½ 1 Uhr, war auf dem Rathause eine Bürgermeisterversammlung, wobei ein Mehllieferungs- (Communal-) Verband [Kommunalverband] für den Bezirk gebildet wurde, dem die Verteilung der zugewiesenen Mehlvorräte obliegt. In Anbetracht dieses bevorstehenden Mangels hat der Gemeinderat heute abend 5 Uhr in einer außerordentlichen Sitzung beschlossen, noch heute abend telegraphisch einen Waggon von 200 Zentner Mehl zu kaufen, da heute Nacht die Sperre eintritt. – Die neugebildete Elite-Division auf dem Heuberg kam gestern ins Feld. (P.s.: nach Ostpreußen, wo ihr der berühmte Durchbruch gelang.)
 
1915 Februar 3: Heute fand die erste Sitzung des neuen Mehlversorgungsverbands statt. Vorsitzender ist Oberamtmann Arnsperger, Mitglieder: 4 Bezirksräte, ein Vertreter der Gemeinden: Bürgermeister Albert Hugard, ein Vertreter der Landwirtschaft: Julius Hauser, ein Vertreter des Handels: Albert Gyßler hier, ein Vertreter der Konsumenten: Revisor Hoch. Es darf nur nachmittags gebacken werden, nur Schwarz- und Weißbrod, kein Milchbrod; kein Bäcker darf Kuchen backen; jeder Konsument darf nur bei einem Bäcker Brod holen, der es aufschreiben muß.
 
1915 Februar 5: Heute vormittag kam eine Kompagnie Infanterie von Müllheim hierher und rastete eine Stunde auf dem Marktplatz; es waren durchweg Ersatzreservisten von 22 – 32 Jahren.
 
1915 Februar 6: Eine Trauernachricht ist heute abend eingetroffen: der Kriegsfreiwillige Karl Herzog ist gefallen. Er war der Sohn des Spinnmeisters Herzog, 19 Jahre alt, Lehrerseminar, der wegen seines freundlichen, heiteren Wesens sehr beliebt war (siehe Mai 25). – Ebenfalls gefallen ist der Unteroffizier Löw, der jüngste Sohn des verstorbenen Steuereinnehmers, dessen Witwe noch hier wohnt.
 
1915 Februar 7: Inter arma non silent musae [lateinisch: Im Waffengang schweigen nicht die Musen]. Daß auch die Musik im Felde zu ihrem Recht kommt, zeigt ein Brief des Bernhard Müller. Er hatte seine Trompete sich schicken lassen und teilt nun mit, sie hätten in Belgien ein Musikkorps gebildet, dass an Kaisers Geburtstag zum ersten Mal konzertiert habe. – Ebenso hat der Landwehrmann Emil Maurer, auch ein Staufener Musiker, Urlaub nach der Heimat erhalten, allein zu dem Zweck, um seine große Baßtuba abzuholen.
 
1915 Februar 8: Fabrikant Hipp von der Oberrheinischen Gummiwarenfabrik fabriziert jetzt – Granaten. Sie werden in Freiburg gegossen und kommen in Wagenladungen hierher, wo sie von Hipp in seiner Fabrik abgedreht werden; er wolle monatlich 2.300 Stück (?!) liefern; Generalunternehmer soll die AEG sein. – Der Unterricht in der Gewerbeschule muß schon zum dritten Mal eingestellt werden, da auch der neue Hilfslehrer eingezogen wird. Die Schüler besuchen von jetzt an die allgemeine Fortbildungsschule.
 
1915 Februar 9: Auch der Amerikaner Hermann Stoll hat sich seiner Heimat erinnert; er hat seiner Schwester, Frau Metzger Heckle hier, 400 Mark geschickt zur Verteilung an bedürftige Kriegerfrauen. – Vor einigen Tagen ist auch Josef Binkert, Lehrerseminarist und Sohn des Stadtrechners, als Kriegsfreiwilliger in ein Jägerregiment zu Pferd eingetreten; die Einwilligung des Vaters erbat er sich erst, nachdem er angenommmen war.
 
1915 Februar 11: Zur Entlassung der mit Einquartierungen überlegten Garnisonsorte sollen die neu aufzustellenden Ersatzbataillone verlegt werden. Auch der Gemeinderat hier mußte sich heute äussern, ob die Stadt eine Garnison von 1800 Mann aufnehmen könne. Da die normale Belegungsfähigkeit nur 650 Mann beträgt, dürfte solches ausgeschlossen sein.
 
1915 Februar 13: Gestern sowohl wie heute kamen Kompagnien Infanterie auf ihren Märschen hierher. – Heute werden französische Familien, die zu Mülhausen ansässig waren, hierher zu wohnen kommen, da ihnen Staufen zum Zwangsaufenthalt angewiesen ist. – Wieder eine Trauernachricht: Heute abend wurde Frau Rappenecker, die Witwe des vor 3 Jahren in der „Kappensteife“ [Patentkappenfabrik] verbrannten Arbeiters, benachrichtigt, daß ihr 18-jähriger Sohn bei La Bassée am 6. diesen Monats gefallen sei. Er hatte sich, Kontorist bei Gebr. Himmelsbach in Freiburg, beim Beginn des Kriegs als Kriegsfreiwilliger beim Infanterie-Regiment 169 in Lahr gestellt.
 
1915 Februar 14: Heute war ein Offizier von Müllheim hier, um sich zu erkundigen wegen einer eventuellen Unterbringung eines Ersatzbataillons von 1000 Mann, die in Massenquartieren unterzubringen wären. Der Offizier war ein Hauptmann des Landsturms und Landgerichtsrat Ziegler von Karlsruhe.
 
1915 Februar 15: Fastnachtsonntag. Die diesjährige Fastnacht fällt ganz aus; es bedurfte gar keiner Verbote; es ist nichts zu bemerken, was auch nur im Entferntesten an Fastnacht erinnert. – Es ist auch von Freiburg aus beabsichtigt, ein neues Ersatzbataillon des Infanterie-Regiments 113 hierher zu verlegen. Es war [hier] heute nachmittag ein General von dort, der das Städtchen besichtigte. Da hier keine Häuser sind, die sich zur Unterbringung eignen und da – glücklicherweise – Privatquartiere nicht in Frage kommen, will er von seinem Plane abstehen. (P.s.: Das Müllheimer Ersatzbataillon kam nach Heitersheim, wo das große Bathyanische Anwesen Raum für 600 Mann bot; das Freiburger nach Emmendingen in das dortige große Schulhaus.)
 
1915 Februar 17: Um 8 Uhr morgens kam das Telegramm von der siegreichen „Winterschlacht in Masuren“. Sofort wurde geflaggt; im Amt Müllheim wurde abends in allen Orten geläutet. – Nachmittags warf ein Flieger Bomben auf Freiburg. – Zwei Anekdoten: Heute schrieb der Grenadierunteroffizier Nunnenmacher nach Hause, es gefalle ihm jeden Tag besser im Krieg! Er ist bei Lens in Nordfrankreich. – Vom Artilleristen Eichenlaub schrieb ein Kamerad, er schaffe für zwei und saufe für drei! Er ist bei La Bassée.
 
1915 Februar 21: Heute ist der Tag, an dem bei allen Regimentern II. Ersatzbataillone gebildet werden, von denen eines hierher hätte kommen sollen. – Am Nachmittag war hier eine große Übung von 6 Jugendwehr-Kolonnen, Oberamtmann Arnsperger nahm um ½ 5 Uhr vor unserem Hause die Parade ab.
 
1915 Februar 22: Zu Döberitz werden Berufsoffiziere ausgebildet; von hier ist der Einjährige, Jäger Walter Hennes für 12 Wochen dahin kommandiert.
 
1915 Februar 23: Fastenmarkt. Von Händlern nur schwach besucht; vereinzelte Stände waren nur auf dem Marktplatz. Für Butter wurde 1,35 verlangt; in Freiburg gilt er sogar 1,45 Mark. – Die heute erschienenen Verlustlisten zählt Karl Herzog (siehe oben Februar 6) als verschollen auf. Die Mutter des seit ¼ Jahr vermißten Emil Bihlmann hat immer noch keine Nachricht.
 
1915 Februar 25: Heute war keine Messe in der Kirche, da auch Stadtpfarrer Casper als Landsturmpflichtiger sich in Freiburg zur Musterung stellen mußte. Er ist als unabkömmlich erklärt. Der im Spätjahr gefallene Josef Rombach war für das Eiserne Kreuz vorgeschlagen. Der Orden und die ihm ebenfalls verliehene badische Verdienstmedaille sind nun nachträglich seiner Mutter gesandt worden.
 
1915 März 1: In Heitersheim ist die Garnison heute eingetroffen. Vom Roten Kreuz in Genf wurde das Bürgermeisteramt benachrichtigt, daß der Seesoldat Sprich, Sohn den verstorbenen Waldhüters, in japanische Gefangenschaft geraten sei; er war in Tsingtau.
 
1915 März 4: Hauptlehrer und Leutnant Emil Stoll hat zum Eisernen Kreuz auch den Zähringer Löwenorden erhalten. – Abends 8 Uhr fand im Saalbau Riesterer eine große, hauptsächlich von Frauen besuchte Versammlung statt, in welcher der Kreisschulrat von Emmendingen über die Ernährung während der englischen Blockade sprach.
 
1915 März 8: Um 10 Uhr fand auf dem Rathause eine Bürgermeisterversammlung statt, bei der die ersten Brotkarten ausgegeben wurden. – Von übermorgen an ist für hier die Feierabendstunde auf 11 Uhr, in den Landorten auf 10 Uhr festgesetzt.
 
1915 März 9: Die ersten Brotkarten wurden heute ausgetragen und zwar für die Zeit vom 10. bis 28. diesen Monats incl. Jeder, klein oder groß, erhielt ein Heftchen mit 8 Karten, giltig für 30 Pfennig Brot oder Mehl, und zwar entweder für 1 Laib Schwarzbrot (K-Brot) zu 750 gr oder 5 Sechspfennig-Brote oder 200 gr. Zwieback oder 500 gr Mehl zum Kochen oder 625 gr Backmehl. – Letzten Sonntag hat Lehrer Wagner mit seinen Bürgerschülern im Saalbau Riesterer ein Konzert (das dritte) zugunsten des Roten Kreuzes abgehalten, wobei 3 Freiburger Künstler mitwirkten. Es wurden 125 Mark abgeliefert.
 
1915 März 13: Nächste Woche ist hier Metallsammlung von Kupfer und Messing. Wir haben hiezu heute bereitgestellt: 3 Kupferkessel aus der Küche, 1 großer kupfergetriebener Wasserschapfen, Messingbeschläge und anderes. – Der Kriegsfreiwillige Emil Kossmann ist am 5. März in Rußland gefallen, Leo Steinle, wo er viel verkehrte, erhielt heute die Nachricht. Kossmann war von Pfaffenweiler, seit dem 14. Jahr war er aber hier auf dem Amtsgericht als Schreibgehilfe angestellt. Zu Anfang des Kriegs trat er in Freiburg als Freiwilliger ein. Wegen seines heiteren, freundlichen Wesens war er hier sehr beliebt. – Alfred Schladerer ist zum Leutnant befördert worden.
 
1915 März 15: Die Einberufungen von gedienten Landsturm dauern fort. Einberufen wurden u.a. Löwenwirt Burget ins Oberelsaß und Kaufmann Hermann Mayer zur Postkontrolle in Kolmar.
 
1915 März 16: Heute haben wir die ersten Arbeiter im Taglohn. Da es bei den Brotkarten unmöglich ist, ihnen zum Vesper Brot zu geben, müssen sie es selbst mitbringen und erhalten dafür täglich 20 Pfennig.
 
1915 März 18: Heftige Kämpfe im Elsaß; man kann von hier nachts das Blitzen der Kanonen sehen. – Die Zeichnungen für die 2. Kriegsanleihe haben in der Sparkasse bereits 1.200.000 Mark überschritten. Morgen mittag ist Schluss.
 
1915 März 19: Im Gemeinderat stellten einige Rebbesitzer den Antrag, die Stadt solle 30 russische Kriegsgefangene zum Bau der Reben kommen lassen. Der Gemeinderat erklärte sich bereit, die Bewachungsmannschaften auf die Stadtkasse zu übernehmen, zur Übernahme der anderen Kosten müßten aber die Antragsteller samtverbindlich aufkommen. Der Antrag wurde darauf zurückgezogen.
 
1915 März 20: Die Baufrist für die Münstertalbahn wurde, „besonderer Umstände halber“, von 1. Mai auf 1. September verlängert. Der Akkordant Herling hat um 300 kriegsgefangene Russen nachgesucht.
 
1915 März 22: Nachmittags warfen zwei feindliche Flieger Bomben auf Freiburg, das eine Flugzeug wurde durch Schüsse beschädigt und mußte um 5 Uhr abends zwischen Schlatt und Bremgarten landen. Die beiden französischen Unteroffiziere wurden zu Bremgarten in den Ortsarrest verbracht; ihr Flugzeug hatten sie aber vorher verbrannt. – Der Einjährige Walter Hennes, der zu Döberitz einen Offizierausbildungskurs mitgemacht hat, wurde zum Leutnant ernannt.
 
1915 März 25: Heute nachmittag wurde eine freiwillige Metallsammlung für das Heer vorgenommen. Der Rollwagen wurde durch Gemeindetaglöhner durch die Straßen geführt, während Jugendwehrleute in die Häuser gingen und sammelten. Der Ertrag ist sehr reich ausgefallen: von alten Goldschmuck bis zur Zinkbadewanne wurde gegeben; im Ganzen 9 ½ Zentner Metall.
 
1915 März 26: Rechtsagent Joseph Erb hier, der vor kurzem zum Feldwebelleutnant ernannt worden ist, erhielt das Eiserne Kreuz. – Lehrer Wagner von der Bürgerschule wurde heute eingezogen. (P.s.: ein anderer Lehrer wurde nicht angestellt, so daß von jetzt an der Lehramtspraktikant gleichzeitig beide Schulklassen unterrichten muß, ein böser Notbehelf, aber an den anderen Schulen ist’s auch nicht besser.)
 
1915 März 31: Albert Schladerer vom Feldbergerhof wurde am 27. diesen Monats zum Leutnant befördert. – Aus Staufen sind gegenwärtig 12 Offiziere unter den Waffen: Oberst und Traininspekteur Faustmann; Hauptmann der Landwehr von Schauenburg; Leutnant (Finanzamtmann) Herrmann; Leutnant (Lehramtspraktikant) Faller; Leutnant (Prokurist) Mahle; Leutnant (Hauptlehrer) Emil Stoll; Leutnant (Hotelier) Albert Schladerer; Leutnant (Kaufmann) Alfred Schladerer; Jägerleutnant (Bergakademiker) Walter Hennes; Leutnant (Postassistent) Hog; Feldwebelleutnant (Rechtsagent) Erb; Assistenzarzt Dr. Sprauer. Letzterer ist Lazarett- und Garnisonsarzt in Müllheim; er kann aber von hier aus seine Privatpraxis besorgen.
 
1915 April 5: Albert und Marie waren gestern in Breisach. Seit Samstag finden dort große Truppentransporte nach dem Elsaß statt; das ganze Gardekorps soll schon durchgefahren sein. Eine französische Armee in der Champagne sei verschwunden, und damit hinge diese Truppenverschiebung zusammen.
 
1915 April 7: Unser Stolz, U 29, ist verloren [Unterseeboot U 29]. Die Zensurbehörde, hier der Oberamtmann, teilte dem Wochenblatt gestern mit, es dürfe darüber nichts veröffentlicht werden. Der heutige Tagesbericht gibt den Verlust bekannt. – Der Ersatzreservist August Gaß kam heute mit einem Nachschub von 2600 Mann von Karlsruhe nach Rußland.
 
1915 April 12: Die hiesigen Fabriken, die bisher für das Heer gut beschäftigt waren, spüren nun auch den Krieg. Die Tuchfabrik L. J. Groschupf, die bisher Militärmützentuch fabrizierte, musste schließen, da sie keine Wolle mehr erhalten kann; ebenso die Lederfabrik Karl Bob, der auch die Häute beschlagnahmt sind. (P.s.: die Fabriken konnten später wenigstens mit beschränktem Betrieb wieder eröffnet werden). Ein „Bombengeschäft“ macht dagegen die Patent-Schuhkappensteifefabrik, da bei den hohen Lederpreisen die Ersatzstoffe sehr gesucht sind.
 
1915 April 13: Heute früh kam die Nachricht, daß ein Bruder der Frau Oberamtmann Arnsperger, Leutnant Mackle, gefallen sei; er wurde in Nordfrankreich im Unterstand von einer einschlagenden Granate getötet.
 
1915 April 16: Wegen der herrschenden Kartoffelnot bestellte die Stadt vor einigen Wochen zwei Waggons Kartoffeln. Diese – 590 Zentner – sind heute aus Norddeutschland eingetroffen und wurden im Spritzenhaus hinter dem Rathaus abgeladen. Die Stadt bezahlte dafür pro Zentner 7 Mark; da der Höchstpreis aber nur 6,50 Mark beträgt, war von vornherein bestimmt, daß sie mit Verlust zu verkaufen waren; das Reich wird aber die Differenz bezahlen. (P.s.: Nach beendeter Saat brachten die Bauern eine Menge Kartoffeln billig auf den Markt und die Stadt konnte später froh sein, daß der Bahnbauunternehmer Herling einen großen Teil für seine Kriegsgefangenen kaufte, siehe April 29 ff.).
 
1915 April 19: Die Bürgerschule hat Kriegsferien; am Samstag ist der Lehramtspraktikant Vögtle versetzt worden; es ist kein Lehrer mehr da.
 
1915 April 20: Kriegskontrollversammlung um ½ 9 Uhr in der Turnhalle, zu der alle Männer von 17–45 Jahren erscheinen müssen, die nicht eingezogen oder dauernd untauglich sind. – Von heute an wird wegen der Fliegerfahr die Bogenlampenbeleuchtung der Hauptsraße eingestellt.
 
1915 April 21: Heute, Mittwoch, sah ich, wie ein Münstertäler Bote auf dem Turnplatz sein Pferd von seinem Wagen weg einem Juden um 1900 Mark verkaufte, ein Pferd, das vor dem Krieg einen Wert von höchstens 600 Mark hatte. Pferde, wie sie die hiesigen Fuhrleute haben, kosten jetzt 3000 Mark.
 
1915 April 22: Die Teerung der Hauptstraße kann dieses Jahr nicht stattfinden, da, laut Mitteilung der Wasser- und Straßenbauinspektion, der Teer fehlt.
 
1915 April 24: Marxtag. Durch Verfügung des bischöflichen Ordinariats dürfen in den durch Flieger gefährdeten Gegenden die Prozessionen und Bittgänge unterbleiben, es fällt deßhalb der heutige Bittgang aus. (P.s.: Es wurden auch sonst in diesem Jahre keine Prozessionen und Bittgänge abgehalten, nur am Allerseelentag ging man gemeinsam auf den Friedhof.)
 
1915 April 25: Mit dem 4-Uhr-Zuge kamen heute die ersten Kriegsgefangenen – Zivilgefangene aus Nordfrankreich – hierher und treten, 50 Mann stark, sofort den Marsch ins Münstertal an, wo sie am Bahnbau arbeiten werden.
 
1915 April 28: Frau Zimmermeister Bihlmann Witwe hat heute die amtliche Nachricht erhalten, daß ihr ältester Sohn, Emil Bihlmann, der seit dem 1. Januar vermißt war, bei den Kämpfen in Flandern den Tod gefunden hat (siehe Januar 1). Er wurde bei dem Rückzuge bei New-Port [Nieuwpoort, Belgien] vermißt und man nahm an, daß er ertrunken sei. Bihlmann war beim Reserve-Infanterie-Regiment 239; er ist, wie aus dem Kriegsministerium der Mutter geschrieben wurde, am 3. November bei Paschendaale [Passchendaele] unweit Ypern in Belgien gefallen.
 
1915 April 29: Mit dem Verkauf der städtischen Kriegskartoffeln wurde heute begonnen, es wurden aber beim Preis von 6,- Mark per Zentener nur 37 Zentner verkauft, da ein Preissturz eingetreten ist. Gestern waren hier auf dem Wochenmarkt über 300 Zentner, es wurde aber nur wenig verkauft und zwar zum Preis von 4–5 Mark per Zentner.
 
1915 Mai 2: Im Oberelsaß wird heute wieder ein gefallener Staufener beerdigt: Emil Gutmann, Sohn des Fabrikarbeiters Karl Gutmann-Seywaldt. Er wurde bei Waldighofen im Oberelsaß, wo er als „Landsturm ohne Waffe“ einer Armierungskompagnie zugeteilt war, von einer Fliegerbombe getroffen.
 
1915 Mai 3: Wegen des großen Siegs, den General Mackensen und Erzherzog Ferdinand in den Karpathen über die Russen errungen, haben wir heute geflaggt.
 
1915 Mai 8: Die letzten diesjährigen Rekruten mußten heute einrücken. – Trotz des großen Siegs in Galizien herrscht hier große Sorge wegen der bundeswidrigen Haltung Italiens.
 
1915 Mai 10: Von den hiesigen Teilnehmern an der Schlacht bei Ypern treffen nun Nachrichten ein: von Fritz Wallraff, der mit seiner Kopagnie durch den Ypern-Kanal mußte, von Feldwebelleutnant Erb, der als Compagnieführer 5 englische Kanonen erbeutet habe und von dem Chauffeur Ruch, der schreibt, er sei „einer der Stinker von Langemark“.
 
1915 Mai 13: Heute wurde in Sulzburg ein im dortigen Genesungsheim an Brustfellentzündung gestorbener älterer Zivil-Gefangener aus Nordfrankreich, der im Münstertal am Bahnbau gearbeitet hatte, beerdigt. – Vier Italiener aus dem Münstertal, die vorgestern mit dem Auto nach Basel fuhren, um sich in ihrer Heimat zu stellen, wurden an der Grenze zurückgewiesen und mußten wieder zurückkehren.
 
1915 Mai 14: Im Ausland scheint man einen sonderbaren Begriff zu haben wegen unserer „Hungersnot“. Küfer Mußler erhielt heute von seiner in Amerika lebenden Tochter mit der Post 10 Pfund Mehl (für das sie in Amerika 7 Mark bezahlt hat), Frau Gramelspacher von ihrem Sohn in Amerika Zwieback, und eine Freundin von Frl. Elsa Rieger sandte ihr aus der Schweiz eine Wurst. – Von den von der Stadt gekauften Kartoffeln sind noch 170 Zentner da; sie sollen jetzt rasch um billigen Preis verkauft werden, da von einem Kartoffelmangel keine Reder mehr sein kann.
 
1915 Mai 20: Kaminfeger Pfeifer wurde heute benachrichtigt, daß sein jüngster Sohn Rudolf, 20 Jahre alt, auf der Lorettohöhe bei Arras schwer verwundet worden sei und jetzt im Lazarett in Frankfurt liege. – Soeben triftt die Nachricht ein, daß am 11. diesen Monats ebenfalls auf der Lorettohöhe der Sohn des verstorbenen Stadtrechners, der Hauptlehrer und Leutnant Emil Stoll gefallen sei. Ein harter Schlag für die Mutter, deren Stolz und Ernährer er war. Er diente im Infanterie-Regiment 109, wurde im Krieg zum Leutnant befördert und erhielt das Eiserne Keuz und den Zähringer Löwenorden. Die Trauer um den jungen Mann ist allgemein. – Der Kriegsfreiwillige im Infanterie-Regiment 113, Postbote Gamp, hat das Eiserne Kreuz erhalten.
 
1915 Mai 24: Heute, Pfingsten, in der Frühe wurde die italienische Kriegserklärung hier bekannt, unsere neuen großen Erfolge in Rußland lassen darüber aber keine großen Sorgen aufkommen. – Der kriegsfreiwillige junge Lehrer Karl Dufner ist zum Offiziersausbildungskurs nach Döberitz kommandiert worden. – Die Eltern des seit Anfang Februar (siehe 6. Februar) vermißten Kriegsfreiwilligen Karl Herzog wurden von 2 in englischer Gefangenschaft befindlichen Regimentskameraden aus Rimsingen und Kirchhofen benachrichtigt, daß Herzog seiner Zeit an einem Kopfschuß gefallen sei.
 
1915 Mai 27: Heute wurden wieder viele Landsturmmänner eingezogen; allein in Freiburg 1700 Mann. Von hier u.a. Kaufmann Micht [?], Glaser Sumbert, Schneider Haas, Seiler Hangartner, Schneider Schemp. – Gestern wurde im Müstertal einer der Kriegsgefangenen, ein französischer Zivilgefangener, durch den evangelischen Pfarrer Trenkle von hier beerdigt, er war beim Bahnbau verschüttet worden. – Die hiesige Stadt hat zu landwirtschaftlichen Arbeiten um 20 Kriegsgefangene nachgesucht, man beabsichtigt sie im Amtsgefängnis wohnen zu lassen. (P.s.: sie wurden in der „Krone“ untergebracht.)
 
1915 Mai 29: Postassistent Paul Lang, Einjährig-Freiwilliger, wurde zum Leutnant ernannt, Architekt Guggolz, ebenfalls Einjähriger, ist zur Zeit in der Offizierschule in Döberitz. – Nach einer auf dem Rathause gemachten Zusammenstellung sind gegenwärtig von hier 281 Mann unter den Waffen.
 
1915 Juni 3: Heute abend traf die Nachricht vom Fall von Przemysl [Polen] ein. Es wurde sofort geflaggt und – zum erstenmal in diesem Kriege – mit allen Glocken geläutet. – Die Kriegsgefangenen kommen vorläufig nicht, da auf dem Heuberg unter ihnen der Typhus herrsche.
 
1915 Juni 7: Die hier wohnenden Italiener, 10 Männer, stehen unter Kontrolle; jeden abend um 8 Uhr müssen sie beim Ratsdiener erscheinen und ihren Namen in eine Liste eintragen. Vier von ihnen machen dabei Kreuze, da sie ihren Namen nicht schreiben können. – Der Hornist Franz Hoch von hier, im Wiesental verheiratet, hat das Eiserne Kreuz erhalten.
 
1915 Juni 9: Heute nachmittag kamen 20 französische Kriegsgefangene von dem Heuberg nach Grunern. (In der nächsten Zeit erhalten fast alle Gemeinden Kriegsgefangene, welche gemeinsam wohnten, aber bei den Bauern arbeiteten.)
 
1915 Juni 17: In der Turnhalle findet heute die Abnahme der Getreidevorräte der hiesigen Bauern durch den Kommunalverband statt. – Postassistent Karl Hog, Leutnant und Batterieführer, hat den Zähringer-Löwenorden II. Klasse erhalten, ebenso auch das Eiserne Kreuz.
 
1915 Juni 18: Eine neue Abteilung Landsturm wurde heute eingezogen; von hier unter anderem Landwirt Roth (Train), Anwalt Lederle (Postüberwachungsstelle Konstanz), Metzger M. Heckle (Armierungssoldat).
 
1915 Juni 19: Der drittälteste Sohn des Kronenwirts L. Maier, der Kaufmann und Musketier Karl M. im Infanterie-Regiment 113 soll gefallen sein. Schon vor 8 Tagen erhielten die Eltern die Nachricht, er sei schwer verwundet, nun hat aber der Sohn des Rößlewirts von St. Ulrich geschrieben, Maier sei auf dem Schlachtfeld in seinen Armen gestorben. (P.s.: die Verlustliste nannte ihn „leichtverwundet“; da aber kein Lebenszeichen mehr von ihm (bis heute 2.2.1916) von ihm kam, wird er wohl gefallen sein.)
 
1915 Juni 22: Soeben, nachts ½ 11 Uhr, beginnt das Festgeläute: Lemberg ist erobert. Reisende, die von Freiburg kommen, brachten die Nachricht; dort sei um ¾ 9 Uhr geläutet worden.
 
1915 Juni 24: Johanni! Das Johannisfeuer, das jedes Jahr auf dem Schloßberg abgebrannt wird, ist dieses Jahr ausgefallen. Die Knaben denken nicht ans Sammeln von Holz. Dem Ernst der Zeit fällt auch dieses Jugendfest zum Opfer.
 
1915 Juni 27: Ein gebürtiger Staufener, mein Schulkamerad Theodor Finner, Major und Bataillonskommandeur hat das Eiserne Kreuz I. Klasse erhalten.
 
1915 Juni 28: Heute mittag sind unsere Kriegsgefangenen, 10 Russen, eskortiert von 2 Landsturmmännern, eingetroffen. Sie wurden sofort in ihr Quartier, die „Krone“, geführt. Die Stadt bezahlt für ihr Quartier aus der Stadtkasse täglich 40 Pfennig pro Mann, ebenso 3 Mark Verpflegung für jeden Wachmann. Verköstigt werden die Gefangenen von ihren Arbeitgebern.
 
1915 Juli 4: Die russischen Kreigsgefangenen sind schon in voller Arbeit und die Leute sind mit ihnen sehr zufrieden. Heute, Sonntag, wurden sie durch die Wachmänner ins [?, ein Wort unleserlich] in die Kirche geführt. – Nach kurzer Pause fallen wieder schwere Schüsse im Oberelsaß.
 
1915 Juli 5: Nach Freiburg wurden heute 1000 Verwundete aus dem Oberelsaß gebracht, die dortigen Lazarette werden geräumt, da man im Elsaß eine italienisch-französische Offensive befürchtet. Neue Sorgen für uns!
 
1915 Juli 6: Die ganze Nacht und den ganzen heutigen Tag unaufhörliches Schießen im Elsaß, das zeitweilig ganz beängstigend wird. Im Elsaß seien viele tausende Russen mit dem Anlegen neuer Schützengräben beschäftigt und zu Heitersheim, Krozingen usw. stünden leere Personenzüge, um diese Leute bei einem Einbruch rasch wegzubringen. Der Verkehr mit der Schweiz ist ganz unterbrochen.
 
1915 Juli 7: Auch gestern nacht und heute fortdauerndes Schießen; die Leute gehen auf den Schloßberg, um abends das Feuern zu sehen. Heute berichteten Marktleute, daß die Elsäßer Züge auf unserer badischen Bahn fahren; der Bahnhof von Lutterbach sei ganz zerstört. – Ernst Meyer, Sohn des verstorbenen Färbers Mayer hier, Landwehrunteroffizier im Landwehr-Infanterie-Regiment 110, hat das Eiserne Kreuz erhalten.
 
1915 Juli 11: Direktor Heinz Wustrow von der Gummiwarenfabrik ist gefallen; er hinterläßt eine junge Frau mit 2 Kindern und seine Mutter, die sehr bemitleidet werden. Als Landsturmmann war er vor 8 Tagen nach Arras zum Infanterie-Regiment 170 an die Front gekommen. – Abends ½ 9 Uhr große Aufregung. Zwei Russen, die im Gotthardhof beschäftigt wurden, sind durchgebrannt.
 
1915 Juli 15: Heute früh kamen 3 Todesnachrichten auf das Rathaus. Es sind gefallen: Hermann Lang, Gärtner, der jüngste Sohn des Sägers Christian Lang, 23 Jahre alt, im Westen; ferner Friedrich Büchele, geb. 1888, Sohn des verstorbenen Schneiders Büchele, und – zwar kein Staufener, aber vor dem Krieg hier wohnend – Geometerpraktikant Keim, der am 21. Mai verschüttet wurde. Büchele fiel an der Dubissa [Dubysa, Nebenfluss der Memel in Litauen].
 
1915 Juli 16: Meine Schwägerin [Marie Hugard, Ehefrau von Bürgermeister Albert Hugard] leitet für den Bezirk die Sammlung „Kaiserspende deutscher Frauen“, die dem Kaiser am 2. August für seine Krieger überreicht werden soll. Gestern war Schluß der Ortssammlungen. In Staufen wurden 595 Mark gesammelt; im ganzen Bezirk 3345 Mark.
 
1915 Juli 17: Aus Staufen steht an der italienischen Grenze der Offizierdiensttuer Kunstmaler Jerusalem (1. Deutsches Alpenregiment in Meran); auch einige andere Soldaten werden genannt (Bayer, Zimmermann), die dort stehen sollen.
 
1915 Juli 19: Ein Kriegsgefangenen-Curiosum. Auf dem Stohren waren 30 Russen, für die man keine Arbeit mehr hatte. Heute früh brachte man sie zu Fuß nach Freiburg, wo sie nach Rastatt zurückfahren sollten. Bahnbauakkordant Herrling hörte davon und reiste ihnen nach nach Freiburg und brachte sie für seinen Bahnbau wieder zurück. Heute mittag marschierten sie wieder hier durch auf dem Wege ins Münstertal. (P.s.: Als diese Leute am folgenden Tag an die Arbeitsstelle – Kiesgruben beim Metzenbach – gebracht wurden, weigerten sie sich zu arbeiten und legten sich ins Gras, so daß sie Herrling notgedrungen am Mittag nach Rastatt zurückbringen mußte.)
 
1915 Juli 22: Der eine der hier am 11. diesen Monats entflohenen Russen wurde gestern in Auggen verhaftet und heute nach Rastatt gebracht. Der Wachmann brachte dafür 2 andere hierher, so daß ihre Zahl wieder 10 erreicht.
 
1915 Juli 27: Auch der zweite der hier entflohenen Russen ist jetzt in Grenzach, als er die Grenze überschreiten wollte, festgenommen worden.
 
1915 Juli 28: Der heftige Kanonendonner, der seit 4 Tagen aus dem Elsäßer Münstertal zu uns herübertönt, hat aufgehört; dagegen sieht man immer noch von hier ein Dorf bei Münster brennen.
 
1915 Juli 31: Gestern und heute früh 6 Uhr flogen feindliche Flieger über unsere Gegend nach Freiburg, wo sie viele Bomben warfen. Man sah hier die Schrapnellwölkchen der Abwehrgeschosse und hörte sogar das Sausen der Geschosse, die von Munzingen aus abgegeben wurden. Heute früh mußte einer der feindlichen Flieger bei Eschbach landen, was natürlich viele Neugierige dorthin lockte.
 
1915 August 1: Annafest und Jahrestag des Kriegsbeginns. Annafest: Hochamt und Festpredigt, sonst nichts; keine Prozession, keine Fremden und statt der Böller tönen die Kanonen aus dem Elsaß so laut, daß man’s in der Kirche hören konnte. – Abends ½ 10 Uhr: Soeben komme ich von der Wettelbrunner Straße; in den Vogesen sah ich die Leuchtkugeln aufsteigen, rote und weiße, und auch das Aufblitzen der Kanonen konnte ich sehen; dabei unaufhörliches Rollen der Geschütze. (P.s.: Die Franzosen schossen an diesem Abend die Hotels auf den „3 Ähren“ zusammen.)
 
1915 August 4: Jakobimarkt. Welch‘ ein Unterschied gegenüber dem letzten Jahr! Damals Panik und gar kein Markt, und heute, wenigstens für uns, der stärkste Markt seit vielen Jahren; ein Beweis, welch‘ festes Vertrauen man auf einen glücklichen Ausgang des Kriegs hat.
 
1915 August 5: Eine herrliche Nachricht traf um 4 ½ Uhr nachmittags ein: Warschau gefallen. Sofort wurde geflaggt und ebenso schnell begann das Läuten von den beiden Kirchtürmen.
 
1915 August 10: Die Mannschaften von 1875 haben heute ihre Stellungsbefehle zur Musterung erhalten, mit Ausnahme der Bauern, die erst später geholt werden. – Der Bahnbauunternehmer sucht hier Wohnung für 30 Russen.
 
1915 August 15: Die Teuerung dürfte, abgesehen von Fetten und Oelen, ihren höchsten Stand erreicht haben [folgt Preisliste für Lebensmittel und andere Güter des täglichen Bedarfs].
 
1915 August 16: Frau Hafnermeister E. Keller Witwe wurde heute nachmittag telegraphisch aufgefordert, sofort ihren Sohn, der im Lazarett in Dirschau [Tczew, Polen] liegt, zu besuchen. Es ist die dritte Verwundung dieses jungen Mannes, an der er darniederliegt. (P.s.: Er hatte einen Starrkrampfanfall; er hat sich aber wieder erholt.)
 
1915 August 18: Gestern abend 5 Uhr und heute früh kamen die Telegramme vom Falle der Forts und der Festung Kowno [Kaunas, Litauen] mit einer riesigen Beute. Wir haben gestern und heute geflaggt.
 
1915 August 21: Die Granatendreherei, welche H. Hipp in seiner Gummifabrik eingerichtet hat, ist nun in vollem Betrieb, es wurden mehrere Wagenladungen Drehbänke aufgestellt und es ist jetzt, da in mehreren Schichten gearbeitet wird, ein ununterbrochener Tag- und Nachtbetrieb eingeführt. – Zur Abnahme der Granaten ist ein Oberfeuerwerker hier einquartiert, der während des Kriegs hier bleiben soll. Gestern kam eine Wagenladung Rohgranaten an.
 
1915 August 23: Das Bezirksamt hat heute den Höchstpreis für Zucker festgesetzt: Stockzucker 1 Pfund 28 Pfennig (bisher 32), Würfel-, Gries- und Staubzucker 30 (34), Kristallzucker 28 (32). Durch diese Preisfestsetzung werden die Kaufleute sehr geschädigt, da sie bereits den Herbstbedarf zu den hohen Preisen gekauft haben.
 
1915 August 26: Um ½ 5 Uhr wurde geflaggt und um 5 Uhr mit allen Glocken geläutet wegen der Eroberung von Brest-Litowsk. Die Urlauber aus Rußland haben in ihrem Paß den Vermerk: Falls während des Urlaubs Waffenstillstand eintreten sollte, haben sich die Urlauber nicht beim Regiment, sondern beim Bezirkskommandeur zu stellen. Ein Friedensvorbote?
 
1915 September 1: Schon wieder eine Freudennachricht: um 7 ½ Uhr abends wurde bekannt, daß die Festung Luk (Lonitz) [?, nicht identifiziert] gefallen sei. Um ½ 9 Uhr wurde mit den Glocken geläutet und als wir auf die Straße eilten, sagte man, es seien dort 90.000 Mann gefangen und 1200 Geschütze erbeutet worden und es herrschte großer Jubel.
 
1915 September 2: Die gestrige Nachricht von der gewaltigen Beute war falsch; zum Läuten lag somit gar keine Veranlassung vor.
 
1915 September 3: Grodno [Hrodna, Weißrussland] gefallen, um7 Uhr abends Festgeläute und Beflaggen der Häuser. – Die Witwe des verstorbenen Maurerpoliers Grafried erhielt heute die telegraphische Nachricht, daß ihr jüngster Sohn Albert Grafried in den Kämpfen bei Warschau gefallen sei. Er war 22 Jahre alt und Fabrikarbeiter.
 
1915 September 7: Heute vormittag konnten wir sehen, wie 3 Flieger Freiburg bombardierten; am klaren, blauen Himmel waren die Schrapnellwolken deutlich zu sehen.
 
1915 September 8: Architekt Guggolz, von der Firma Schlenker und Guggolz, ist gefallen. Bei Kriegsausbruch trat er als Einjähriger ein, er erhielt das Eiserne Kreuz und als Leutnant ist er jetzt in Rußland gefallen. Er war ein vielversprechendes Talent.
 
1915 September 11: Erst heute erhielten die Eltern des Anfangs des Jahres gefallenen Karl Herzog (siehe Februar 6) die amtliche Nachricht, daß ihr Sohn durch einen Kopfschuß gefallen sei.
 
1915 September 19: In Krozingen ist wieder eine Bahnwache, die eine auf dem Militärgeleise stehenden Munitionszug – 3. Staffel? – bewachen muß. Es sollen in allen Bahnhöfen des Oberlands solche Züge stehen. (P.s.: dieser Zug blieb den ganzen Winter über da stehen; es wurden je nach Bedarf einzelne Wagen weggefahren und dann wieder andere gebracht.
 
1915 September 23: Herbstanfang! Und noch immer tönt aus dem Elsaß der Donner der Geschütze, gerade wie vor einem Jahr, als wir herbsteten.
 
1915 September 24: Der Herbst steht im Zeichen des Kriegs, fast bei jedem Herbstwagen sieht man Soldaten oder Kriegsgefangene, die meisten Wagen der Auswärtigen, die hier herbsten, werden von Russen gefahren, aber auch fast bei jedem Wagen sind Soldaten. Die Mannschaften in den Garnisonen und auch von der Front im Elsaß durften zum Herbst heimkehren; vom Landsturmbataillon Freiburg konnte man Leute holen und auch von der Front in Belgien sind gegenwärtig Leute hier. Der Küfer Karl Mußler, der heute abend bei uns arbeitete, ist gestern direkt aus dem Schützengraben bei Reims heimgekehrt.
 
1915 September 30: Kanonier Karl Stöckle, Sohn des Ratschreibers, hat an der Westfront das Eiserne Kreuz erhalten. Mit Sorgen wird der Verlauf der großen französischen Offensive in der Champagne verfolgt, da dort unser Armeekorps liegt.
 
1915 Oktober 1: Als Folge dieser Schlacht erhielt das Bürgermeisteramt hier heute früh die telegraphische Anfrage, ob das Vereinslazarett wieder belegt werden könne und um 12 Uhr wurde telephoniert, daß heute noch 20 Verwundete eintreffen würden. In aller Eile wurde darauf die Kinderschule wieder als Lazarett eingerichtet. Die Verwundeten sind aber nicht gekommen.
 
1915 Oktober 3: Sonntag: die vorgestern angesagten Verwundeten sind heute eingetroffen, um ½ 1 Uhr kam das Telegramm und eine Stunde später 20 Leichtverwundete. Bei ihrer Ankunft war die Sanitätskolonne an der Bahn. – Auch der zweite Sohn des Karl Gutmann-Seywald soll gefallen sein; Sicheres ist aber noch nicht bekannt (siehe Oktober 30).
 
1915 Oktober 7: Heute nachmittag war Major Müller-Provinin [?, Ortsname unleserlich] und sein Adjutant von Heitersheim hier, um einen Platz auszusuchen für ein Fliegerabwehrgeschütz. Es soll ein Abwehr-Kommando hierher gelegt werden. (P.s.: Es handelte sich um eine Flugwache, siehe unten.) – Landsturmmann Blattmann, Buchhalter bei Wehrle, hat das Eiserne Kreuz erhalten.
 
1915 Oktober 9: Von heute nacht an werden die „halbnächtigen“ Lampen der Straßenbeleuchtung wieder gebrannt, die Bogenlampen werden aber der Fliegergefahr wegen noch immer nicht benutzt.
 
1915 Oktober 15: Ein Fliegerabwehrgeschütz (P.s.: es war eine Flugwache, kein Geschütz) kommt auf den Schloßberg. Die Stadt hat heute bei Hafner Briehm für die Mannschaften (6 Mann) eine Wohnung gemietet für 20 Mark pro Monat. – Seit gestern sind die Männer im Lazarett einem Unteroffizier unterstellt; letzterer ist von Beruf Ingenieur.
 
1915 Oktober 16: Die Betonmaschine bei der Baustelle der Münstertäler Eisenbahnbrücke wurde gestern weggeholt, obgleich die Zementarbeiten noch nicht ganz fertig sind. Sie kommt ins Oberelsaß in die Schützengräben.
 
1915 Oktober 17: Der Kommunalverband Staufen, der die ganze Brotversorgung des Bezirks vermittelt, hat die ganzen Fruchtvorräte aufgekauft. Der Kauf sollte durch die Fruchthändler des Bezirks als „Commissionäre“ besorgt werden. Da diese aber wegen der angeblich zu niederen Provision abgelehnt haben, besorgt der Geschäftsführer, Albert Gysler , den Ankauf allein. 6000 Zentner Frucht lagern bereits in seiner (ehemaligen) Mühle, weitere 16.000 Zentner sollen noch hinzukommen. Als Lagerhalle hat der Kommunalverband die Turn- und Festhalle gemietet, als Miete bezahlt er rmonatlich 45 Mark. – Konditor August Villinger wurde gestern benachrichtigt, daß sein ältester Sohn, der Konditor Aug. [Emil] Villinger, in Rußland durch einen Kopfschuß schwer verwundet worden sei und daß er jetzt in Danzig im Lazarett liege. – Unser Nachbar erhielt heute mit der Post Briefe und Pakete zurück, die er seinem Sohn, dem Einjährigen und Kriegsfreiwilligen Fritz Wallraff gesandt hatte: sie trugen den Vermerk „verwundet“ und „gefallen“. Überall Kummer und Sorgen! (Siehe Oktober 20.)
 
1915 Oktober 20: Heute früh wurde unserem Nachbar Wallraff durch das Regiment mitgeteilt, daß sein Sohn Fritz Wallraff (siehe oben Oktober 17) gefallen sei. Er hatte noch am 7. Oktober nach Hause geschrieben, daß sein Regiment für den folgenden Tag nördlich Arras zum Sturm befohlen sei; es gehe in den Tod. Bei diesem Sturm fiel er und mit ihm der größte Teil seiner Compagnie.
 
1915 Oktober 22: Das hiesige Vereinslazarett in der Kinderschule, das man vor 3 Wochen über Hals und Kopf wieder hatte einrichten müssen, ist schon wieder aufgelöst. Gestern kam – ohne Angabe eines Grundes – die Nachricht, daß es wieder geschlossen werde und heute mittag haben die Insassen, 20 Mann, Staufen wieder verlassen. – Dagegen ist heute früh die angemeldete Flugwache (nicht Abwehrkommando), bestehend aus 6 Mann des 76. Feld-Artillerie-Regiments hier eingetroffen. Die Mannschaften sind im Briehm’schen Hause untergebracht; sie essen im „Löwen“ (pro Tag und Mann 2 Mark); je 2 Mann, ein Beobachter und ein Telephonist, sind ständig auf dem Turm der Burg Staufen.
 
1915 Oktober 29: Gestern war die Musterung der Siebzehnjährigen. Die reinen Kinder! – Morgen müssen von hier wieder viele Leute einrücken, man sagt 18 Mann, darunter Fabrikant Groschupf, Chemiker Pikosch, Uhrmacher Mayer und viele Landwirte. Groschupf hat die Fabrik geschlossen, alle Leute sind entlassen und nur Spinnmeister Herzog bezieht als „Hausmeister“ seinen Gehalt weiter.
 
1915 Oktober 30: Karl Gutmann-Seywaldt (siehe oben Oktober 3) erhielt nun die amtliche Nachricht, daß auch sein zweiter Sohn, Franz Gutmann, gefallen sei. Er wurde am 27. September auf dem westlichen Kriegsschauplatz durch eine Granate getötet. – Ebenso verschied heute im Lazaraett zu Danzig der älteste Sohn des Konditors Villinger, Emil Villinger, Konditor, an dem Kopfschuß, den er in Rußland erlitten hatte. Seine Eltern hatten ihn noch diese Woche besucht; bei der Heimkehr fanden sie die Depesche mit der Todesnachricht. – Abends 6 ½ Uhr: Soeben wird ausgeschellt: auf Anordnung des Generalkommandos ist die an Allerheiligen übliche Schmückung der Häuser mit brennenden Kerzen verboten (Ersparnis von Leuchtmitteln).
 
1915 Oktober 31: Gestern abend ½ 9 Uhr erhielt mit dem letzten Zuge der Eisenbahnakkordant Herling 28 französische Kriegsgefangene, die auf der hiesigen Gemarkung an der Münstertalbahn bauen sollen. Die Leute und ihre 2 Wachmänner sind in der benachbarten Brauerei Steinmann untergebracht. Die 10 landwirtschaftlichen Arbeiter, Russen, sind noch hier, man ist mit diesen ernsten, fleißigen Leuten sehr zufrieden.
 
1915 November 4: Die Franzosen (siehe oben Oktober 31), 2 Sergeanten und 26 Gemeine, sind fast durchweg Alpenjäger, sie tragen dunkelblaue Uniformen mit hellblauen, breiten Schärpen und schwarze Tellermützen. Sie arbeiten im Steiner am Bahnbau, es sind aber sehr geringe Arbeiter, mit Ausnahme von 3 des Schaffens ungewohnt. – Unterlehrer Franz Berger, zur Zeit in Serbien, wurde zum Leutnant befördert.
 
1915 November 6: Der Gemeinderat hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, wegen der Teuerung einen städtischen Seefischverkauf einzuführen. Die Fische sollen im neuen Eckraum des Kronhauses durch Ratsdiener Seng ausgewogen werden – der Petroleumknappheit wegen wird die Stadt von nun an Petroleumkarten ausgeben. Jede Haushaltung ohne elektrisches Licht erhätlt pro Monat Karten für den Bezug von 2 ½ Liter Petroleum.
 
1915 November 9: Abends ½ 7: Die Flugwache auf dem Schloßberg teilt telephonisch abends um ½ 7 Uhr mit, daß ein feindliches Fluggeschwader von ca. 50 Flugzeugen gemeldet sei, man solle sofort die Straßenbeleuchtung abdrehen. Um ½ 9 Uhr wurde angefragt, ob wieder beleuchtet werden könne, worauf von Freiburg aus die Genehmigung erteilt wurde. Die Flugzeuge waren zu Markirch gesichtet worden, sie kamen aber nicht das Land herauf.
 
1915 November 15: Heute Donnerstag früh, 8 Uhr, begann der erste städtische Seefischverkauf. 1 Zentner Seefische, Schellfische und Seelachs, per Pfund zu 50 und 60 Pfennig, wurde in ½ Stunde verkauft.
 
1915 November 15: Die Zufuhr von Frucht aus dem Bezirk an den Kommunalverband ist gegenwärtig gewaltig; heute nachmittag standen gegen 20 beladene Wagen bei der Gysler’schen Mühle. Die Festhalle ist ganz gefüllt und es wird gegenwärtig in der Groschupf’schen Scheuer abgeladen. Auch auswärts werden noch Lokale gemietet.
 
1915 November 20: Gestern abend kam zu den bisherigen hiesigen Kriegsgefangenen noch eine 3. Abteilung: durch Vermittlung der Handwerkskammer erhielten die hiesigen Handwerker 6 Russen als Gesellen. Untergebracht sind sie mit ihrem Wachmann ebenfalls in der „Krone“; in Arbeit sind sie: 3 Mann bei Stuhlfabrikant Wacker, 2 bei Mechaniker Fark und 1 bei Metzger Steiger.
 
1915 November 22: Weihnachtsvorbereitungen: das Rote Kreuz hier erhielt 200 „adressenlose“ Weihnachtsschachteln für Krieger zum Füllen; 87 wurden von hiesigen Einwohnern zum Füllen abgeholt; für die anderen bewilligte der Ortsausschuss 800,- Mark, wofür die Damen des Frauenvereins Gaben kauften und die Schachteln füllten. – Sämtliche Schachteln aus dem ganzen Bezirk wurden auf dem Rathause hier gesammelt, wo sie von den Ratsdienern in „Einheitskisten“ mit je 50 Stück verpackt wurden. – Der Frauenverein schickte ferner jedem Soldaten (außer der Rekruten) ein Paket mit 1 Birnwecken und anderen Gaben. Zu dieser letzteren Sendung habe ich die Adressen (je 210 Adressen und Paketadressen) geschrieben. – Von der Stadt erhielt jeder Soldat nur 1 Paketchen mit Cigarren, darin wurde aber ihnen mitgeteilt, daß die Soldatenfrauen hier größere Geldgeschenke erhalten würden.
 
1915 November 23: Das Generalkommando in Karlsruhe erhielt von hier einen Brief ohne Namensunterschrift, worin sich einer beschwerte, es würden von hier „presthafte“ Leute, darunter sogar einer mit „einem steifen Hals“ eingezogen, während 5 gesunde, kräftige Männer: der Baumeister Wehrle, sein Zimmererpolier Trefzer, Mechaniker Brandner, Bierhändler Faller und Landwirt Meyer frei bleiben. Der anonyme Briefschreiber ist wohl ein Konkurrent Wehrles, ein Zimmermeister „mit einem steifen Hals“, der seit Anfang des Kriegs eingezogen ist. Das Bürgermeisteramt mußte die Militärpapiere der Genannten einsenden (P.s.: Trefzer wurde eingezogen, die anderen nicht.)
 
1915 November 25: Unterlehrer Franz Rißler, Sohn des Bierwirts „Zum Münstertal“, ist letzte Nacht in einem Lazarett zu Darmstadt seinen Wunden erlegen; er hatte eine Wunde am Knie.
 
1915 November 28: Die Beerdigung Rißlers fand heute nachmittag statt, die erste Kriegerbestattung, die Stadt widmete einen Lorbeerkranz mit schwarz-weiß-roter Schleife, die Jugendwehr und der Militärverein nahmen daran teil. Eine Corporalschaft des Heitersheimer Ersatzbataillons gab die Ehrensalve.
 
1915 Dezember 1: Frau Bildhauer H. Mayer Witwe wurde gestern abend benachrichtigt, daß ihr jünster Sohn Kuno Mayer,Gärtner und Totengräber, gefallen sei, er wurde im Schützengraben von einem Granatsplitter am Kopfe verwundete und starb nach einigen Stunden.
 
1915 Dezember 4: Gegenwärtig sind von Staufen 373 Mann unter den Waffen. Frau Josephine Fix, die vor 30 Jahren ausgewandert ist, erinnert sich auch der alten Heimat, sie sandte aus Pennsilvanien dem Frauenverein 20 Mark für die armen Kinder . – Von den vor einigen Wochen hierher verlegten 30 kriegsgefangenen Franzosen, die am Bahnbau arbeiten sollten, sind nur noch 8 hier; die anderen wurden gestern ins Gefangenendepot zurückgebracht, da sie nicht arbeiten wollten oder konnten. An ihre Stelle kamen Russen aus Rastatt.
 
1915 Dezember 6: Von allen Seiten hört man von Truppenverlegungen, einer raunt's dem andern zu: Altkirch soll bis zum 15. Von den Einwohnern geräumt werden, in der Champagne gehe es nächster Tage los, Mackensen sei mit türkischen Regimentern schon dort.
 
1915 Dezember 8: Die 10 Russen, die bei den Bauern arbeiten, haben gestreikt. Sie verlangten einen anderen Wachmann, da der jetzige saufe. Sie gingen gestern und heute nicht an die Arbeit, heute vormittag wurden sie nun durch Gendarmen ihrenArbeitsgebern zugeführt, und drei, die sich auch jetzt weigerten zu arbeiten, wurden ins Amtsgefängnis gebracht. Sie kommen heute abend nach Heitersheim in den Militärarrest. (P.s.: Der Wachmann wurde nach einigen Tagen ersetzt.)
 
1915 Dezember 9: Der Bürgerausschuß hat heute einstimmig genehmigt, daß die Stadt mit einem Anteil von 1000 Mark der Einkaufsgenossenschaft Südwestdeutscher Städte in Mannheim beitritt (für Lebensmittel).
 
1915 Dezember 10: Heute vormittag nach dem Seefischverkauf fand im Kornhause zum erstenmal ein städtischer Verkauf von dänischen Kühlhaus-Eiern statt. Zum Verkauf kommen 2 Kisten mit 2800 Eiern à 16 Pfennig (Marktpreis gegenwärtig 20 Pfennig), mehr als 10 Stück wurden nicht an 1 Familie abgegeben. Verkauft wurden heute 1400 Eier. (P.s.: Dieser erste Eierverkauf war auch der letzte, da viele Eier verdorben waren.)
 
1915 Dezember 14: Am Höllenberg hörte ich heute nachmittag von Müllheim her Kanonenschüsse und das Rattern eines Maschinengewehrs, woraus ich vermutete, daß dort feindliche Flieger gesichtet worden seien. Heute abend sagte nun ein Mann der Flugwache, daß dort 10 französische Flieger erschienen und 2 davon herabgeschossen worden seien.
 
1915 Dezember 15: Die Stadt hat 370 Soldatenpaketchen mit Cigarren abgesandt (siehe November 22), dagegen erhielt jede auch nur einigermaßen bedürftige Soldatenfrau 10 Mark zu Weihnachten. Der Männerhilfsvein sendet jedem der 3 Krankenträger des Vereins 20 Mark.
 
1915 Dezember 20: Das bei der freiwilligen Kupferablieferung gesammelte Kupfer, im Gesamtgewicht von 30 Zentnern, wurde aus dem ganzen Bezirk gestern am Bahnhof hier verladen. Zufällig sah ich, daß dabei von Kirchhofen zwei schöne Pauken, wohl aus der Kirche stammend abgeliefert wurden.
 
1915 Dezember 25: Zweite Kriegsweihnacht! Und wie vor einem Jahre sind auch heute wieder schwere Kämpfe am Hartmannsweiler Kopf und die Geschütze dröhnen unaufhörlich Tag und Nacht.
 
1915 Dezember 29: Karl Müller, Sohn des Johann Müller, hat an Weihnachten das Eiserne Kreuz erhalten.
 
1915 Dezember 31: Heute abend ½ 8 Uhr ertönte hier ein sonderbares Getöse, dem 6 Minuten später nach ein zweites, stärkeres folgte; ich hatte das Gefühl als ob von der Straße her ein fürchterlicher Sturmwinde dem Hause einen Stoß versetze. Alle Türen und Fenster schlotterten, einzelne Türen und Fenster sprangen auf. Leute, die auf dem Weg zur Kirche waren, kehrten vor Angst wieder um und eine Frau wurde auf dem Marktplatz vor Schrecken ohnmächtig. Ich hielt die Schläge für Erdbeben; andere behaupten aber, es seien Explosionen oder Schüsse der Dicken Berta im Elsaß. Jedenfalls ein unheimlicher Jahresabschied! 10 ½ Uhr nachts: Die Flugwache erzählt: von Freiburg aus habe man durchs Telephon angefragt, was das Getöse bedeute. Auf dem Schloßberg hier sah man das Steigen einer Leuchtkugel, unmittelbar darauf einen Feuerschein und dann den Donner. Es war also eine Mine oder ein großer Schuß.

1916

1916 Januar 3: Der Schuß am Silversterabend wurde bis Pforzheim hinab und sogar in Württemberg gespürt. Die Franzosen haben auf dem Bahnhof Bollweiler [Bollwiller, Dep. Haut-Rhin] mit weittragenden Geschützen 2 Munitionswagen, die am Mittag angekommen waren, in die Luft gesprengt.
 
1916 Januar 6: Im vergangenen Jahr fanden hier nur 2 Trauungen statt, gegen 12–16 in normalen Zeiten. Auch in der Pfarrei St. Trudpert gab's bei 5000 Seelen nur 2 Trauungen.
 
1916 Januar 8: Heitersheimer Compagnien kommen häufig hier durchs Städtchen und rasten auf dem Marktplatz. Während einer solchen Ruhepause trug heute ein aus Soldaten gebildeter Männerchor 4-stimmige Lieder vor. Ein eigenartiges Bild! Umso mehr, als dazwischen aus dem Elsaß herüber die Geschütze donnerten.
 
1916 Januar 12: Letzten Samstag und Sonntag fanden aller Orten durch vereidigte Personen eine Nachkontrolle der Brotfrüchte statt, welche die Bauern als Selbstversorger zurückbehalten durften. Hier wurde diese Kontrollaufnahme durch Mühlebesitzer C.A. Gysler und Ratsdiener Seng vorgenommen. Bei den hiesigen 67 Selbstversorgern wurde über 200 Zentner zu viel zurückbehaltene Frucht gefunden. (P.s.: Noch frecher hatten die Bauern in den Landgemeinden betrogen. Es wurde so viel gefunden, daß der Amtsbezirk Staufen aus einem „Minus-Bezirk“ mit 4000 Zentner Mangel an Frucht nun zu einem „Plus-Bezirk“ wird, der 5000 Zentner abgeben kann.) – In Dottingen wurde eine Mühle polizeilich geschlossen, weil daselbst Mehl von Bauern (Selbstversorgern) gemahlen wurde, die keinen amtlichen Mahlschein vorlegten.
 
1916 Januar 14: Heute nachmittag haben wir geflaggt wegen der Einnahme von Cetinje [Hauptstadt Montenegros].
 
1916 Januar 19: Die Petroleumnot ist behoben. Heute war der Petroleumwagen da; er wurde gar nicht beachtet; keine Spur mehr von dem früheren Ansturm. Die Petroleumkuriere haben geholfen.
 
1916 Januar 24: Alle Nußbäume, die 1 Meter über dem Boden einen Umfang von mehr als 1 Meter haben, müssen angemeldet werden. Wir haben 2 Bäumchen im Finsterbach (1,08 und 1,25 m) angemeldet.
 
1916 Januar 29: Kaisers Geburtstag. Wie an allen anderen Orten, wird auch hier eine Haussammlung für das Rote Kreuz vorgenomen. Sammler sind die beiden Ratsdiener Seng und Obergfell. Das Ergebnis beträgt 490 Mark.
 
1916 Januar 28: Heute nacht hat ein französischer Lenkballon in Freiburg Bomben geworfen und großen Schaden angerichtet. Hier gingen viele Leute ins Freie, um die Scheinwerfer zu sehen, die vom Rhein bis Straßburg herab den Himmel absuchten. – In der Pfarrkirche hier wird wegen Ölmangels von jetzt an das Ewige Licht nur noch unter Tags gebrannt, das Ordinariat hat auch gestattet, daß Petroleum gebrannt werde.
 
1916 Januar 31: Gestern, Sonntag abend, sind zwei Russen, die hier am Bahnbau beschäftigt und in der Brauerei Steinmann mit 20 anderen untergebracht waren, entflohen.
 
1916 Februar 1: Franz Gysler, der zur Zeit im Lazarett in Halle liegt, hat das Eiserne Kreuz erhalten. – Die Butternot wird jetzt auch hier fühlbar; wenn am Mittwoch die Butterhändlerin, Frau Pfefferle, Butter auf den Markt bringt, wird sie geradezu bestürmt, denn Bauern bringen keinen Butter mehr auf den Markt, da er überall in den Häusern aufgekauft wird. Heute waren es mindestens 50 Personen, die auf die Frau warteten und einen Kampf um den Butter führten.
 
1916 Februar 2: Säger Lang hat heute die 2 am Sonntag entflohenen Russen aufgegriffen, der Hunger hat sie wieder heimgetrieben. – Kanonier Dietsche-Falk, Fabrikarbeiter, hat das Eiserne Kreuz erhalten.
 
1916 Februar 5: Aufgeregte Gerüchte durchschwirren die Luft: 5 Millionen Soldaten seien jetzt an der Westfront, es sei dort Urlaubsperre; zwischen dem 1. und 15. gehe es los! Und ganz Gescheite wissen sogar schon wo?
 
1916 Februar 10: Gestern abend fanden hiesige Knaben im Herrenloch, an einer Tanne hängend einen kleinen französischen Papierballon, der hier niedergegangen war. Die Kinder brachten den Ballon dem Gendarmeriewachtmeister, die Flugblätter verteilten sie aber unter sich, so daß die Gendarmen wieder zusammensuchen mußten. Die Flugblätter, betitelt „Die Flugpost“, haben die Form einer deutschen Zeitung und tragen im Kopf den Reichsadler mit schwarz-weiß-roter Schleife, der Text ist aber kein Kunstwerk! – Die Seifenpreise haben eine phantastische Höhe erreicht: ein Stück à ½ Pfund weiße Kernseife kostet jetzt 74 Pfennig gegen 15 vor dem Kriege. Parrafinkerzen kosten jetzt pro Paket 90 Pfennig gegen 30 vor dem Kriege. Lampenöl und Salatöl gibt es nicht mehr; Baumöl, das auch über 4 Mark pro Liter (95 Pfennig vor dem Krieg) gestiegen war, kostet jetzt 2,50 Mark; es ist aber, wie alle Höchstpreisartikel der Reichsstellen fast gar nicht, und auch dann nur in kleinen Quanten erhältlich.
 
1916 Februar 12: Der Kommunalverband hat heute beschlossen, 1 Waggon rumänische Kleie zu beziehen. Wegen des hohen Preises dieser rumänischen Ware wird der Verband 1000 Mark zuschießen, um sie zum Preise der inländischen Kleie, die einen Höchstpreis hat, abgeben zu können.
 
1916 Februar 15: Heute wurde Alfred Ulmann in Breisach, der Mann meiner Nichte Hedwig, eingezogen. Bis zum Krieg als Militärinvalide „dienstuntauglich“, wurde er zuerst als garnisondienstfähig und heute als Unteroffizier der Freiburger 76er Artillerie „kriegsverwendungsfähig“ genannt.
 
1916 Februar 18: Bis zum 1. April müssen alle „felddiensttauglichen“ Männer, ausgebildete und unausgebildete, die bis jetzt „unabkömmlich“ waren, durch garnisondiensttaugliche und Invaliden ersetzt sein, da sie nun auch eingezogen werden sollen. Demzufolge erhielt heute auch der Lehramtspraktikant Hermann an der Bürgerschule seine Einberufung und an seine Stelle tritt wieder der alte Inhaber der Stelle, Lehramtspraktikant Faller, der als Kriegsinvalide zuletzt Compagnieführer der Genesungskompagnie in Lahr war.
 
1916 Februar 24: Wegen des bestehenden Kartoffelmangels hat die Stadt heute die Erlaubnis erhalten, 200 Zentner Kartoffeln zu einem Preis von 1,50 Mark per Zentner über dem Höchstpreis anzukaufen und sie zu dem Höchstpreis an die Einwohner abzugeben. Der Ratsdiener Seng ist mit dem Ankauf beauftragt.
 
1916 Februar 26: Heute haben wir geflaggt wegen der erfolgreichen und vielversprechenden Kämpfe vor Verdun.
 
1916 Februar 28: Die Rekruten von 1897 haben gestern ihre Einberufung erhalten auf den 8. März (Aschermittwoch), unter ihnen auch der Oberprimaner Oskar Karcher, Sohn des hiesigen Hauptlehrers und Landwehrsturmmanns Karcher, er darf das Abiturium noch vor dem Einrücken machen. Vom Maurer und Landsturmmann Scherer wird nun der 4. Sohn eingezogen.
 
1916 März 2: Malermeister Rudolf Kuder vom Landsturmbataillon Offenburg, zur Zeit in Mülhausen, ist gestern abend, getroffen durch einen Granatsplitter, gefallen. Heute vormittag 11 Uhr, während der Bürgerausschußsitzung, wurde das Telegramm in den Saal gebracht und verlesen, was natürlich große Teilnahme bewirkte. Seine Sangesbrüder vom Liederkranz wollen auf ihre Kosten die Leiche hierher bringen lassen (siehe 5. März).
 
1916 März 3: Die Flugwache wurde gestern nacht von Mülhausen (?) benachrichtig, daß von hier aus Lichtsignale gegeben wurden und auch Fräulein Wacker hier hat diese Signale, die beim Reservoir aufleuchteten, vom Hause aus gesehen. Heute natürlich großes Suchen nach Spionen! Ob es nicht ein Licht vom Stationenberg gewesen ist? (siehe 8. März).
 
1916 März 5: Heute, Sonntag, fand die Beerdigung des Landsturmmanns Kuder statt, von seiner Compagnie war[en] der Hauptmann und einige Soldaten gekommen. Kuder ist als Bahnwache bei Lutterbach unweit Mülhausen gefallen; sein Tod wurde erst bemerkt, als er vom Posten abgelöst werden sollte.
 
1916 März 8: Die „Lichtsignale“ (siehe 3. März) haben ihre harmlose Erklärung gefunden: es war die Frau des „Berglemanns“ Obergfell, die bis 10 Uhr nachts in der Gummifabrik gearbeitet hatte und die nun mit einer Laterne durch den Wald nach Hause gieng.
 
1916 März 19: Beim städtischen Seefischverkauf im Kornhaus herrscht ein solcher Andrang, daß heute Karten für die Reihenfolge an die Käufer abgegeben werden, weiße für Staufener und blaue für Auswärtige, die am Schlusse an die Reihe kommen. Es wurden heute 150 Pfund grüne Heringe und 50 Pfund Kabeljau verkauft. – Als Propaganda für die zur Zeit aufliegende 4. Kriegsanleihe fand gestern Abend im Saalbau Riesterer eine Volksversammlung statt, zu der der Bürgermeister, Oberamtmann und die beiden Stadtpfarrer eingeladen hatten. Es sprachen die beiden erstgenannten und Stadtpfarrer Casper.
 
1916 März 15: Eine Anzahl Landsturmmänner der Jahrgänge 1871 und 1872 haben heute ihren Stellungsbefehl erhalten, daurnter Oberförster Bunzmann und Baumeister Wehrle. (Beide sind heute, 2.1.17, noch hier).
 
1916 März 20: Lehrer und Leutnant der Reserve Berger, zur Zeit in einem Brandenburgischen Regiment, hat das Eiserne Kreuz erhalten. Er hat den Sturm auf das Dorf Douomont bei Verdun mitgemacht; von allen Offizieren ist er noch allein beim Bataillon. – Die 46- und 47-jährigen Soldaten werden gegenwärtig „zur Disposition“ entlassen; heute ist so der Maurer Scherer heimgekommen. – Die Zeichnungen zur 4. Kriegsanleihe haben bei der Bezirkssparkasse heute eine Rekordziffer erreicht; es wurden heute 285.000 Mark gezeichnet; im Ganzen sind bis jetzt 1.224.000 Mark gezeichnet.
 
1916 März 22: Von heute an kostet 1 Pfund Rindfleisch 2 Mark, das Doppelte wie vor dem Krieg. Kaffee und Zucker werden rar.
 
1916 März 24: Bei der hiesigen Sparkasse wurden zur 4. Kriegsanleihe 1.720.000 Mark gezeichnet, gegen 1.300.000 Mark bei der dritten. Staufen hat sich also tapfer gehalten. Besonders stark haben die katholischen Geistlichen gearbeitet.
 
1916 März 28: Heute und morgen müssen hier alle vom Reiche für Kriegszwecke beschlagnahmten Küchengeräte aus Kupfer und Messing abgeliefert werden. Mit der Abnahme in Bezirk sind beauftragt die Blechnermeister Haas und Bueb hier und Schiess in Krozingen. Hier nimmt Blechner Haas die Geräte ab. Abgeliefert wird auf dem Grün in einer Scheuer, die vor 2 Jahren durch eine Pfründnerin ans Spital gekommen ist. – Wir geben ab, das heißt, wir müssen leider abgeben, aus dem untern Haus, meiner Wohnung: 1 Kochkessel aus Kupfer, verzinnt, 4 Messingpfannen, 2 messingene Schäpfchen, 2 messingene Schöpflöffel, 1 Warmwasserschiff von Kupfer, eingeschoben in den Herd, und 1 großen kupfernen Waschkessel; ferner aus dem oberen Haus, Alberts Wohnung: 2 Messingpfannen, 1 Warmwasserschiff wie oben und 1 großer, kupferner Waschkessel. Im Ganzen liefern wir diesmal ab 25 Kilo Kupfergeräte und 2 ½ Kilo Messinggegenstände. Diese Zwangsablieferung fällt uns wie allen Leuten schwer, da ein rechter Ersatz für diese Geräte nicht zu beschaffen ist.
 
1916 April 12: Der Roh-Kaffee und der Thee wird beschlagnahmt. Nur die Vorräte von geröstetem Kaffee dürfen noch verkauft werden. Auch der Zucker geht auf die Neige (er werde zur Pulverfabrikation verwendet, sagt man). Und Zuckerkarten sind in Sicht. Im Laden wird unaufhörlich nach Zucker und Kaffee gefragt; alle wollen „einhamstern“.
 
1916 April 15: Alfred Ulmann, der Mann meiner Nichte Hedwig, Unteroffzizer der Landwehr beim Feld-Artillerie-Regiment 76 in Freiburg, ist gestern von da mit noch 3 Mann nach Frankreich nach La Fère in die Zielmesserschule gekommen, von wo er wohl einem Meßtrupp zugeteilt werden wird. – Die Rheinbefestigungen sind nun alle von Soldaten verlassen, in Grißheim ist nur noch ein Telephonposten, wohl Flugwache.
 
1916 April 20: Um 10 Uhr fand heute im Saalbau Riesterer eine Versammlung der Bürgermeister, Ratschreiber, Fleischbeschauer, Metzger, Gendarmen pp., etwa 140 Personen, statt wegen der Einführung der Fleischkarten am 1. Mai. Auch Seife soll von jetzt an nur noch auf Karten abgegeben werden.
 
1916 April 22: Frau Korbmacher Xaver Gutmann Witwe erhielt heute die Nachricht, daß ihr Sohn Franz Gutmann, Fabrikarbeiter, 22 Jahre alt, vor Verdun gefallen ist. Es stand bei einem bayerischen Infanterieregiment.
 
1916 April 23: Ostern. Das amerikanische Ultimatum wegen des U-Boot-Kriegs; böse Aussichten!
 
19156 April 28: Hauptlehrer Waldmann, der am Anfang des Kriegs verwundet wurde und seitdem zu Heitersheim als Vizefeldwebel beim Ersatzbataillon war, wird am 1. Mai aus dem Militärdienst entlassen und tritt sein hiesiges Amt an der Volksschule an. – Ebenso kehrrt Notar Huber, der seit 1914 im Heere zuerst als Offizierdiensttuer auf dem Heuberg und dann als Gerichtsoffizier in Lahr tätig war, auf 1. Mai heim, da jetzt alle felddiensttauglichen, bisher aber unabkömmlich erklärten Beamten eingezogen werden. – Heute wurde ein Münstertäler Butterhändler, der heimlich Butter aus dem Bezirk nach Müllheim bringen wollte, von der Gendarmerie ertappt und ihm der Butter abgenommen.
 
1916 April 30: Heute nacht wird die viel umstrittene „Sommerzeit“ zur Ersparung der Leuchtmittel eingeführt werden. Um 11 Uhr wird die Rathausuhr sofort 12 Uhr, zusammen also 23-mal schlagen.
 
1916 Mai 1: Die Sommerzeit hat sich glatt eingeführt, nur die neue Kirchenuhr streikt; als der Uhrmacher nachts 11 Uhr die Uhr richten wollte, zerbrach er in der Dunkelheit zwei Räder. – Sang- und klanglos wurde heute früh die Münstertäler Eisenbahn für den Personenverkehr eröffnet; um ½ 5 Uhr fuhr der erste Personenzug ins Tal. – Die Fleischkarten sind heute in Kraft getreten, in 5 Tagen in der Woche je 160 Gramm und 2 Tage Fasten!
 
1916 Mai 2: Albert war gestern in Basel, um die Wertpapiere, die wir beim Kriegsausbruch dort beim Schweizerischen Bankverein hinterlegt hatten, wieder heimzuholen.
 
1916 Mai 4: Sattlermeister Franz Dufner erhielt heute die telegraphische Nachricht, daß sein Sohn, Lehrer und Offizieraspirant, vorgestern am 2. Mai vor Verdun in nächster Nähe der Feste Douomont gefallen sei. Karl Dufner war der Stolz der Eltern.
 
1916 Mai 5: Auf dem Rathause fand heute zum ersten Male ein Verkauf von 40 Pfund Münstertäler Butter – dieses raren Artikels – statt. Ein Münstertäler Butterhändler hat vom hiesigen Bezirksamt die Erlaubnis zur Ausfuhr von Butter nach Müllheim nur unter der Bedingung erhalten, daß er wöchentlich auch 40 Pfund aufs Rathaus in Staufen liefert. – Heute, Freitag, fand der letzte städtische Fischmarkt statt, denn des warmen Wetters wegen kamen die Fische schon einigemal verdorben an.
 
1916 Mai 6: Tiermaler Roderich Jerusalem, der unmittelbar vor dem Krieg sich an der Bötzenstraße ein Landhaus erbaut hat, wurde zum Leutnant in einer Schneeschuhabteilung ernannt.
 
1916 Mai 8: Adlerwirt Karl Erb junior hat das Eiserne Kreuz erhalten, der Einjährige und jetzige Fliegerleutnant Wacker ist jetzt als Kampfflieger vor Verdun.
 
1916 Mai 12: Einführung der Zucker- und Seifekarten, auf jedes Brotkartenheft (per Kopf und Monat) darf abgegeben werden 2 Pfund Zucker und 600 Gramm Seife. – Die französischen Civilgefangenen, die seit 1 Jahr am Bahnbau gearbeitet haben, sind heute nach Titisee zum dortigen Bahnhofumbau gebracht worden.
 
1916 Mai 19: Eier- und Butterkarten, pro Woche 3 Eier und 62 ½ Gramm Butter. Die Stimmung wird mutlos.
 
1916 Mai 25: Der Wildverkauf für den Bezirk Staufen ist dem Metzger Joseph Riesterer hier und Löwenwirt Eckerle in Krozingen übertragen worden. Hier kommen viel Rehe zum Verkauf und da das Fleisch weniger als Ochsenfleisch kostet (1 Pfund Ziemer 1,70 Mark) ist der Andrang immer sehr groß.
 
1916 Mai 27: Unter den verwundeten und kranken Kriegsgefangenen, die vor einigen Tagen aus Frankreich in die Schweiz gebracht wurden, befindet sich auch Hermann Rinderle von hier, der im August 1914 bei Mülhausen verwundet und mit dem Lazarett daselbst gefangen wurde. – Der Lehrer und Leutnant der Reserve Berger wurde vor einigen Tagen vor Verdun schwer verwundet. – Redakteur Acker hat das Eiserne Kreuz erhalten, ebenso Müller Alfred Hug.
 
1916 Juni 2: In der Zentralsammelstelle für Butter und Eier für den Bezirk Staufen, die im ehemaligen Bierkeller des „Anna-Bad“ eingerichtet ist und vom Schlachthausaufseher Wiesler geleitet wird, ist heute der erste Butter, 3 Zentner aus dem Münstertal, eingeliefert worden; er kommt weiter nach Freiburg und Lörrach.
 
1916 Juni 3: Wegen der siegreichen Seeschlacht am Skagerak [Skagerrak] haben wir gestern und heute geflaggt; heute ist schulfrei.
 
1916 Juni 9: Die Großherzogin Hilda besuchte heute nachmittag das Lazarett in Krozingen, um 6 Uhr kehrte sie über Staufen nach Badenweiler zurück. Die Straßen waren beflaggt. (P.s.: Tags darauf kam nach Krozingen die Nachricht, daß das Lazarett aufgehoben werde.)
 
1916 Juni 10: Die Zahl der hier in der Landwirtschaft beschäftigten Kriegsgefangenen beträgt gegenwärtig 21; 20 Russen und 1 Franzose, die, wie von Anfang an, in der „Krone“ untergebracht sind. Wachmann ist seit gestern Gärtner Kähle von hier, der zuletzt in Rastatt war und der sich schon lange darum beworben hat. – Heute nacht sind 3 dieser Russen durchgebrannt.
 
1916 Juni 15: Leutnant Albert Schladerer und Sparkassenbuchhalter Balzer haben das Eiserne Kreuz erhalten. – Leiter der Bezirkssammelstelle für Butter (siehe oben Juni 2) ist seit heute Hutmacher Wagner. Heute gab's einen großen Eierkuchen, da ein Gestell daselbst mit Eierkörben zusammengebrochen ist.
 
1916 Juni 19: Heute gab es hier zum erstenmal bei keinem Metzger Fleisch. Da morgen, Dienstag, ein fleischloser Tag ist, heißt es fasten. Zucker giebt es in den Landorten schon seit einiger Zeit nicht mehr und die hiesigen Läden werden von fremden Käufern überlaufen.
 
1916 Juni 22: Nach langer Zeit gab es heute, am Fronleichnamsfest, wieder einen Fliegerlärm. Um 7 Uhr abends hörte man die Abwehrkanonen von Müllheim und sah von hier aus, wie 13 Flieger dort kreisten. Man sah die Schrapnellwölkchen und wie 2 Flieger abgeschossen wurden. – Auch Karlsruhe soll heute mit Bomben belegt worden sein; es seien 50 Personen getötet! (Es waren weit über 100, meistens Kinder.)
 
1916 Juni 26: – Unter den in Karlsruhe durch Bomben Verwundeten befindet sich auch Professor Gutmann, Sohn des Forstmeisters hier; er hat eine Kopfwunde und liegt im Spital in Eppingen. – Bernhard Müller hat vor Verdun das Eiserne Kreuz erhalten.
 
1916 Juli 3: Heute werden an der Bahn die enteigneten kupfernen und messingenen Hausgeräte, Schiffe, Kessel, Mörser, Pfannen, Leuchter, Rauchfässer, Pauken pp. in 3 Eisenbahnwagen verladen, nachdem sie der Raumersparnis wegen mit schweren Hämmern zusammengeschlagen worden sind. Aus allen Orten kommen eine Menge hochbeladener Wagen, es ist ein trauriger Anblick, wieviele Werte hier vernichtet werden. Der Materialwert allein beträgt 60.000,- Mark. Im Auftrage der Regierung ist Konservator Sauer anwesend, um Wertstücke auszuscheiden.
 
1916 Juli 4: Das Verladen der Hausgeräte wurde heute beendet. Auch heute war der Konservator hier, etwas 3 Zentner Kupfergeräte pp. wurden auf seine Anordnung zurückbehalten und in Verwahrung genommen: Mörser, Weihwasserkessel, die Krone eines Heiligen, 1 Spülbecken, 1 Leuchter, Wassertrageimer usw.
 
1916 Juli 11: Die große Offensive der Engländer und Franzosen an der Somme macht sich fühlbar. Ein Sohn des Buchbinders Riede soll gefallen sein, Forstwart Seng ist verwundet. (P.s.: das Gerücht über Riede war falsch.)
 
1916 Juli 13: Gestern nachmittag ist in Freiburg ein Spion beim Transport entsprungen. Am Abend gelang es dem Polizeidiener Seng, denselben hier beim Friedhof zu verhaften. Der Spion, naturalisierter Schweizer, ist ein halber Staufener, denn seine Mutter ist eine Tochter des verstorbenen Uhrmachers Butz hier, er war auf dem Wege nach Müllheim, wo sein Onkel wohnt.
 
1916 Juli 14: Gefallen ist ferner der hiesige Bürger und Glaser Fitz Maurer bei einem Sturmangriff; er hinterläßt eine Frau und 3 kleine Kinder. Gefallen ist ferner bei demselben Regiment der Leutnant und Aktuar Otto Luhr, der vor dem Kriege hier war. Nicht genug damit; es geht noch das Gerücht von mehreren anderen Gefallenen, deren Namen genannt werden, das sich aber hoffentlich nicht bewahrheitet.
 
1916 Juli 10: Der als gefallen gemeldete Riede (siehe oben) lebt, er ist verwundet in einem Lazarett in Belgien; auch die anderen Totgesagten leben.
 
1916 Juli 20: Heute war der erste städtische Verkauf von Bodenseefischen. Es wurden verkauft lebendfrische Hechte zu 1,40 Mark pro Pfund. – In unserem Warengeschäft herrscht gegenwärtig ein außerordentlicher Andrang von Käufern, die sich alle noch mit Kleiderstoffen versehen wollen, da am 1. August die Kleiderkarte – Bezugsschein – eingeführt werden soll.
 
1916 Juli 22: Fliegerangriff abends 7 ½ Uhr. Zuerst hörten wir die Abwehrgeschütze von Müllheim, dann erschien ziemlich tief ein feindlicher Flieger über Staufen, gleich darauf hörten wir aber auch ein Maschinengewehr über der Stadt knattern; ein deutscher Kampfflieger umkreiste den Feind, der nach einigen Minuten wendete und ins Oberland flog. Um ½ 9 Uhr hörten wir dann, daß er in Schmiedhofen [Schmidhofen, Bad Krozingen] eine Bombe abgeworfen habe; sie fiel in die Scheuer des Bauers Winterhalter, wobei 3 Kinder, die darin waren, verwundet wurden. – Von jetzt an werden auch die ganznächtigen Lampen nicht mehr angezündet, so daß die Straßen finster bleiben.
 
1916 Juli 23: Bei dem gestrigen Fliegerangriff wurde in Müllheim ein Haus zerstört, in Sulzburg fiel eine Bombe nächst der Stad in den Wald und zertrümmerte eine Tanne, zu Heitersheim fielen Bomben beim Schloß und ebenso zu Schmiedhofen [Schmidhofen, Bad Krozingen] 2 Bomben.
 
1916 Juli 26: Küfermeister G. von hier ist als Landsturmmann seit Kriegsbeginn im Oberelsaß. Zuletzt war er Kammerunteroffizier zu Waldighofen nächst der Schweizer Grenze. Dort geriet er in den Verdacht, Unterschlagungen zu begehen und gestern nahm hier der Gendarmeriewachtmeister eine Haussuchung vor, wobei er eine ganz große Kiste voll ärarischer Kleidungsstücke, 3 Paar Stiefel, Schuhe, Hosen, Karabiner pp. zu Tage förderte! – Kanonier Franz Arnold von hier, verheiratet in der Schweiz, ist am 20. Juli im Alter von 31 Jahren gefallen. Seine Eltern leben noch hier.
 
1916 Juli 30: Annafest! Wieder ohne Festlichkeiten und ohne Fremde. Statt Böller in der Frühe die Schüsse der Abwehrkanone in Müllheim, wo schon wieder Bomben geworfen wurden.
 
1916 August 2: Der Jahrmarkt litt unter der Einführung der Kleiderkarten, die vom 1. August an Geltung haben – sollten, aber noch nicht haben. Es waren keine Verkäufer da von Manufakturwaren, Kleidern und Schuhen. Auch bei uns ist seit dem 1. August das Geschäft ganz still; ein großer Kontrast gegenüber dem Ansturm in den letzten 3 Wochen.
 
1916 August 4: Fabrikant Hipp hat bei der Stadt um den Verkauf der Weiermatte nachgesucht, da er dort eine neue Fabrik für Gummiregenerierung bauen will, vom Kriegsministerium sei ihm ein großer Auftrag in Aussicht gestellt. Der Gemeinderat hat sich bereit erklärt und den Preis auf 70 Pfennig per [Quadrat]Meter gestellt, unter der Bedingung, daß er die Fabrik vor dem 31. Dezember 1917 erbaut.
 
1916 August 10: Kaminfeger Rudolf Pfeifer, 21 Jahre alt, der bei der Lorettohöhe schwer verwundet wurde und jetzt als Invalide entlassen ist, hat nachträglich das Eiserne Kreuz erhalten.
 
1916 August 15: Heute tritt die gefürchtete Kleiderkarte in Kraft.
 
1916 August 19: Dr. Faschian, ein alter Staufener, hat gestern wieder 400 Mark aus seiner neuen Heimat Kalifornien hieher ans Bürgermeisteramt gesandt. Das Geld ist durch die Vermittlung der Banken gut angekommen, ein Brief dagegen nicht. Den haben die Engländer wohl aufgefangen. Das Geld wird an Weihnachten verteilt werden.
 
1916 August 27: Gestern abend kam das Telegramm der italienischen Kriegserklärung und heute früh 8 Uhr jene Rumäniens. Große Bestürzung wegen der letzteren.
 
1916 August 31: Morgen findet im ganzen Reiche eine Nahrungsmittelaufnahme statt; ich melde an 8 Pfund Rauchfleisch und 185 Eier. (P.s.: daraufhin wurden mir für den Winter die Eierkarten entzogen.) – Der Verkauf von Petroleum, der gestern erst wieder begonnen hat, ist ganz eingestellt worden; eine erste Folge des Kriegs mit Rumänien.
 
1916 September 1: Heute ist in der Ladenkasse ein Goldstück eingegangen; das erste seit einem Jahre!
 
1916 September 2: Der Schriftsetzer Heinrich Schwamm, bei einer Maschinengewehrkompagnie vor Ypern, wird seit dem 16. August vermißt. Seine Eltern wurden vom Regiment gestern benachrichtigt. Vielleicht ist er nur in englischer Gefangenschaft. (P.s.: Bis heute (12.I.17) ist noch keine Nachricht gekommen; er ist also gefallen.)
 
1916 September 5: Der Bürgerausschuß genehmigte heute den Verkauf der Weiermatte an den Fabrikanten Hipp (siehe oben August 4). Ferner bewilligte er einen außerordentlichen Holzhieb von 3000 Festmetern, deren Erlös, 45.000 Mark, in dem jetzt aufliegenden Kriegsanlehen angelegt werden soll. Die Sparkasse wird das Geld vorstrecken, bis der Holzhieb geschehen kann.
 
1916 September 10: Heute nacht, ¼ 1 Uhr, wurden wir durch viele Fliegerabwehrschüsse aus dem Schlafe geweckt. Ein feindliches Geschwader war über Staufen nach Freiburg geflogen, wo es von den Freiburger Fliegern gestellt wurde. Zu Kirchhofen wurden 2 Bomben abgeworfen, von denen eine explodiert sein soll, ohne Schaden anzurichten. – Heute abend beflaggt wegen der Eroberung von Silisteria [Silistra, Bulgarien].

1916 September 11: Die gestern auf Kirchhofen gefallenen Geschosse waren keine Bomben, sondern unexplodierte Schrapnelle der Abwehrgeschütze. Der von hier dahin zum Entladen entsandte Oberfeuerwerker konnte den Leuten den Irrtum erklären.

1916 September 16: Heute früh kam die Nachricht vom großen Sieg Mackensens in der Dobrutscha [Dobrudscha, Rumänien und Bulgarien], worauf wir sofort geflaggt haben; um 12 Uhr wurde nach langer Zeit wieder einmal mit allen Glocken geläutet. – Der Verlauf der Sommeschlacht erweckt dagegen große Sorge.

1916 September 20: In Baden war heute ein großer „Sternschnuppenfall“. Es wurden zwei neue Ehrenzeichen verliehen: das Kriegsverdienstkreuz und das Kriegshilfekreuz. In unser Haus kommen 2 Kreuze, Albert erhielt das erstere, Marie das zweite. – Kriegsverdienstkreuze erhielten außerdem: Oberamtmann Arnsperger, Stadtpfarrer Casper, Dr. Barth und Fabrikant Hipp;Kriegshilfskreuze: Frau Medizinalrat Lederle, Industrielehrerin Frl. Schmidle, Oberlehrer Schell und Apotheker Paravicini.

1916 September 23: Die Kinder des Gärtners Kähle fanden heute bei unserem Garten einen französischen, 1 Meter hohen, roten Papierballon; Flugblätter, die solchen angehängt werden, waren nicht dabei; sie sind jedenfalls beim Flug über den Reben abgestreift worden.

1916 September 26: Um 2 Uhr morgens wurde ein heftiges Dröhnen wahrgenommen, wobei die Fenster klirrten. Wohl schon wieder eine Explosion im Elsaß. (P.s.:diesmal wars ein Erdbeben.) – Hier ist eine Goldsammelstelle errichtet worden bei Uhrmacher Pfefferle.

1916 September 27: Gärtner Hans Wiesler, der an der Somme steht, wird vermißt.Seine Mutter, Frau Jean Wiesler Witwe, erhält heute einen Brief mit dem Vermerk „vermißt“ zurück. (P.s.: Bis heute, 12.1.17, ist noch kein Lebenszeichen gekommen; er ist also gefallen.) – Der Knecht Emil Häfele, der schon früher einmal totgesagt wurde, ist, wie ein Feldgeistlicher seinem Vater mitteilte, schwer verwundet.

1916 September 30: Emil Häfele ist im Lazarett gestorben. Sein Vater erhielt gestern seine Uhr und Börse zugesandt; er hatte eine Oberschenkelwunde und ist am Starrkrampf gestorben.

1916 Oktober 1: Ende der Sommerzeit, Beginn der mitteleuropäischen Zeit. Der elektrische Stromverbrauch ist hier um ein Drittel zurückgegangen; bei uns wie folgt [folgt Tabelle der Stromverbrauchspreise der Familie Hugard von Juni – September der Jahre 1914–1916]. Die bezweckte Lichtersparnis wurde also erreicht, sonst wurde aber viel geschimpft.

1916 Oktober 9: Emil Keller, ein Sohn des verstorbenen Hafners Karl Keller, ist gefallen. Er war schon viele Jahre von Staufen fort, zuletzt Druckereiverwalter in der Schweiz. – Der Landsturmmann Robert Disch ist durch einen Beinschuß schwer verwundet und liegt in einem Lazarett zu Hamburg.

1916 Oktober 11: Gestern abend ½ 8 Uhr haben Flieger wieder in Müllheim und Lörrach Bomben abgeworfen; in der Nacht vorher sind 3 feindliche Flieger über Staufen geflogen, wie schon mehrmals, wenn sie auf dem Weg nach Rottweil waren.

1916 Oktober 12: Maurer Ferdinand Helle erhielt heute morgen die Trauernachricht, daß sein Sohn Josef Helle, ein Schulkamerad Mariele's [Marie Hugard, Tochter Albert Hugards, gest. 1913], 22 Jahre alt, am 9. diesen Monats an der Somme gefallen ist. – Heute nachmittag war ein großer feindlicher Flieger-Massenangriff auf das badische Oberland. Um ¼ 4 Uhr wurden die ersten feindlichen Flieger hier sichtbar und unaufhörlich knatterten die Abwehrgeschütze rundum und die Maschinengewehre der Kampfflugzeuge in der Luft. Besonders interessant war um ½ 5 Uhr ein Kampf zwischen 3 Flugzeugen über Staufen. Bei diesen Kämpfen wurde bei Weinstetten ein feindliches Flugzeug zum Landen gezwungen. Hiesige Bürger, die dort jagten, waren zuerst an der Landungsstelle, und Bezirksarzt Dr. Barth brachte mit seinem Auto die 2 Franzosen und den deutschen Fliegeroffizier, der sie herabgeschossen hatte, nach Freiburg. – Nach ½ 10 Uhr: die Abwehrgeschütze und die Schrapnelle in der Luft donnern schon wieder. Von unserer Wendeltreppe aus können wir das Explodieren der Schrapnelle, die von allen Seiten, besonders über Freiburg auf die Flieger abgeschossen werden, deutlich sehen, es ist ein schauerlich schönes Feuerwerk.

1916 Oktober 13: Beim gestrigen Nachtüberfall, den wir von hier betrachtet haben, wurden um ½ 10 Uhr auf Freiburg Bomben abgeworfen, wobei einige Leute getötet und großer Materialschaden angerichtet wurde.

1916 Oktober 15: Heute nachmittag erhielten wir von Neuenburg mittelst eines Telegramms die traurige Nachricht, daß unser junger Vetter August Wenk gestern an der Somme gefallen ist. Er war 22 Jahre alt, Leutnant der Reserve bei der Fußartillerie und hat sich erst in diesem Frühjahr verlobt.

1916 Oktober 21: Bahnhofwirt Grottenthaler wurde heute nachmittag benachrichtigt, daß sein ältester Sohn, Friseur Fritz Grottenthaler, Jäger, 21 Jahre alt, in den Karpathen gefallen sei. – Ebenso erhielt auch der Stadtarbeiter Dietz die Nachricht, daß sein ältester Sohn, der 21-jährige Färber Josef Dietz an der Somme gefallen sei. – Der Erstgenannte, im 3.Jägerregiment des Karpathenkorps, wurde am 25. September verwundet und starb am 27. September; der zweite Infanterist fiel am 10. Oktober.

1916 Oktober 24: Die „ganznächtigen“ Straßenlampen werden heute nacht zum erstenmal wieder angedreht, nachdem auch in Freiburg wieder eine beschränkte Straßenbeleuchtung gestattet wurde.

1916 Oktober 25: – Der Fliegerleutnant Hans Wacker, Sohn des Stuhlfabrikanten Wacker hier, erhielt das Eiserne Kreuz I. Klasse, er hat den 4. feindlichen Flieger abgeschossen.

1916 Oktober 27: Eine große Anzahl Landsturmleute erhielt heute ihren Stellungsbefehl, darunter Küfer Mußler, Ziegler Zimmermann, Hilfpolizeidiener Obergfell. (Alle wurden wieder heimgeschickt.)

1916 Oktober 29: Seit 14 Tagen geht das Gerücht von Friedensverhandlungen mit Rußland, neuerdings wird unter dem Siegel allertiefsten Geheimnisses erklärt, sie seien gescheitert, da Rußland verlangt habe, es dürften nach dem Waffenstillstand keine Truppen von der Ostgrenze nach dem Westen verlegt werden.

1916 November 1: Heute hat mir ein Franzose die Haare geschnitten. Friseur Berger, der eingezogen ist, kann keinen Gehilfen erhalten und hat deshalb jetzt einen kriegsgefangenen französischen Coiffeur aus der Gegend von Marseille zum Geschäftsführer; in roter Hose und weißer Jacke ein gelungenes Bild. – Alfred Bühler, ein Sohn des verstorbenen Hafners Bühler ist gefallen; er war schon lange fort von hier.
 
1916 November 2: Städtischer Kartoffelverkauf hinter dem Rathaus, nachdem jeder aufgefordert worden war, seinen Winterbedarf einzulegen. Auf 9 Wagen wurden heute 300 Zentner angeliefert, die von 1–3 Uhr zentnerweise ab den Wagen verkauft wurden; der Stadtrechner hatte hinter dem Rathaus seinen Zahltisch aufgestellt.

1916 November 6: Im Ganzen hat die Stadt von 3 Händlern 1500 Zentner Kartoffeln gekauft; ob sie aber ganz geliefert werden, ist zweifelhaft, da auf telegraphischen Befehl aus dem Bezirk sofort 20.000 Zentner in die Großstädte geliefert werden müssen.

1916 November 10: Seit einigen Tagen ist im Rathaus im unteren Stock eine neue Kanzlei eingerichtet worden für die An- und Abmeldungen und insbesondere für die Ausgabe der Nahrungsmittelkarten: Brot-, Fleisch-, Butter-, Eier-, Zucker-, Seife-, Petroleum-, Gersten-, Gries- und Teigwarenkarten. Kanzlist ist der Ratsdiener Seng.

1916 November 14: Die Stadt erhielt heute abermals aus Eschbach 200 Zentner Kartoffeln, welche sie zu 5 Mark pro Zentner gekauft hat. Ein Teil wurde wieder zentnerweise an die Einwohner abgegeben, der andere kam in den „Rinderle-Hof“, dessen großen Kartoffelkeller die Stadt gemietet hat und wo für den Frühjahrsbedarf ein großes Quantum eingelagert werden soll.

1916 November 15: Die Fleischkarten, die pro Woche und Kopf nur 250 Gramm Fleisch gewähren, haben uns genötigt, ein Schwein zu halten. Wir haben heute ein solches gekauft im Gewicht von 242 Pfund à 1,29 Mark. Nach 6 Wochen, der Mindestfrist, dürfen wir es schlachten und das Fleisch wird uns dann auf die Karten nur zur Hälfte des Gewichts angerechnet.

1916 November 17: Heute wurden im Rinderlehof 1000 Zentner städtische Kartoffeln eingewintert, daunter 2 Waggons = 700 Zentner, die ein Eschbacher Händler statt in eine Großstadt nach Staufen zum Versand brachte. Der Ankauf wird nun eingestellt.

1916 November 20: Schlittenaushebung; es mußten am Bahnhof um 10 Uhr alle Schlitten des Bezirks aufgestellt sein, von denen 3 große Spezialwaggons voll fürs Militär gekauft wurden, von den Holzschlitten bis zu den schönsten Zweisitzern.

1916 November 25: Die Mitglieder der Handelskammer Schopfheim besichtigten in der hiesigen Gummifabrik die Granatenfabrikation, da solche Betriebe auch in ihrem Kammerbezirk eingerichtet werden sollen.

1916 November 29: Am 1. Dezember treten die Milchkarten in Kraft, die auch für uns von einschneidender Wirkung sein werden. Statt des unbeschränkten Milchbezugs sollen wir nur noch täglich ½ Liter erhalten und dabei sollen wir auch noch auf den Butter verzichten. Vom 1. Dezember ab muß von jeder Kuh täglich 2 Liter Milch oder das entsprechende Quantum Butter nach Freiburg geliefert werden, da wird auch ein Butterbezug „hintenrum“ ein Ende haben. In den letzten Tagen strömt alles ins Münstertal, um schnell noch etwas Butter einzuhamstern. (P.s.: Heute, am 14.I.17, sind die Karten noch nicht da.)

1916 Dezember 1: Volkszählung, die Zeitungen wurden benachrichtigt, daß sie keine Zählungsergebnisse veröffentlichen dürfen.

1916 Dezember 3: Der Schreiner und Kraftwagenführer Albert Gaß ist heute in Überlingen in einem militärischen Genesungsheim gestorben. Im Dienst war er vor einiger Zeit mit dem Auto verunglückt, wobei er eine Schädelverletzung erlitt, und an dieser Verwundung ist er jetzt gestorben. Gaß wird hier als drittes Kriegsopfer auf dem Friedhof beerdigt werden; der Leichentransport geschieht, da die Witwe arm ist, auf Kosten der Stadt.

1916 Dezember 4: Das Ministerium hat angeordnet, daß morgen wegen der siegreichen Schlacht vor Bukarest geflaggt und geläutet werde. Dieser Erlaß wird aber soeben überholt von der Freudenbotschaft, Bukarest sei gefallen.Möge sie bald den Frieden bringen. (Zu früh gefreut, Bukarest steht noch.)

1916 Dezember 5: Schmied Kronauer hat wegen Krankheit seine Schmiede geschlossen, jetzt ist weder in Staufen noch in Grunern, Ballrechten, Wettelbrunn und Münstertal ein Schmied. Alle sind einberufen. – Ein Ohm neuer Wein gilt hier jetzt 230 Mark, ein schlechter, saurer Wein.

1916 Dezember 6: Soeben, 9 Uhr abends, kommt die Siegesnachricht vom Fall Bukarests, und schon um ¼ 10 Uhr beginngt das Festgeläute von beiden Kirchen. Zum ersten Mal nach langer Zeit herrscht wieder Sieges- und Feststimmung.

1916 Dezember 10: Vier russische Kriegsgefangene, die bei hiesigen Bauern in Arbeit waren, wurden heute nach Rastatt zurückgebracht, da sie sich weigerten zu schaffen; vier Ersatzleute sind gestern schon angekommen.

1916 Dezember 12: Die Volkszählung am 1. Dezember ergab 1645 Einwohner; da diese Zahl um mehr als 100 unter der bisher angenommenen Einwohnerzahl zurückbleibt, wird sie auf die Ernährungskarten (Fleisch, Mehl) einen unangenehmen Einfluß haben. Die ganze Zählung wurde überhaupt gemacht, da 4 Millionen mehr Karten verlangt wurden, als Deutschland Einwohner hat. – Am Tage der Volkszählung befanden sich hier 25 Militärpersonen (Flugwache, Oberfeuerwerker, Wachmänner, Urlauber) und 19 Kriegsgefangene. – Soeben, 2 ¾ Uhr nachmittags, bringt Ratschreiber Dufner die Proklamation des Kaisers an die Armee über das Friedensangebot. Möge sie Erfolg haben! – Die Stadt Staufen sendet ihren Soldaten zu Weihnachten kleine Reklam-Heftchen, denen der Frauenverein Cigaretten beilegt. Gestern und heute habe ich wieder, wie letztes Jahr, die Adressen geschrieben, darnach sind unter den Waffen 292 Mann, ungerechnet der Gefangenen und – der in der Liste vergessenen (siehe Dezember 20).

1916 Dezember 15: Das Eiserne Kreuz haben in den letzten Tagen erhalten der Friseur und Matrose Heim, der Metzger und Schütze Karl Wagner und der verwundete Briefträger Obergfell.

1916 Dezember 20: Anstelle teurer Sendungen an die Soldaten giebt die Stadt folgende Weihnachtsgeschenke: 1) je 20 Mark an die bedürftigen hiesigen Kriegerfrauen, 2) je 20 Franken (= 22 Mark!) an die von hier stammenden Kriegsgefangenen, 3) je 100 Mark an die hiesigen 5 Kriegerwitwen (Frauen Pfefferle, Wustrow, Kuder, Maurer, Gass).

1916 Dezember 23: Bei der Stadt wurde heute angefragt, wie hoch bei eintretendem Frieden der Bedarf an Pferden sein werde? Die Zahl der Pferde betrug vor dem Kriege 53 Stück, jetzt 27, Bedarf also 20 Stück. – Seit einigen Tagen ist hier die Feierabendstunde auf 10 Uhr festgesetzt.

1916 Dezember 25: Heute, Weihnacht, nachmittags 3–5 Uhr, konzertierte auf dem Marktplatz die Heitersheimer Bataillonsmusik. In den letzten Tagen hatten je 2 Mann mit dem Bettelsack zu Weihnachtsgeschenken für ihre Compagnien gesammelt; das Konzert war der Dank für die Geschenke.

1916 Dezember 30: Man spricht von einer bevorstehenden französischen Offensive am Oberrhein, die Franzosen bauten Straßen und Bahnen, im Oberelsaß seien Einquartierungen und in Neuenburg müsse man sich bereit halten, das Städtchen zu verlassen. – Die Großherzogin Luise hat besonders fleißigen Kriegersfrauen Künstlersteindrucke verleihen, hier haben solche erhalten: Frau Landwirt Martin Nunnenmacher und Frau Bäcker Hirth. – Gärtner Karl Riesterer und Bildhauer August Röser haben das Eiserne Kreuz erhalten. – Die 18-jährigen Rekruten sind heute eingerückt; von hier sind es 6: Rimmele 1, Franz, Heim, Fark 2 und Karl Rinderle.

1917

1917 Januar 2: Von heute an haben wir den 7-Uhr-Ladenschluß zur Ersparung der Leuchtmittel. Geschäfte mit vorwiegendem Verkaufe von Lebensmitteln dürfen bis 8 Uhr offen halten.
 
1917 Januar 6: Obgleich es im Oberelsaß ganz still ist, greift doch eine allgemeine Beängstigung um sich; es heißt, in Mülhausen seien Plakate angeschlagen, worin die Leute aufgefordert werden, sich zum Auswandern bereit zu halten, ferner, nachts fänden viele Truppentransporte landaufwärts statt.
 
1917 Januar 9: Müllheim erhielt letzte Nacht unerwartet 1800 Mann Einquartierung; in Bellingen wurden Feldlazarette gebaut. – Wegen des Ledermangels giebt der Frauenverein einen Schuhkurs zum Herstellen von Hausschuhen. Dazu haben sich 90 Frauen gemeldet, so daß der Kurs in mehreren Abteilungen in der Gewerbeschule gehalten werden muß. – Für den neuen Wein werden jetzt 300 Mark gezahlt.
 
1917 Januar 12: In Krozingen steht jetzt wieder – zum zweiten Mal in diesem Krieg – ein Munitionszug. – Der Sohn des Postsekretärs Troll hat hinter dem Rücken der Eltern an den Kaiser ein Individualgesuch gerichtet, er wolle Flieger werden; da er nicht Techniker ist, war sein Gesuch aber vergebens.
 
1917 Januar 17: Ratschreiber Franz Dufner, der felddienstfähig erklärt war, aber bisher immer wieder als unabkömmlich beurlaubt wurde, mußte sich gestern in Heitersheim als Rekrut stellen. – Es geht das Gerücht, der Landsturmmannn Bertold Riesterer beim Landwehr-Infanterie-Regiment 111 sei im Ober-Elsaß gefallen. Für die Familie, Frau und 4 Kinder wäre es ein schwerer Schlag. Ein Kamerad, der Professor Wirth von Freiburg, soll hier gesagt haben, er sei von einer Patrouille nicht heimgekehrt.
 
1917 Januar 18: Das Gerücht von bevorstehenden Kämpfen dauert an, in Freiburg heiße es, die Stadt und das Oberland müsse geräumt werden; in Sulzburg haben Leute schon ihre Wertsachen gepackt. – Die Mannschaften der hiesigen Flugwache sind durch andere ersetzt worden, sie sind hier „zu warm“ geworden. Der neue Unteroffizier der Wache ist ein Rechtsanwalt Wolf von Heidelberg.
 
1917 Januar 19: Heute früh kam auf das Rathaus die telegraphische Nachricht, daß Bertold Riesterer auf dem Felde der Ehre gefallen sei; man bitte die Angehörigen schonend zu benachrichtigen (siehe oben Januar 17). – Die Krankenstuhlfabrik Wacker fabriziert jetzt Munitionskisten, die waggonweise abgeliefert werden; die Schuhkappensteifefabrik macht Imprägniermaterial für Gasmasken.
 
1917 Januar 23: Heute nachmittag sprach im Kreuzsaal ein Vertreter der Gefangeneninspektion vor den Bürgermeistern und Arbeitsgebern über die Behandlung der Kriegsgefangenen. – Ein Flieger bereitete uns heute vormittag ein schönes Schauspiel; mit einem Doppeldecker flog er unmittelbar über den Häusern eine Anzahl Schleifen und Runden etwa 10 Minuten lang. Es soll der Fliegerleutnant Wenker gewesen sein, der seinen Bekannten versprochen hat, sich ihnen mit seinem Flugzeug vorzustellen. – Unter dem Siegel allergrößter Verschwiegenheit hat Oberamtmann Arnsperger heute mitgeteilt, daß von morgen an für 8 Tage der gesamte Güterverkehr gesperrt sei; dem Fabrikant Hipp und Säger Lang wurde eröffnet, daß ihre Militärgüter befördert werden. Die Entscheidung naht!
 
1917 Januar 25: Hauptlehrer Waldmann an der Volksschule besorgt von heute an auch den Unterricht in Ballrechten, da dort kein Lehrer ist. – Gestern fand in der städtischen Scheune auf dem Grün zum ersten Mal eine Lebensmittelsammlung für Freiburg statt, wobei solche schenkungsweise angenommen oder auch gekauft werden. Veranstalter ist der Frauenverein; Geschäftsführer, ehrenamtlich, der oben genannte Lehrer Waldmann. Eingegangen sind 2 große Körbe Gemüse und 20 Eier. Bezahlung wurde keine angenommen. Die Sammlung findet alle 14 Tage statt. Die Lebensmittel wurden heute an die „Landwirtschaftliche Hausfrauenvereinigigung“ in Freiburg, Bertoldstr. 28, abgesandt.
 
1917 Januar 26: Die vorgestern eingetretene Grenzsperre nach der Schweiz verursacht neue Alarmgerüchte: Hindenburg sei in Istein, zu Freiburg seien 17.000 Mann angesagt. – In Neuenburg wird eine Feldbäckerei gebaut, in Hügelheim wird ein Abflugfeld errichtet, wozu Obstbäume umgehauen werden. In Grißheim sind Jäger und Deutzer Kürassiere.
 
1917 Januar 27: Die Schweizer Grenzsperre wird „dementiert“, auch der Güterverkehr in Baden und Württemberg wird, laut Bekanntmachung, heute wieder aufgenommen. Alle Urlauber aus dem Osten sind dagegen heute hier und im Münstertal telegraphisch abgerufen worden.
 
1917 Januar 28: Auch in Mülhausen herrscht Angst vor einem Angriff durch die Franzosen. Bezirksarzt Dr. Barth hier hat von einem Bekannten dort einige Koffer mit Kleidern erhalten für den Fall einer eiligen Flucht; auch Kreuzwirt Schladerer hat derartige Koffer in Verwahrung. – Unteroffizier Rinderle, der in Neuenburg einquartiert ist, sagt dagegen, dort seien außer seiner Compagnie, die im Handgranatenwerfen ausgebildet wird, nur 1 Compagnie Pioniere, die seit Anfang des Kriegs dort sei. Feldbäckereien würden keine gebaut und auch im Elsaß seien nur wenige Truppen die „Karrussell fahren“, das heißt viele Truppen vortäuschen.
 
1917 Januar 31: Verzeichnis der im Jahre 1916 Gefallenen, soweit deren Tod amtlich mitgeteilt wurde:[folgt Liste].
 
1917 Februar 1: Ankündigung des uneingeschränkten Unterseebootkriegs!
 
1917 Februar 4: Küfer Karl Mußler hat das Eiserne Kreuz erhalten, dasselbe wurde hierher aufs Rathaus geschickt, damit man es seinem Vater übergebe! – Abends 8 Uhr: Albert bringt von Breisach das Extrablatt: Krieg mit Amerika! Seit der englischen Kriegserklärung in den ersten Kriegstagen die schlimmste Nachricht. (P.s.: vorläufig nur Abbrechung der diplomatischen Beziehungen.)
 
1917 Februar 5: Infolge des Kriegs und bei dem herrschenden Frost besteht ein großer Mangel an Kohlen, in Freiburg sind die Theater, Kinos und Mittelschulen geschlossen. Von morgen an dürfen die Wirtschaften hier erst um 11 Uhr, nur an Markttagen um 9 Uhr geöffnet werden.
 
1917 Februar 8: Heute mittag, 12 Uhr, wurden wir durch ein wahres Trommelfeuer von Schrapnellschüssen aufgeschreckt; Flieger haben wieder Freiburg angegriffen und 3 Bomben auf den Güterbahnhof geworfen.
 
1917 Februar 10: Die Flugwache wurde heute um 3 Mann verstärkt und zählt jetzt 10 Mann.
 
1917 Februar 12: Auch Schlatt hat jetzt 250 Mann Einquartierung erhalten; die Rheinbefestigungen, die bisher nur bis Grißheim herabreichten, sollen jetzt auch weiter hinunter gebaut werden. – Die Schuhkappensteifefabrik wird von jetzt an die Herstellung von Imprägniermaterial zu Schläuchen an Gasmasken im Großen fortsetzen; Fabrikant Rusch hat bereits für 165.000 Mark Celluloid gekauft zur Herstellung von 65.000 Schläuchen.
 
1917 Februar 15: Frau Bassermann-Scipio im Rothof hier hat ihre Schafherde, 10 Stück, der Stadt geschenkt für bedürftige Familien; das Fleisch wird bedürftigen Soldatenfamilien überlassen werden. – Durch die Einschränkungen im Lebensmittelverkehr, insbesondere durch das Verbot des Verkaufs von Butter und Eiern ist der Wochenmarkt auf ein Minimum zurückgegangen. Heute waren 2 oder 3 Verkäufer da, um die sich eine Menge „Kauflustige“ drängten. – Das Gerücht einer Offensive an der Schweizer Grenze will immer noch nicht verstummen, heute flüstert man sich zu, am 19. diesen Monats werde ein großer Angriff oder Durchbruch durch die Schweiz erwartet.
 
1917 Februar 17: Die Bauern haben bei der Ablieferung der Brotfrüchte wieder arg betrogen: Feldkirch hat 1500 Zentner, Hausen 2000 und Schlatt gar 4000 Zentner Brotfrüchte für den eigenen Bedarf zuviel zurückbehalten. Die Schrotmühlen werden jetzt plombiert werden. Heute fand die Vereidigung der Kontrollpersonen statt, die in 10% der Anwesen kontrollieren müssen. Das Los bestimmt, in welchen Häusern.
 
1917 Februar 20: Die Rekruten des Jahrgangs 1898 haben heute ihren Einberufungsbefehl erhalten, darunter auch Alfred Brodbeck, Monteur Fanz und andere.
 
1917 Februar 21: Heute war hier auf dem Turnplatz Pferdemusterung. Dabei sagte der Hauptmann, daß Staufen jetzt auch zum Etappengebiet erklärt worden sei. – Der Ernst des Kriegs tritt jetzt auch an uns näher heran. Nach Krozingen kommt morgen schon ein Pferdedepot mit 700 Pferden; Julius Hauser erhält in seinen Hof 40 Pferde. Hier wurden Räume gesucht zu einem Pferdelazarett, es wird aber wohl kaum etwas Geeignetes zu finden sein.
 
1917 Februar 25: Die Gemeinden des Amtsbezirks wurden heute aufgefordert, das Einquartierungskataster sofort aufzustellen, da möglicherweise größere Einquartierungen zu erwarten seien, nachdem der Bezirk Staufen Etappengebiet geworden sei. – Auch Heitersheim wird wie Hügelheim einen Flugplatz erhalten; Oberamtmann Arnsperger muß übermorgen Obstbäume, die umgehauen werden, schätzen lassen. Der Platz wird, wie erklärt wurde, „nur für alle Fälle“ eingerichtet.
 
1917 Februar 26: Der Gemeinderat hat heute beschlossen, zur Förderung des Kartoffelbaus aus Norddeutschland Saatkartoffeln zu beziehen und an den Kosten 2 Mark pro Zentner auf die Stadtkasse zu übernehmen. Wer Saatkartoffeln bezieht, muß dagegen das gleiche Quantum Speisekartoffeln abliefern. (P.s.: es wurden 270 Zentner angemeldet). – Die Besorgnis wegen einer Offensive im Oberelsaß wächst; man spricht sogar von einer Räumung des Oberelsaß.
 
1917 März 1: Kartoffelaufnahme: wir geben als Vorrat an 5 ½ Zentner. Per Kopf und Tag soll nicht mehr als ¾ Pfund Kartoffeln verbraucht werden. – Die Stadt besitzt im Rinderlehof folgende Mengen an Kartoffeln: eingelegt wurden im Spätjahr 912,40 Zentner; abgegeben wurden bis jetzt 220,90 Zentner; im Abgang (Fäulnis und Grund) beträgt bis jetzt ca. 100 Zentner; im Abgang noch zu erwarten: 50 Zentner, zusammen 370,90 Zentner. Somit noch Vorrat am 1. März: 541,50 Zentner.
 
1917 März 4: Die Flugplätze in Hügelheim und Heitersheim, die kaum in Betrieb genommen worden sind, sollen wieder geleert und ins Elsaß zurückverlegt werden, was auf eine ruhigere Auffaßung der Kriegslage am Oberrhein schließen läßt. – Major Schnorr vom Ersatzbataillon 142 in Heitersheim sagte heute, daß man beabsichtige, 2 Compagnien mit etwa 500 Mann hierher zu verlege, der Stab solle aber in Heitersheim verbleiben. Bürgerquartiere kämen nicht in Frage, dagegen die Säle der Wirtshäuser und das „alte Gemeindehaus“, womit er den ehemaligen „Saal“ meinte. Am Mittwoch nachmittag soll Lokalbesichtigung sein. – 9 Uhr abends: Soeben kommt der Unteroffizier der Flugwache und sagt, er habe die telephonische Nachricht erhalten (er hat Nachtanschluß mit Freiburg), daß der Fliegerleutnant Klein in Köln tödlich verunglückt sei. Für seine hier wohnende Mutter, die Witwe des vor einigen Monaten gestorbenen Pfarrers Klein von Sulzburg, ein harter Schlag.
 
1917 März 7: Durch die Offiziere des Heitersheimer Bataillons fand heute nachmittag eine Besichtigung der für Massenquartiere einer Garnison vorgeschlagenen Säle statt. Es wurde aber bisher nur Raum für 350 Betten statt der gesuchten 500 gefunden, weßhalb man versuchen will, leerstehende Zimmer in Privathäusern hinzuzumieten. Falls nicht, wie geplant, 2 Compagnien hieher verlegt werden können, käme vielleicht die K-V-Compagnie, das heißt die kriegsverwendungsfähige Compagnie in Frage.
 
1917 März 9: Gestern hat Oberamtmann Arnsperger mitgeteilt, daß in der Tat beabsichtigt sei, die elsässische Civilbevölkerung im Falle eines Angriffs zu exmittieren. Von der Schweizer Grenze bis Markolsheim her sollen die Leute unter Ausschluß der Bahnen ins Badische gebracht werden; über die Neuenburger Brücken jene des Kreises „Mülhausen Land“. Sie sollen bei uns etwa 14 Tage bleiben, da der Abtransport von da ins Bayerische soviel Zeit beanspruchen wird, hoffentlich kommt es nicht soweit.
 
1917 März 12: Vom Kommunalverband wurden an die Kaufleute Lebensmittel abgegeben: Haferflocken, Malzkaffee, Suppengerste, Sugo und Teigwaren. Die Stadt hat dazu Karten ausgegeben, da letztere teils auf 100 und 160 Gramm lauten, ist der Verkauf bei dem Massenandrang sehr erschwert. – Hier müssen die Massenquartiere angegeben werden zur eventuellen Aufnahme der Elsässer Flüchtlinge, ebenso wieviel Vieh die hiesigen Bauern von diesen Leuten kaufen wollen. Für die Quartiere kommen auch die Kirchen und Schulen in Betracht. – Ein beschränkter Abtransport aus dem Elsaß jedoch mit der Bahn „direkt nach Bayern“ findet jetzt schon statt, die Züge fahren nachts. – Heute nachmittag wurden abermals die Garnisonquartiere, und zwar 12 nachträglich angemeldete Zimmer, besichtigt. – Unsere Nebenbahn hat jetzt auch eine weibliche Schaffnerin, eine Tochter des Fabrikarbeiters Karcher.
 
1917 März 15: Um ½ 10 Uhr vormittags telephoniert der Postsekretär vertraulich und unmittelbar darauf bringt auch der Unteroffizier der Flugwache die Nachricht, daß in Petersburg die Revolution ausgebrochen sei.
 
1917 März 18: Die älteste Tochter des … wurde heute Mutter, der Vater des Kindes soll ein junger kriegsgefangener Russe sein. Auch ein Kriegsereignis! – Im Mooswalde „Rotläuble“ bei Weinstetten wurden vor einigen Tagen wieder schwere Geschütze aufgestellt; es soll auch in der Nähe eine Schiffbrücke gebaut worden sein. – Vom Bezirksamt wird mitgeteilt, daß in den nachsten Tagen 20 Kranke aus dem Elsaß, und zwar je 10 im Spital hier und in Krozingen untergebracht werden sollen. Im Oberelsaß werden die Krankenanstalten geräumt.
 
1917 März 21: Anmeldung zur Stammrolle der Zivildienstpflichtigen! – Heute mittag kamen mit einem „Rote-Kreuz-Automobil“ 10 Elsässer Spitaliten hierher ins Spital; es fanden aber nur 8 Platz, weßhalb die zwei anderen nach Heitersheim gebracht wurden. Die Leute sind Spitalpfleglinge aus der schon längst geräumten Stadt Altkirch und befanden sich zuletzt im Spital zu Lanzer bei Mülhausen [Landser, Dep. Haut-Rhin], wo auch das Bürgermeisteramt Altkirch jetzt seinen Sitz hat. Nur 1 Person ist krank, die anderen sind altersschwache Leute. – Oberförster Bunzmann vom Forstamt II hat sich von seiner „Unabkömmlichkeit“ entbinden lassen und ist jetzt Rekrut in Karlsruhe. Das Forstamt I versieht von jetzt an den Dienst beider Forstämter. – Vor einigen Tagen sind wieder 2 französische Gefangene hierher gekommen, der eine, ein Apotheker, fährt jetzt mit den Kühen der Frau Martin Nunnenmacher.
 
1917 März 23: Wie die Zeitung meldet, hat Gummiwarenfabrikant Hipp, der vor dem Krieg auf sehr schwachen Füßen stand, zur 6. Kriegsanleihe 100.000 Mark und zur vorhergehenden ebenfalls 100.000 Mark gezeichnet. Seine Kriegsindustrie, Granatendrehen und Altgummimahlen, sind scheint's sehr rentabel. – Die Granatendreher erhalten jetzt unerhört hohe Akkordlöhne. Fabrikarbeiter Liermann, der vor dem Krieg vielleicht 900 Mark verdiente, erhält jetzt wöchentlich 100 Mark, also im Jahr über 5000 Mark. Ein anderer Arbeiter, namens Albert, stellt sich gar auf über 7000 Mark.
 
1917 März 31: Heute nachmittag haben unerwartet 2 Unteroffiziere Quartier gemacht für das „7. Mobile Bayerische Etappenkommando“, das bisher in Gebweiler [Guebwiller, Dep. Haut-Rhin] lag und jetzt hierher verlegt wird. Das Bureau kommt in den Gartensaal Rißler, der Oberst, Major und Stabsarzt kommen in Privatquartiere. Der Major ist ein Realschuldirektor aus der Pfalz, der Oberstabsarzt ein Universitätsprofessor aus München. (Das Kommando ist am 3. April eingetroffen).
 
1917 April 9: Auch die Schuhkappensteifefabrik hat zur Kriegsanleihe 100.000 Mark gezeichnet. In der Brauerei Riesterer findet heute abend ein „Vaterländischer Abend“ statt, bei welchem Reichsbankdirektor Fälligen aus Freiburg sprechen und die Jugendwehr 2 Theaterstücke aufführen wird.
 
1917 April 10: In der heutigen Bürgermeisterversammlung wurde mitgeteilt, daß in Heitersheim ein Nahrungsmitteldepot für Elsässer Flüchtlinge errichtet werde. – Glockenbeschlagnahme. Hoffentlich gelingt der Versuch, wenigstens die vier alten Glocken von 1686 und 1720 des Kirchengeläutes zu retten.
 
1917 April 12: Auf Anordnung der hiesigen Etappenkommandantur dürfen von heute an keine Straßenlampen mehr gebrannt werden.
 
1917 April 14: Heute mittag 12 ½ fand ein schwerer Fliegerangriff auf Freiburg statt. Um 5 Uhr nachmittags sahen wir abermals 10 feindliche Flieger gegen Freiburg fliegen und bald darauf hörten wir von dort Schießen und sahen auch die Schrapnellwölkchen am Himmel auftauchen. In Freiburg gab es einen ungeheuren Sachschaden, ferner 20 Tote, darunter ein Neffe des Pfarrers von Ballrechten, ein Student, der in seiner freien Zeit bei den Gebrüdern Himmelsbach im Kontor arbeitete. Auch die Anatomie ist abgebrannt.
 
1917 April 15: Weißer Sonntag. Abermalige Getreideaufnahme bei den Bauern durch eine Kommission, bestehend aus dem Bürgermeister, dem Kaufmann Gysler und Hutmacher Wagner, welchen ein Unteroffizier aus Heitersheim zugeteilt ist.
 
1917 April 16: Das Bier ist ausgegangen; Rißler muß zum Beispiel 3 Tage schließen; auch der Malzkaffee ist verschwunden. Die Gerste wird zum Strecken von Mehl verwendet. – Wiederbeginn der Sommerzeit. – Verminderung der Brotkarten um ein Viertel (9 Blatt pro Heft statt 12). – Verdoppelung der Fleischration (1 Pfund statt ½ Pfund pro Woche). Minderbemittelte erhalten aus der Reichskasse einen Zuschuß von 2,40 Mark im Monat zum Ankauf von Fleisch, welches Geld von der Stadtkasse ausbezahlt wird. – Metzger Gregor Kopf ist seit Anfang März in französischer Gefangenschaft.
 
1917 April 20: Zimmermann Heizmann ist als erster der Hilfsdienstpflichtigen einberufen worden; auch beim Maurermeister Wehrle wurden mehrere Taglöhner zu Bauern ins Münstertal beordert, wogegen er selbst Hilfsdienstpflichtige zu seinen Heeresarbeiten zugewiesen erhält. – Von dem Pferdedepot in Krozingen können die hiesigen Bauern Pferde leihen für nur 2 Mark pro Tag.
 
1917 April 23: Karl Freudig aus dem Bötzen, Infanterist, wird seit dem 9. April vermisst; er war in der Schlacht bei Arras. – Im Spital ist einer der Elsäßer Flüchtlinge, ein 83-jähriger Spitaliter aus Landser, gestorben.
 
1917 April 18: Heute nachmittag findet im Rinderlehof der letzte diesjährige Verkauf von städtischen Kartoffeln an hiesige Einwohner statt, der verbleibende Rest ist an das Rote Kreuz in Freiburg verkauft, das dagegen Schweizerkäse an die Stadt abgeben wird, der sonst gar nicht mehr zu erhalten ist.
 
1917 April 28: Die Glocken der hiesigen Pfarrkirche wurden gestern von dem Erzbischöflichen Bauinspektor Jeblinger in Freiburg wegen der bevorstehenden Glockenablieferung besichtigt und gemessen. Wegen ihres Alters können sie nicht von der Einschmelzung befreit werden; er glaubt aber dieselben wegen ihres geschichtlichen Wertes frei zu bekommen und zwar aufgrund meines 1903 veröffentlichten Aufsatzes über „die Glocken der Stadtpfarrkirche“, den er einreichen wird. – Die anderen städtischen Glocken wurden von Baumeister Wehrle aufgenommen: 1) St.-Michaels-Glocke auf dem Rathaus, 40 cm hoch, 55 cm unterer Durchmesser, 2) Stationenkapelle auf der Einsiedelei, 33 cm hoch, 41 cm unterer Durchmesser; 3) St.-Sebastians-Kapelle auf dem Friedhof, 38 cm hoch, 45 cm unterer Durchmesser; 4) desgl. 35 cm hoch, 40 cm unterer Durchmesser; 5) St.-Gotthard-Kapelle des ehemaligen Leprosenfond, 42 cm hoch, 38 cm unterer Durchmesser; 6) die Kapuzinerglocke in der Schule wurde nicht angemeldet. – Zur Etappenkommandantur ist nun auch ein Kriegsgerichtsrat mit seinem Personal hier einquartiert worden. – Von der Verlegung eines Teils des Heitersheimer Ersatzbataillons hierher ist es wieder still geworden. Bevor weitere Schritte geschehen, muß die Genehmigung des Großherzogs zur Errichtung einer neuen Garnison abgewartet werden, da die Verlegung nicht dringlich ist.
 
1917 Mai 2: Heute nacht 10 Uhr brachten Durlacher Trainsoldaten 8 Pferde hierher, da die Landwirtschaftskammer nächste Woche hier eine Pferdeversteigerung abhalten wird.
 
1917 Mai 3: Heitersheimer Offiziere, die gestern im „Löwen“ waren, sagten, daß am 23. Mai hier die vielgenannte Garnison errichtet werde; sonst ist hier davon noch nichts bekannt. – Morgen kommen wieder 3 neue französische Kriegsgefangene zu Bauern.
 
1917 Mai 7: Auf dem Schutzrainplatz fand um ½ 12 Uhr durch einen Beamten der Landwirtschaftskammer der Verkauf von 20 Militärpferden durch Auslosen unter den Kaufliebhabern statt. – Nachmittags ließ die Stadt einen Waggon von 270 Zentner norddeutscher Saatkartoffeln an hiesige Einwohner verkaufen.
 
1917 Mai 8: Das Gutachten des des Erzbischöflichen Oberbauinspektors Jeblinger (siehe oben April 28) über die Glocken der katholischen Pfarrkirche befürwortet eine „Zurückstellung“ der 4 alten Glocken. Es lautet: „Von den im Kirchturm hängenden 5 Glocken, nämlich: 1) Gußjahr 1720, Gewicht 3185 Pfund, Durchmesser 137 cm (große Glocke); 2) Gußjahr 1686, Gewicht 2020 Pfund, Durchmesser 115 cm (Scheidezeichenglocke); 3) Gußjahr 1686, Gewicht 1373 Pfund, Durchmesser 105 cm (Betzeitglocke); 4) Gußjahr 1686, Gewicht 1000 Pfund, Durchmesser 93 cm (Rosenkranzglocke); 5) Gußjahr 1841, Gewicht 1000 Pfund, Durchmesser 68 cm (kleine Glocke), haben die 4 älteren, als vor dem Jahr 1700 gegossen, an sich schon einen erheblichen Altertumswert. Wie aus den beiliegenden 4 Photographien ersichtlich ist, besitzen sie auch entsprechenden Kunstwert, indem ihre technische Ausführung und dekorative Behandlung einschließlich der Inschriften bemerkenswert sind und über das übliche durchschnittliche Maß hinausgehen. Hinzu kommt noch die für die Tongebung und für die künstlerische Erscheinung wichtige Profilgestaltung, die nach Ausmaß und Vergleichung eine gute Annäherung an den klassischen Normalquerschnitt ergibt. Besonders hervorzuheben ist aber die wertvolle geschichtliche Vergangenheit der Glocken, wie sie aus der Schilderung der wechselvollen Schicksale im Laufe der Jahrhundert in der hier beifolgenden Artikelserie des „Staufener Wochenblattes“ von 1903 (von mir verfaßt) hervorgeht. Nach alledem kann die Zurückstellung der 4 älteren Glocken nur befürwortet werden. Für die 5te, die jüngste, ist ein solcher Anspruch nicht berechtigt. Ich empfehle daher, bei dem zuständigen Kommunalverband unter Vorlage meines Gutachtens die Zurückstellung der obigen 4 Glocken zu beantragen.“ An den kath. Stiftungsrat in Staufen – gez. Jeblinger.
 
1917 Mai 9: Leutnant Alfred Schladerer, Abteilungs-Adjutant bei der Artillerie hat als erster gebürtiger Staufener der Eiserne Kreuz 1. Klasse erhalten. – Die Etappenkommandantur wird demnächst von hier nach Freiburg verlegt werden. Das dortige große Etappenkommando, mit 40 Offizieren, das gleichzeitig mit dem hiesigen aus dem Elsaß zurückgenommen wurde, kommt fort. Die Gefahr für unser Oberland scheint beseitigt zu sein. – Zwei Heitersheimer Kompagnien des Ersatzbataillons kommen am 1. Juni hierher. – Redakteur Karl Acker ist ernstlich verwundet, das Bein sei „zerschmettert“.
 
1917 Mai 11: Heute nacht flog ein Zeppelin über Staufen, schade, daß er nicht bei Tag kam. – Diesen Nachmittag fand die endgültige Quartierbestimmung statt für die 2 Heitersheimer Compagnien, die hierher kommen.
 
1917 Mai 12: Vertrauliche Anfrage vom Bezirksamt, wieviel Elsässer Flüchtlinge in Staufen untergebracht werden können.
 
1917 Mai 14: Ein Russe, der im „Kreuz“ arbeitete und der vor 3 Tagen entwich, ist heute in Lehen aufgegriffen worden; dagegen sind heute Nacht 3 Franzosen aus ihrer Herberge in der „Krone“ durchgebrannt.
 
1917 Mai 16: Hier regt sich ein Widerstand gegen die Verlegung einer Garnison hierher, und zwar nicht nur von den Leuten, die Säle und Zimmer hergeben sollen, sondern auch im Allgemeinen, da man eine weitere Verschlimmerung der Nahrungsverhältnisse befürchtet. – Im Laufe der letzten Tage war auch der Großherzogliche Konservator der kirchlichen Altertümer, Professor Sauer aus Freiburg, zwei Stunden auf dem Kirchturm, um ebenfalls ein Gutachten für die Erhaltung der Glocken abzugeben. – Auf der Herrenmatte am Fuße des Schloßbergs hat die Flugwache eine Signaleinrichtung geschaffen, wodurch sie unsere Flieger über das Herannahen feindlicher Flieger benachrichtigen kann; sie legt aus weißen Brettergestellen ein Zeichen ins Gras [folgt Zeichnung von drei in Pfeilform angeordneten Brettern].
 
1917 Mai 21: Schweizerkäse-Krawall! Der Kommunalverband habe Schweizerkäse zum Verkauf erhalten, statt dessen hätten die Beamten ihn unter sich verkauft, so heißt es hier. Daran ist richtig, daß der Kommunalverband aus der Kantine Himmelsbach in Krozingen einen Laib erhalten hat, den der Oberamtmann, Revisor ??? und Albert Gysler unter sich verteilt haben, so daß die anderen Einwohner leer ausgingen. Von den Bahnbeamten und vom Müller bei Gysler, der davon zum Vesper erhalten hatte, kam die Sache ans Tageslicht. – Auch der Wachtmeister steht in Disziplinaruntersuchung; sein Gendarm, mit dem er in Streit geriet, hat ihn denunziert, er habe seine Schlachtschweine nicht die vorgeschriebene Zeit von 6 Wochen besessen, er habe Äpfel gekauft während der Sperre und wegen ähnlicher Schwerverbrechen.
 
1917 Mai 24: Im Rathauskeller werden Zementtröge hergestellt zum Einkalken von Eiern, bis jetzt sind 6000 Eier eingelegt. – Heute wurden in der Pfarrkirche die zinnernen „Prospektpfeifen“ aus der Orgel zur Ablieferung entfernt; daß diese „klingende Stimmen“ waren, haben die Knaben gezeigt, die sie beim Blechner Haas ablieferten. Sie haben damit auf der Straße einen höllischen Lärm gemacht. Wie viele Werke zerstört doch der Krieg!
 
1917 Mai 26: Die französischen Kriegsgefangenen, die vor einigen Tagen von hier entflohen sind, wurden an der Schweizer Grenze verhaftet und zurückgebracht. Zur Strafe sitzen sie jetzt 5 Tage im Ortsarrest (Dunkelarrest mit knapper Kost).
 
1917 Mai 30: Auch Konservator Sauer (siehe oben Mai 16) hat unterm 24. Mai ein sehr günstiges Gutachten über die Glocken abgegeben. Während Oberbauinspektor Jeblinger (siehe oben Mai 8) nur eine „Zurückstellung“ befürwortet hat, beantragt Professor Sauer nunmehr eine „gänzliche Befreiung“, welcher der Kommunalverband Folge geben muß. Das Gutachten sagt in seinem Schlußpassus: „Es ergiebt sich somit hinreichend die geschichtliche wie künstlerische Bedeutung der Glocken. In letzterer Hinsicht sind sie nicht nur eine glänzende Probe der tüchtigen, am Oberrhein häufig und stets mit Erfolg tätig gewesenen Waldshuter Gießerwerkstätte, sie offenbaren auch in ihren reichen und sorgfältig durchmodellierten und ausgegossenen Ornamenten die reiche Phantasie und die hohe Leistungsfähigkeit und den Geschmack des Kunstgewerbes vergangener Jahrhunderte. Die Stadt Staufen hat um diese Zeugen sorgenvoller Zeiten einen wahren Kampf mit den Kriegsgegnern vergangener Jahrhunderte geführt. Es wäre in hohem Grade tragisch, wenn sie, die ihre Glocken stets vor dem räuberischen Eindringling zu retten wußte, jetzt, da kein Feind im Land steht, verlieren müßte. Ich beantrage daher, sämmtliche 4 Glocken im Interesse heimischer Denkmalpflege von der Enteignung gänzlich zu befreien.“ gez. Sauer.
 
1917 Juni 2: Der seit dem Ostermontag vermißte Karl Freudig aus dem Bötzen, der als gefallen galt, hat am Pfingstmontag einen Brief auf London gesandt; er ist am Ostermontag beim Sturm auf Arras in englische Gefangenschaft geraten.
 
1917 Juni 3: Heute nacht ¾ 1 Uhr fand wieder ein Fliegerangriff auf Freiburg statt; wir alle wurden hier durch die Abwehrschüsse geweckt und konnten das Blitzen der Geschosse und Leuchten der Scheinwerfer sehen.
 
1917 Juni 4: Wie die letzte Nacht wurden wir von 12 Uhr an wach gehalten durch Fliegerangriffe auf Freiburg. Weder heute noch gestern wurden aber dort Bomben geworfen. – Abgabe von Kupfervitriol durch die Stadt an die Rebenbesitzer, und zwar pro ar ½ bis 1 Pfund zu 80 Pfennig pro Pfund.
 
1917 Juni 6: Festsetzung der Mieteentschädigung für die hiesigen Kasernements durch eine Kommission, bestehend aus Hauptmann König, einem Zahlmeister, dem Baukontrolleur Sütterlin, Baumeister Wehrle und Oberamtmann Arnsperger. Die Garnison soll am Samstag eintreffen. – Im Oberelsaß bereiten sich ernste Dinge vor. Das Oberkommando ist nach Müllheim verlegt, wo 67 Bureaux eingerichtet wurden, die Schulen sind geräumt und die Sparkasse wurde zur Telephonzentrale eingerichtet. Bei Mülhausen wurden 17 Gemeinden geräumt und das Elsaß ist mit Truppen überfüllt. (P.s.: das Oberkommando verblieb in Kolmar und kam nicht nach Müllheim.) – Ins Münstertal kamen heute 22 ältere Soldaten zum Fällen von Holz in den Domänenwäldern.
 
1917 Juni 7: Über das jetzige, dazu noch sehr spärliche Brot wird sehr geklagt. Die Frucht soll zu 94 % ausgemahlen werden, unsere Landmüller können es aber nicht, so ist das Brot so holzig, als ob Sägmehl darin wäre. Die Zahl derer, die es nicht [v]ertragen, ist groß. Von allen Seiten wird Brot hierher gebracht, um zu zeigen, daß es in anderen Orten besser ist als in unserer Gegend.
 
1917 Juni 12: Die neue Garnison ist heute nachmittag 4 Uhr hier mit klingendem Spiel eingezogen. Es ist vorläufig 1 Compagnie mit etwa 150 Mann, ausschließlich ältere Leute, die schon im Feld waren, da die jungen Leute in Heitersheim ausgebildet werden. Bald nach dem Einmarsch konzertierte die Militärmusik auf dem Marktplatz. Irgendein festlicher Empfang hat nicht stattgefunden; die Häuser waren aber geflaggt. – Von heute an findet nun nachts 2 mal eine militärische Patrouille statt zum Schutz gegen Feuersgefahr. – Unmittelbar nachdem die Truppen eingezogen waren, brach ein Gewitter los, dem ein Russe zum Opfer fiel. Der Kriegsgefangene, beim Bauern Schelb arbeitend, sucht mit einem andern Russen unter einem Baum beim Kreuz am Kaibengäßle Schutz und wurde dort vom Blitz erschlagen, der andere Russe blieb unbeschädigt. – Um 6 Uhr abends benachrichtigte mich der Besitzer des Wochenblatts, er habe soeben ein Zensur-Telegramm erhalten, es dürfe über die Verhandlungen Deutschlands mit Rußland wegen eines Waffenstillstands nichts veröffentlicht werden. Friedensaussichten?
 
1917 Juni 14: Um 7 Uhr abends fand die Beerdigung des vorgestern vom Blitz erschlagenen Russen statt. Der Sarg war vor der Gottesackerkapelle aufgebahrt und unter dem Läuten der Kapellenglocken bewegte sich der Zug zum Grab in der Gräberreihe. Der katholische Stadtpfarrer Casper, der nicht in den liturgischen Gewändern, sondern in der Soutane mit dem Cingulum erschienen war, nahm die Zeremonie nach Art der protestantischen Leichenfeiern vor, das heißt mit einer Grabrede ohne die üblichen Gebete. Am Kreuz war das Bild der Familie des Gestorbenen angebracht, das er vor einigen Tagen erhalten hatte, an der Feier nahmen alle Kriegsgefangenen teil, von denen viele schöne Kränze trugen, ebenso 2 Korporalschaften der neuen Garnison. – Unsere neue Garnison ist die reinste landwirtschaftliche Hilfstruppe. Von militärischen Übungen ist nichts zu bemerken; die meisten Soldaten arbeiten tagsüber bei den Bauern für 2 Mark Taglohn. Als Küche für die Truppen wird die Wurstküche im „Löwen“ benützt, die Stadt muß ihnen deshalb das benachbarte Spritzenhaus II hinter dem Rathaus als „Speisesaal“ einräumen, obgleich sie es selbst sehr notwendig braucht. – Gestern 3 Klafter Holz im Herrenloch gekauft zu 300,- Mark. Im Münstertal gilt das Klafter 120,- Mark, in Sulzburg gar 170 Mark gegen 40 Mark im Frieden.
 
1917 Juni 15: Herbert Schnell [?], der im August 1914 verwundet in Gefangenschaft kam, ist am 12. diesen Monats als Austauschgefangener nach Bürgenstock in der Schweiz gekommen. – Besichtigung der Casernements durch Generalleutnant Wolf aus Freiburg.
 
1917 Juni 10: Beunruhingende Gerüchte kursieren von neuem: bis zum 20. müssen die Vorbereitungen zur Verlegung des Oberkommandos nach Müllheim beendet sein; letzte Woche war der Kaiser und Hindenburg im Oberelsaß; von Istein bis zur Schweizer Grenze sind 5 Schiffbrücken geschlagen, die Bahnen sind in Bereitschaft wie beim Kriegsbeginn; gestern mußte die Gemeinde angeben, wie viel Truppen hier untergebracht und wie viele Geschütze und Fuhrwerke aufgestellt werden können. – Ein Flieger beschrieb heute schöne Kurven über Staufen und warf eine schwarzweißrote Kapsel aufs Köpfle neben der Burgruine.
 
1917 Juni 17: Heute, Sonntag früh, waren Plakate angeschlagen: „Es ist ein Quantum Schweizerkäse eingetroffen: solche werden an Schwerstarbeiter, also an höhere Beamte abgegeben zum Preis von 1.25 per Pfund. Der Kommunalverband Staufen.“ Der Schweizerkäse ist also immer noch unverdaut! (P.s.: Tags darauf erschien in der Freiburger Zeitung ein überaus gehässiger, gegen den Oberamtmann gerichteter Artikel, in dem diese Sache, anknüpfend an diese Plakate, breitgeschlagen wurde. Urheber des ganzen Unfugs dürfte der eigene Aktuar des Oberamtmanns gewesen sein.) – Um 1 Uhr mittags flog ein großer Zeppelin das Land herauf, machte eine Wendung und flog tief herabgehend unmittelbar über Staufen hinweg wieder das Land herab. – Gestern wurde das Heugras ab unserer Großmatte zu 3,80 Mark per Ar an das Pferdeerholungsheim in Krozingen verkauft. – Im Hauptgottesdienst hat Stadtpfarrer Casper bekannt gegeben, daß die 4 größten Glocken der Pfarrkirche von der Ablieferung „gänzlich befreit“ sind. – Nachmittags 4 Uhr fand eine Feuerlöschprobe der Feuerwehr und der Hilfsmannschaft statt, an der auf ergangene Einladung auch ca. 60 Mann der Garnison teilnahmen. Die Heitersheimer und hiesigen Offiziere wohnten der Übung bei.
 
1917 Juni 21: Der diesjährige Heuet nimmt einen raschen Verlauf, bei jedem Heuwagen sieht man Soldaten der hiesigen 142er, welche die Bauern holen können gegen 2 Mark Taglohn. Die Kriegsgefangenen, besonders die Franzosen, werden dadurch auf einmal unwert und die Arbeitgeber finden an ihnen alle möglichen Mängel. – Das Spritzenhaus II hinter dem Rathaus ist den Soldaten jetzt als Speiseraum überwiesen, das bisher zum Aufbewahren der der Stadt überwiesenen Lebensmittel und zur Ausgabe derselben benützt worden war. Um diesem Mangel abzuhelfen, wurde jetzt die Halle im Kornhaus durch verschließbare Lattenverschläge in kleinere Räume geteilt. – Ausgabe des Einmachzuckers durch die Kaufleute, 3 Kilo per Kopf.
 
1917 Juni 22: Auch die Rathausglocke ist in ihrer Eigenschaft als Alarmglocke zurückgestellt, als „vorläufig“ von der Ablieferung befreit. Sie wurde 1720 für die Gemeinde Tunsel gegossen und 1727 von der hiesigen Stadt von dem Handelsmann Claude Hugard, meinem Ur-Urgroßvater, für 110 fl gekauft. Sie wiegt 209 Pfund und trägt die Umschrift „Anno Domini MDCCXX fusa sum in honorem S. Michaeli“. – „Johannes Neymeier, Vogt in Dunsel“.
 
1917 Juni 25: Am 18. und heute wurden viele Rekruten eingezogen, darunter auch die 18-jährigen. Eingerufen wurden unter anderem der junge Walliser als Flieger, Troll zur Artillerie, Gymnasiast Riesterer „zum Bureaudienst in der Heimat“, August Wahl zum Train.
 
1917 Juni 26: Arbeiter des Baumeisters Wehrle haben heute vormittag die kleine Glocke der St.-Martins-Pfarrkirche zum Turm herabgelassen. Sie steht vorläufig vor dem Tor des Glockenhauses. – In St. Trudpert hat Blechner Bueb das kleinste Glöckchen, gegossen von Koch in Freiburg heute herabgenommen; die anderen Glocken bleiben erhalten.
 
1917 Juni 27: In der Gottesackerkapelle nahmen die Arbeiter des Baumeisters Wehrle die kleinere der beiden Glocken hinab. Inschrift: „HH. Weytenauer goss mich – Gott allein den Segen gibt. – 1653“. (Glockengießer Hans Heinrich Weitenauer in Basel.) – Dieselben Arbeiter nahmen heute vormittag aus der protestantischen Kirche die größte und die kleinste Glocke aus dem Turm herab und stellten sie in der Kirche neben dem Altar auf. Eine Abschiedsfeier soll an einem Sonntag stattfinden.
 
1917 Juni 30: Die hiesige Compagnie zählt gegenwärtig nur 20 Mann; alle anderen sind entweder beurlaubt oder zu landwirtschaftlichen Arbeiten kommandiert. Nächster Tage sollen aber alle Plätze voll besetzt werden. – Das Generalkommando und die Armeegruppe B giebt bekannt, daß die Elsässer Flüchtlinge aufgenommen werden müssen; Oberamtmann Arnsperger sagt aber, die meisten Bezirksorte, darunter auch Staufen, würden frei bleiben. – Heute nacht sind wieder 6 Gefangene, 4 Franzosen und 2 Russen, entflohen.
 
1917 Juli 4: Am 27. Juni ist auch der älteste Sohn der Frau Pfarrer Klein, Leutnant Richard Klein gefallen, so daß die Frau in kurzer Zeit 2 Söhne verloren hat. – Heute vormittag haben die Bürgerschüler statt des Unterrichts im „Halsmäntele“ eine Wagen Brennesseln gesammelt; auch an den anderen Orten geschieht solches durch die Schüler.
 
1917 Juli 8: Die entlaufenen Kriegsgefangenen wurden wieder aufgegriffen und hierher zurückgebracht, sie haben sich ihrer Freiheit nur kurz erfreut. – Seit einigen Tagen ist hier ein Jägerunteroffizier als Hilfsgendarm stationiert, er trägt seine grüne Uniform mit weißer Armbinde. (P.s.: Später kamen noch 2 Dragoner dazu mit ihren Pferden.)
 
1917 Juli 10: In der heutigen Bürgerausschußsitzung wurde die Erhöhung des Gehalts des Bügermeisters wegen der durch den Krieg verursachten Mehrarbeit von 2500 auf 3000 Mark beschlossen.
 
1917 Juli 11: Das Ersatzbataillon Heitersheim benachrichtigt das hiesige Bürgermeisteramt, daß noch für weitere 100 Mann Garnisonquartier beschafft werden müssen und zwar bis nächsten Samstag. – Die Kriegsamtstelle Karlsruhe hat verfügt, daß die Schuhkappensteifefabrik geschlossen werden muß und ihre Arbeiter in anderen Betrieben untergebracht werden sollen. (P.s.: die Verfügung wurde zurückgenommen; die Fabrik fabriziert Ersatzsohlen). – Im Münstertal zahlen die Freiburger „Hamster“ jetzt durchweg für 1 Pfund Butter 5 Mark; eine Frau zahlte sogar 8 Mark. – Der seit August 1917 kriegsgefangene Hermann Rinderle, der seit einem Jahr krank in der Schweiz interniert war, ist gestern als Austauschgefangener in Konstanz eingetroffen. (P.s.: am 13. ist er zu längerem Urlaub heimgekehrt.)
 
1917 Juli 18: Besichtigung der Quartiere für weitere 94 Mann (siehe oben Juli 11); 90 davon kommen in die Bob’sche Lederfabrik. – Zu Grißheim bauen Pioniere eine Rheinbrücke; jugendliche Arbeiter, die dort schaffen, erhalten 5 und 6 Mark Taglohn; Vorarbeiter 20 Mark. – Fabrikant Groschupf steht in Unterhandlung wegen des Verkaufs seiner Fabrik an einen Mülhauser Fabrikanten, der seinen Betrieb ins Badische verlegen will.
 
1917 Juli 19: Reiche Ernte der Waldbeeren, insbesondere der Himbeeren. Es wird hier für das Pfund 30 Pfennig, in Freiburg 50 Pfennig gezahlt, so daß die Sammlerinnen täglich (bei 25 Pfund) 7 bis 12 Mark verdienen. – Abends ½ 9 Uhr: soeben kommt die Nachricht vom Durchbruch von Zloczow [Solotschiw, Ukraine, polnisch Złoczów; Ostgalizien]. – Nach der Wählerliste zur Reichstagswahl sind hier 398 Wähler ansäßig, davon sind aber 157 im Heeresdienst.
 
1917 Juli 25: Seit heute sind hier noch 2 Dragoner stationiert zur Unterstützung der Gendarmerie. – Von Karlsruhe kam die Verfügung, man solle mit dem Abliefern der Glocken noch warten, da sie vielleicht gar nicht benötigt werden. – Maurermeister Wehrle muß am 1. August die Arbeiten an der Erweiterung der Hipp’schen Gummifabrik einstellen, da er nur bis zu diesem Tag aufgrund des Hilfsdienstgesetzes Arbeiter zur Verfügung erhalten hat und die Fabrik an diesem Tage vollendet sein sollte. – Der Sanitäter und Landwirt Valentin Obergfell wird seit einigen Tagen vermißt.
 
1917 Juli 30: Bäcker Robert Riesterer wurde benachrichtigt, daß sein jüngster Sohn Robert schwer verwundet sei. – Das gestrige Annafest verlief sang- und klanglos; von Fremden keine Spur.
 
1917 August 1: Heute am Jakobimarkt fand zum ersten Mal im Kornhaus ein städtischer Verkauf von Frühkartoffeln statt, pro Person 5 Pfund; dieser Verkauf soll in einer Woche wiederholt werden. Ferner werden mittwochs im Rathaus kleine Käsle, ferner Eier, von den letzteren diesmal 560 Stück, welche die hiesigen Hühnerhalter erstmals abgeliefert haben, da ihnen mit der Entziehung der Zuckerkarten gedroht worden war.
 
1917 August 4: Karl Freudig vom Bötzen, der seit dem 9. April vermißt war, ist in London in Gefangenschaft. – Heute nacht paßte ein hiesiger Gendarm den Frachtfuhrmann Gaß ab, der beim Müller Hug eine Sendung Schinken, Butter und Eier abholte, die er dem Landgerichtsrat Dr. Rinderle in Freiburg bringen sollte. Am letzten Mittwoch lud ein Kartoffelhändler aus Eschbach, der zum städtischen Verkauf Kartoffeln brachte, vorher eine Reihe von Kartoffelsäcken für die Beamten des Bezirksamts ab. Es hamstert jeder, soviel er kann. Ein Scherzwort sagt: es giebt 2 Kategorien Menschen, Hamster und Esel!
 
1917 August 7: Fabrikant Hipp hat aus Berlin die Verfügung erhalten, daß er seine Fabrik am 1. September stillegen müsse, dadurch werden 35 Arbeiter und 45 Arbeiterinnen brotlos. – Am nächsten Donnerstag geht von der hiesigen Bereitschaftskompanie des Ersatzbataillons ein Trupp von 45 Mann nach der Front ab; sie wurden gestern ausgewählt. Schon heute sah man hier viele fremde Leute, die ihre Angehörige[n] vor dem Ausmarsch noch einmal sehen wollten.
 
1917 August 10: Weißgerber Adolf Zähriger von der Fußartillerie ist Leutnant der Reserve geworden. – Der ledige Gustav Ostertag, ein Sohn des Stadttaglöhners Johann Ostertag, Vizefeldwebel, ist am 1. August gefallen. Ein bewegtes Leben hat damit sein Ende gefunden. Nachdem er bei den 142ern gedient hatte, nahm er mit seinen hiesigen Kameraden Wetzel als Kriegsfreiwilliger am Chinafeldzug teil. Bald darauf trat er in Belfort in die Fremdenlegion ein und verbrachte 5 Jahre in Algier. Etwa ½ Jahr vor der Mobilmachung kam er heim und als Gefreiter mußte er einrücken. – Auch der Apothekergehilfe Egger, der von hier aus eingezogen wurde, ist in den letzten Tagen gefallen.
 
1917 August 11: Unsere Kriegs-Eisenbahnschaffnerin, Fräulein Maria Karcher, ist gestern abend 8 Uhr verunglückt; wohl behindert durch die Röcke kam sie zu Ballrechten beim Aufspringen auf den Zug zu Fall und es wurde ihr der rechte Fuß abgefahren. Die Amputation am Kniegelenk erfolgte heute zu Freiburg. (P.s.: Auch der linke Fuß mußte später abgenommen werden). – Von einem Soldaten, der ins Feld kommt, habe ich heute die Petschaft des Kapuzinerklosters Radolfzell (S. Capuzinorum Cellae) gekauft; er hat sie hier auf dem Schloßberg (!) gefunden. – Die Heitersheimer Soldaten haben die Ruhr eingeschleppt. Ein Mann liegt hier krank in der Krankenstube, kommt aber jetzt nach Müllheim; die Mannschaftstube im Ackermann’schen Haus ist gesperrt. (P.s.: Weitere Fälle kamen nicht vor.)
 
1917 August 15: Seit 3 Tagen hörten wir von der Front beängstigendes Trommelfeuer; heute ist es wieder ruhiger, aber es heißt, die Franzosen hätten Altkirch besetzt. – Der seit einigenWochen vermißte Valentin Obergfell ist in französischer Gefangenschaft. – Fabrikant Robert Groschupf hat das Eiserne Kreuz erhalten. – Heute früh sind von unserer Compagnie 45 Mann mit klingendem Spiel ins Feld gerückt. – Hier wohnen gegenwärtig sehr viele Sommerfrischler, meistens Frauen und Kinder, in den Gasthöfen und besonders in Privatwohnungen; im „Kreuz“ essen zum Beispiel täglich an der Tafel 35 Personen. – Nach längerer Pause wurde wieder hier – am Bahnhof – ein roter französischer Papierballon gefunden.
 
1917 August 17: Mittags 12 ¾ Uhr, Angriff von 20 Flugzeugen auf Freiburg. Das Schießen von Freiburg her und das Kreisen der feindlichen Flieger und ihrer Verfolger über dem Städtchen setzen alle in Aufregung.
 
1917 August 21: Abermaliger Fliegerangriff auf Freiburg um 10 Uhr nachts, wir konnten das Blitzen der Schrapnelle gut sehen.
 
1917 August 24: Bei der heutigen Obstversteigerung an der Krozinger Straße wurden unerhörte Preise erzielt; Werkmeister Bauer zahlte für 1 Baum Birnen 280 Mark, die Himmelbach’sche Kantine in Krozingen für 2 Bäume Birnen 310 und 320 Mark. (Birnmost kann ohne Zucker bereitet werden, während Apfelmost solchen erfordert und beim jetzigen Fehlen des Zuckers nicht hergestellt werden kann).
 
1917 August 27: Abends 6 Uhr: Feuerlärm wegen eines Brandes in Heitersheim; schon wenige Minuten nach Beginn des Stürmens ist die Compagnie am Marktplatz versammelt.
 
1917 August 30: Nachts ½ 12 Uhr abermaliger Feuerlärm wegen eines Brandes in Heitersheim. Den Alarm besorgten die Hornisten des Militärs, die einzelenen Stuben traten im Laufschritt auf dem Marktplatz ein. – Martin Wetzel, der jüngste Sohn des Stadttaglöhners Wetzel ist vermißt. Wetzel ist verheiratet und wohnt in Freiburg.
 
1917 September 1: Der Landwirt Robert Disch ist vermißt. – Der Metzger Karl Müller, Sohn des Landwirts Johann Müller, genannt Flori, ca. 26 Jahre alt, verheiratet, ist am 24. August gefallen. Seine Eltern erhielten zuerst einen abgesandten Brief zurück mit dem Vermerk: auf dem Feld der Ehre gefallen, dem bald darauf die Todesnachricht vom Regiment folgte. – Der Gärtner Willi Herzog, ca. 20 Jahre alt, ist am Kopf schwer verwundet. – Die Kinder sammeln hier eifrig Laub von Erdbeeren, Brombeeren, Himbeeren, Nußbäumen, Erlen usw., wodurch sie täglich mehrere Mark verdienen. Das Laub wird in der Lederfabrik abgeliefert, dort gedörrt und nach München gesandt, wo es zu einem „Deutschen Tee“ verarbeitet wird.
 
1917 September 2: Für die Gummi- und Schuhkappensteifefabrik war auf 1. September die Stillegung angeordnet, wobei die Eigentümer 15% des letztjährigen Umsatzes erhalten hätten, Hipp von der Gummifabrik zum Beispiel 8000 Mark pro Monat. Beide dürfen jetzt aber weiter arbeiten; in der Gummifabrik haben jedoch alle Angestellten, auch der Direktor Bayer, die „K.V.“ sind, schon ihr Einberufung zum Heer erhalten. (P.s.: Auch diese wurde nachher zurückgenommen.) – Die Gummifabrik macht Gummisohlen, die Schuhkappensteifefabrik wird Ersatzsohlen aus Celluloid fabrizieren. – Der schwierigen Ernährungsverhältnissse wegen soll auf den 15. September ein Aufenthaltsverbot für Fremde im Bezirk erlassen werden; bis zu diesem Tage werden aber die meisten Fremden mit ihren Kindern [uns] wohl freiwillig verlassen haben.
 
1917 September 5: Um ½ 6 Uhr abends ist eine weitere Compagnie von Heitersheim mit klingendem Spiel der Bataillonsmusik hier eingezogen. Nach dem Einmarsch konzertierte die Musik auf dem Marktplatz, während die Mannschaften ihre neuen Quartiere bezogen; gegen 90 Mann kommen in die Lederfabrik.
 
1917 September 6: Hauptlehrer Karcher, ca. 47 Jahre alt, der als Landsturmmann eingezogen war, ist heimgekehrt, er wurde bis 1. Dezember beurlaubt „zum Schuldienst in der Heimat“. Zuletzt war er dem Bezirkskommando in Bukarest zugeteilt. – An den hiesigen Schulen fehlt jetzt nur noch der Gewerbeleherer, und die Unterlehrerstelle an der Bürgerschule ist durch eine Lehrerin besetzt. – Heute Nachmittag übten die Soldaten auf der Schutzrainmatte in einem Schützengraben mit einem Minenwerfer. Dabei ging ein Geschoß fehl und fiel auf das protestantische Pfarrhaus, wo es das Dach und eine Zimmerdecke durchbohrte und auf einem Tisch alles kleinschlug. – Fabrikant Hipp hat endgiltig die Erlaubnis erhalten, mit 60 Arbeitern, darunter 15 Schwerarbeitern, weiter zu arbeiten.
 
1917 September 13: Für die enteigneten zinnernen Prospektpfeifen der hiesigen kath. Kirchenorgel wurden dem Kirchenfond gestern 500 Mark ausgezahlt.
 
1917 September 14: Der heutige Tag steht im Zeichen der Glockenablieferung. Aus allen Gemeinden des Bezirks wurden den ganzen Tag über die beschlagnahmten und zur Ablieferung bestimmten Glocken hierher gebracht; sie wurden zuerst auf der Gemeindewaage mit dem Wagen, auf denen sie gebracht worden waren, gewogen, sodann an der Bahn direkt von der Fuhre mit dem Kran in den Eisenbahnwagon gehoben, worauf dann die leeren Wagen tariert wurden. Abgeliefert wurden 66 Kirchenglocken, darunter schöne große Geläute von Hartheim, Eschbch, Feldkirch und Heitersheim, auch wertvolle alte Glocken, zum Beispiel eine von St. Märgen stammende. Manchmal standen 6 und 8 solcher Glockenwagen auf dem Marktplatz und fast alle Glocken waren reich bekränzt und geschmückt mit Blumen; andere trugen an den Kränzen Trauerflore. Allgemein war der Ausdruck der Trauer, daß auch dieses Opfer gebracht werden mußte. – Gestern hat der Herbst begonnen; wegen der Rebkrankheiten wohl der früheste, der je stattgefunden hat. Für Trauben werden unerhörte Preise gezahlt. Kreuzwirt Schladerer kaufte solche aus dem Steiner für 150 Mark per Zentner gegen 12–16 Mark im Frieden. Das Ohm Wein stellt sich also auf mehr als 600 Mark. – Ablieferung des Aluminium-Küchengeschirrs an Blechner Haas.
 
1917 September 19: Der vermißte Landwirt Martin Disch ist in französischer Gefangenschaft.
 
1917 September 20: Der hohen Weinpreise wegen und da wegen Zuckermangels sich nicht genügend Tresterwein herstellen läßt, haben wir zum ersten Mal Birnen gekeltert und zwar 5 Zentner aus dem Garten vom großen Birnbaum und von der Grünbirne; Birnenmost bedarf im Gegensatz zum Apfelmost keines Zuckerzusatzes. – Neuer Sternschnuppenfall. Das Kriegsverdienst- und das Kriegshilfskreuz haben erhalten Notar Huber, Baumeister Wehrle, Pfarrer Haßler, Kaufmann Rimmelspacher, die Komitedamen Gysler und Schladerer, Bahnvorstand Kiefer, Streckenaufseher Weinacker usw.
 
1917 September 25: Wegen des großen Andrangs und Kundenstehens vor den Metzgereien wurde der Fleischverkauf hier neu geregelt. In der Kartenausgabestelle (Wachtstube) wird in der Vorwoche angeschlagen, wann und was jeder der 3 Metzger schlachtet; die Kunden melden dann beim Metzger ihren Bedarf an und erhalten Nummernkarten mit dem Vermerk, wann sie das Fleisch holen können. Diese Fleischverkaufzeiten sind bei den Metzgern nur noch montags und donnerstags von 8–10 Uhr vormittags und samstags von 6–8 Uhr abends. – Frau Bassermann-Scipio auf dem Roten Hof hat heute die Nachricht erhalten, daß ihr zweitältester Sohn, Oberleutnant der Reserve Wilm Bassermann, gefallen sei. Er besaß eine große Farm in Südwestafrika. Zuletzt war er bei einem Divisionsstabe und wurde in seinem Quartier am Schreibtisch durch eine Granate getötet.
 
1917 September 26: Beim früheren Stadtrechner Schellinger fand heute früh eine Haussuchung statt, wobei die Hälfte eines vor kurzem insgeheim geschlachteten Schweins beschlagnahmt und dem Metzger Riesterer zum Verkauf übergeben wurde. – Die Vorarbeiten zur großen Feldbäckerei in Krozingen für die Armeegruppe des Oberelsaß wurden auf telegraphischen Befehl eingestellt. (P.s.: Aber tags drauf wieder neu angeordnet; sie ist jetzt aber noch nicht in Betrieb, 13.12.17).
 
1917 September 29: Unsere beiden Kompagnien 142er sind seit gestern auf dem Heuberg; nur etwa 30 Mann, alles ältere Leute, blieben hier. – Auf Anordnung des „Ortskommandos“ sollen nachts die Fenster beleuchteter Zimmer „abgeblendet“ werden; die ganznächtigen Lampen, die allein auf der Straße brennen, haben Lichtschirme erhalten.
 
1917 Oktober 1: Waldhüter Karl Gutmann wird seit dem 20. September vermißt. – Hier wurde neuer Wein verkauft zu 520 Mark per Ohm und neues Kirschwasser zu 16 Mark per Liter.
 
1917 Oktober 10: Unsere Garnison ist heute Nacht vom Heuberg heimgekehrt. – Die Stadt hat von Bäcker und Kartoffelhändler Wiesler in Eschbach 1700 Zentner Kartoffeln zur Abgabe und zum Einwintern gekauft.
 
1917 Oktober 13: Heitersheimer Offiziere sagen, die dortige und hiesige Garnison werde auf den 31. Oktober aufgehoben werden,da an diesem Tage alle 2ten Ersatzbataillone aufgelöst werden sollen. – Ein hiesiger Metzger steht in Untersuchung, da er Großviehhäute statt abzuliefern zu Wurstfleisch „geschabt“ habe.
 
1917 Oktober 14: Heute nachmittag 3 Uhr, Sonntag, fand im „Kreuz“ zur 7. Kriegsanleihe eine große „vaterländische Versammlung“ statt, nachdem in den Vormittagsgottesdiensten die Pfarrgeistlichen zum gleichen Zweck Ansprachen gehalten hatten. Die Versammlung war sehr stark besucht, es konzertierte die Bataillonsmusik, ein Prolog wurde gesprochen und Ansprachen des Oberamtmanns Arnsperger und des Stadtpfarrers Kasper folgten. Ähnliche Versammlungen fanden heute statt: 2 im Münstertal, ferner in Heitersheim und Kirchhofen.
 
1917 Oktober 15: Das von Weitenauer in Basel 1653 gegossene Gottesackerglöckchen, das mit der „kleinen“ Kirchenglocke am 14. September abgeliefert worden war, ist zurückgekommen. Es bleibt uns also erhalten. Maurermeister Wehrle wurde beauftragt, es wieder an seine alte Stelle zu hängen.
 
1917 Oktober 18: Heute abend sind wieder 20 Soldaten der hiesigen Garnison ins Feld abgereist, darunter auch der Ratschreiber Franz Dufner, der in der letzten Zeit hier Rekrut war. – Die Mühle des Müllers Ernst Mayer wurde heute von Amts wegen bis auf Weiteres geschlossen, da er wiederholt von den Bauern zum Mahlen mehr Frucht angenommen hatte, als ihnen durch den „Mahlschein“ gestattet war.
 
1917 Oktober 20: Der zweite Sohn – der älteste ist Invalide – des Landwirts Franz Hug, zuerst Pionier, zuletzt Infanterist, soll gefallen sein. Eine amtliche Nachricht liegt aber noch nicht vor.
 
1917 Oktober 24: Während die Abgabe von „Frühkartoffeln“ durch die Stadt wöchentlich einmal unbeschränkt bezüglich des Quantums im Kornhaus erfolgt, fand heute zum ersten Mal der Verkauf der bestellten „Winterkartoffeln“ statt. Von Eschbach wurden auf Wagen 400 Zentner auf den Marktplatz geführt und dort sackweise an die Besteller durch die Stadt abgegeben.
 
1917 Oktober 26: Die Eltern des Karl Hug (siehe oben Oktober 20) erhielten heute durch das Regiment die Nachricht von dem Tode ihres Sohnes. Er wurde am 12. Oktober in Flandern durch einen Granatschuß getötet. – Auch der Schwiegersohn des Weißgerbers Zähringer, Revisor und Leutnant Otto Klingler, der erst vor einigen Monaten mit Fräulein Frida Zähringer kriegsgetraut worden war, ist gefallen.
 
1917 November 1: Heute, Allerheiligen, nachmittags 4 Uhr, als gerade die Prozession auf dem Friedhof war, ertönte Feuerlärm. Er brannte der große, ganz mit Fruchtgarben gefüllte Schopf des Fuhrhalters August Gaß nieder. Die Soldaten kamen rasch zur Hilfe und auch die Gefangenen wurden vom Friedhof weg, wo sie am Grabe ihres verstorbenen Kameraden gesungen hatten, herbeigeführt. Die Soldaten besorgten auch heute nacht die Feuerwache. – Auf dem Friedhofe läuteten heute wieder beide Glöckchen, da das heimgekehrte Glöckchen (siehe oben Oktober 15) am Morgen wieder an seine alte Stelle gehenkt worden war.
 
1917 November 3: Heute nachmittag 4 Uhr brannte es schon wieder, und abermals entstand das Feuer auf einem Speicher, diesmal auf der Heubühne des Wirtes Hiß „zum Belchen“. Allgemein nimmt man an, der Heitersheimer Brandstifter habe auch hier die Brände gelegt und man nennt die 1. Compagnie des Heitersheimer Bataillons, das jetzt hier liegt: sie müsse diesen Mann unter ihren Leuten haben. Es ist gut, daß die Soldaten am 10. diesen Monats abziehen.
 
1917 November 5: Die Soldaten bereiten ihren Abmarsch vor. Mit mehreren Lastauto wurden die Übungsgeräte heute nach Müllheim und Neubreisach verbracht und auf dem Schutzrain wurde mit dem Zufüllen des Übungs-Schützengrabens begonnen.
 
1917 November 7: Der heutige Martinimarkt war weitaus der schwächste seit Kriegsbeginn, wie es auch bei dem vollständigen Mangel an Waren nicht anders zu erwarten war. Im Ganzen waren auf dem Markte 6 Ständchen aufgestellt (4 Auswärtige, davon 2 mit Spielwaren und 2 mit Kurzwaren). Im umgekehrten Verhältnis stand dagegen die Zahl der Besucher: eine Menge Leute, die alle kaufen wollten, aber nichts bekamen.
 
1917 November 8: Eine Anzahl der hiesigen Soldaten, die K.-V.-Mannschaften ,sind heute früh zum Ersatzbataillon Neu-Breisach abmarschiert.
 
1917 November 10: In Heitersheim landete heute früh ein französisches Flugzeug mit Maschinengewehren, da der Führer irrtümlich glaubte, er lande auf französischem Boden. – Soeben, nachmittag 4 ½ Uhr, kam Oberst Eber vom Bayerischen Etappen-Kommando in Freiburg hierher, der verkündigte, daß morgen oder übermorgen das Feldrekrutendepot der III. Reservedivision mit 14 Offizieren und 750 Mann nach Heitersheim und hierher kommen werde. Vorläufig kommen hierher 120 Mann, Pommern. – Diesen Nachmittag sind beide Compagnien des Ersatz-Bataillons sang- und klanglos abmarschiert.
 
1917 November 11: Heute nacht ½ 2 Uhr sind die Stamm-Mannschaften des Rekrutendepots hier eingetroffen, es sind 4 Offiziere und 120 Mann, die Küche und das Offizierkasino sind wieder im „Löwen“, die jungen Mannschaften des Depots sollen gestern in Stetten abgefahren sein.
 
1917 November 12: Die Bataillonsmusik des Depots ist heute nachmittag 19 Mann stark eingetroffen und hat am Abend auf dem Marktplatz zum ersten Mal konzertiert.
 
1917 November 17: Ein Wirt aus dem Obermünstertal machte dieser Tage eine guten Fang. Auf dem Heimweg abends frug ihn ein Herr in gutem Deutsch nach dem Weg nach Rheinfelden, der Wirt überredete denselben, bei ihm zu übernachten und sandte darauf nach einem benachbarten Urlauber, der mit dem Jagdgewehr des Wirts bewaffnet den Fremden verhaftete und ihn am folgenden Morgen nach Freiburg brachte: es war ein entflohener englischer Offizier, der vor dem Krieg in Freiburg gewohnt hatte. Der Soldat erhielt für den Fang 18 Mark Prämie.
 
1917 November 22: Das Rekrutendepot, das in der letzten Zeit durch Zuzug junger Mannschaften auf 420 Mann angewachsen ist, sollte heute mittag 1 Uhr wieder abmarschieren, nachdem seine Division am letzten Donnerstag wieder aus dem Elsaß nach Belgien befördert worden war. Heute früh kam aber zur Freude der Soldaten ein Telegramm, daß sie vorläufig noch hier bleiben. Seit das Depot hier ist, konzertiert die Musik täglich auf dem Marktplatz, Sonntag in den Stahlhelmen. – 4 Uhr nachmittags: Soeben wird in der Buchdruckerei das Telegramm vom russischen Waffenstillstand und Friedensangebot angeschlagen.
 
1917 November 23: Heute nacht wurde zu Kirchhofen ein nach Freiburg zurückkehrender Bierwagen mit Fässern und Dielen untersucht; der Gendarm fand 120 Pfund Käsle, eine Menge Butter, 1 Sack Mehl und vieles andere, so daß er einen Wagen requirieren mußte, um alles hierher zu führen, daß aber auch ein Teil der Fäßchen mit Butter gefüllt waren, hat er nicht gemerkt. – Freiherr von Mentzingen soll mit einem Benediktinerkloster in Unterhandlung stehen wegen des Verkaufs seines „Schlosses“ in St. Trudpert zwecks Neueinrichtung eines Klosters. Auch eine Folge des Kriegs!
 
1917 November 25: Der Stab des Rekrutendepots wurde gestern nach Heitersheim verlegt, wohl weil dort der Exerzierplatz und auch die Bahnstation für das Depot sich befinden. – Ganz unerwartet kam nun gestern abend der Befehl zum Abmarsch und heute nacht ist der größte Teil des Depots abmarschiert; die ganze Nacht dauerte das Fahren der Autos.
 
1917 November 27: Nachmittags 3 Uhr marschierte auch der Rest des Depots, etwa 120 Mann, zur Verladestellte Heitersheim mit Sack und Pack ab. – Es geht das Gerücht einer bevorstehenden Offensive: Münstertäler Urlauber erhielten telegraphisch 10 Tage Nachurlaub „wegen Wagenmangels“, und auf den Bahnen wurden die Soldaten ausgeladen und, wenn in der Nähe der Heimat, wieder nach Hause geschickt oder den Standorten der Garnisonen überwiesen ebenfalls „wegen Wagenmangels“.
 
1917 November 29: Das Fehlen von Leuchtmitteln wird gegenwärtig hart empfunden, kein Petroleum, keine Kerzen, kein Wachs! Seit 2 Wochen fehlt hier das Salz und auch das Viehsalz ist zu Speisezwecken aufgebraucht, ebenso fehlen Malzkaffee und Cichorien.
 
1917 November 30: Um 4 Uhr bringen die „Basler Nachrichten“ die erfreuliche Nachricht vom deutsch-russischen Waffenstillstand; die Zeitungen haben sonderbarerweise den Zensurbefehl erhalten, nichts hierüber zu berichten.
 
1917 Dezember 1: Die Stadt Staufen ist mit 1000 Mark Einlage Mitglied der Einkaufgenossenschaft Südwestdeutscher Städte. Die Gesellschaft macht bei 1% Nutzen vom Umsatz solche Geschäfte, daß die Stadt jetzt bei 4% Dividende nunmehr auch noch einen „Bonus“ von 1000 Mark, das heißt den Wert der Einzahlung erhalten hat.
 
1917 Dezember 4: Soeben kommen 2 Quartiermacher der 48. Reservedivision und verlangen Quartier hier für 2 Offiziere und 83 Mann, die heute abend eintreffen sollen. Die Mannschaften kommen in die Lederfabrik.
 
1917 Dezember 5: Die oben genannten Soldaten sind nicht eingetroffen; um 8 Uhr nachts erhielten die Quartiermacher den Befehl, wieder nach Heitersheim zurückzukommen; auch der für hier bestimmte Bataillonsstab dieses angesagten Rekrutendepots ist nicht gekommen. – Der Infanterist Karl Rinderle, jüngster Sohn der Witwe Wilhelm Rinderle, wird seit einiger Zeit vermißt. (Am 31. Dezember, da ich diese Reinschrift mache, ist noch keine Nachricht eingetroffen). – Rumänien hat sich dem russischen Waffenstillstand angeschlossen.
 
1917 Dezember 6: Um ½ 3 Uhr früh habe ich wieder Abwehrschüsse von Freiburg her gehört, das wieder einmal von Fliegern angegriffen wurde. – Um 5 Uhr Telegramm vom Abschluß des russischen Waffenstillstands. – Fabrikant Hipp mahlt gegenwärtig in seinen Gummimühlen täglich einen Waggon Schilf zu Viehfutter.
 
1917 Dezember 11: Die Stadt sendet zu Weihnachten den Soldaten ein Buch „Grüß Dich Gott, mein Badnerland“, dem der Frauenverein einen Kalender oder Notizbuch beifügt. Gestern und heute habe ich wieder, wie auch letztes Jahr, die Adressen, diesmal 248, geschrieben. (P.s.: und tags darauf gepackt und versandfertig gemacht). – Die Namen der Soldaten wurden bei der letzten Volkszählung von den Zählern gesammelt und sind ersichtlich unvollständig, da zum Beispiel alle jene Soldaten, die hier niemand eigenen als „Haushaltungsvorstand“ haben, nicht angegeben wurden. Ich schätze die Zahl der fehlenden auf etwa 100. – In einem hiesigen Geschäft wurde heute eine Spule Faden für 6 ½ Mark verkauft. – Die Volkszählung ergab 1618 Einwohner.
 
1917 Dezember 15: Die Militärverwaltung hat in Krozingen die Mayer'sche Säge für 5 Jahre gepachtet und wird darinnen eine Lehrwerkstätte für Kriegsinvaliden einrichten. Die Leitung haben die Gebrüder Himmelsbach, deren Geschäft das neue Unternehmen angegliedert wird.
 
1917 Dezember 17: Das Ersatzbataillon 142 in Müllheim hat heute die Stubeneinrichtungen der gemieteten hiesigen Kasernements geräumt und die Betten pp. in einem einzelnen Saal aufspeichern lassen, die teuere Saalmiete wird nun aufgegeben. – In Grißheim wird ein großes Feldbaracken-Lazarett gebaut, 160 Lazarettwärter seien heute dort angekommen. – Der Metzger Steiger zum „Badischen Hof“, der, wie schon gemeldet, Häute geschabt und verwurstet hatte, erhielt 300 Mark Geldstrafe, der Fleischbeschauer wegen ungenügender Kontrolle eine solche von 60 Mark.
 
1917 Dezember 20: Gestern kam ein an den Leutnant und Kaufmann Fritz Blansch, Sohn des Obersteuerkommissärs hier, gesandter Brief mit dem Vermerk „auf dem Felde der Ehre gefallen“ [zurück], und heute früh kam auf eine telegraphische Anfrage des Bürgermeisteramts die Nachricht, er sei bereits am 1. Dezember gefallen. Die Eltern sind sehr zu bedauern, da auch der andere der beiden Söhne schon vor 2 Jahren gefallen ist.
 
1917 Dezember 21: Wegen Neuregelung der Milch- und Butterversorgung fand heute nachmittag im „Kreuz“ eine Versammlung statt, woran aus jeder Gemeinde 3 Personen teilnahmen. – Frau Bassermann-Scipio auf dem Roten Hof hat der Stadt auch diese Weihnachten 300 Mark für Kriegszwecke geschenkt. Zu Weihnachten giebt die Stadt jeder bedürftigen Kriegerfrau wiederum 10 Mark, mit diesen 300 Mark wird der Betrag auf 15 Mark erhöht.
 
1917 Dezember 29: Gestern haben 2 Offiziere die Einquartierung von 2 Compagnien mit 9 Offizieren angesagt von einem Feldrekrutendepot, das gegenwärtig in Heitersheim liegt und dem es dort nicht gefällt. – Heute haben sie aber telephonisch mitgeteilt, daß sie „leider“ nicht nach Staufen kommen können. – Unteroffizier und Kaufmann Emil Brodbeck wurde zum Leutnant befördert. – Zu Weihnachten hat der Unteroffizier und Küfer Karl Mußler bei einer Minenwerferabteilung als zweiter gebürtiger Staufener das Eiserne Kreuz I. Klasse nebst einem Lob des Armeekorps erhalten.

1918

1918 Januar 3: Abends 8 Uhr Fliegerangriff auf Freiburg, der bei der kalten, klaren Nacht gut zu sehen war. [folgt Vermerk Hugards zur Anlage eines neuen Chronikbandes].
 
1918 Januar 4: Bei dem Fliegerangriff, der in der verflossenen Nacht auf Freiburg gemacht wurde, wurde auch eine Bombe am Dorfeingang von Norsingen abgeworfen.
 
1918 Januar 6: Morgens 4 Uhr abermaliger Fliegerüberfall auf Freiburg. Eine Brandbombe fiel ins Schlachthaus; es gab 2 Tote.
 
1918 Januar 8: Der seit mehreren Wochen vermißte und tot geglaubte Karl Rinderle lebt; er hat gestern aus England eine Karte gesandt, die in Druck mitteilt, daß er kriegsgefangen sei und die seine Unterschrift trägt.
 
1918 Januar 10: Infolge heftiger Schneewehen ist die Krozinger Straße gesperrt. Ausgehoben durch den Straßenmeister, arbeiten heute und morgen Kriegsgefangene am Ausschaufeln des Wegs. Die Arbeitgeber erhalten als Entschädigung 3 Mark per Tag. – Wegen dieser Schneewehen konnte auch die Milch von Gallenweiler nicht hierher gebracht werden, so daß ein großer Teil der Einwohner heute keine Milch hat. Heute nachmittag ist deshalb der große Bahnschlitten 6-spännig nach Gallenweiler gefahren; er kam aber auch hier nicht durch, so daß auch da geschaufelt werden mußte, um der Milchfrau einen Weg zu bahnen.
 
1918 Januar 12: Gestern abend kamen Quartiermacher, die hier nächsten Montag Quartier zu machen haben für ein Feldrekrutendepot mit 15 Offizieren und 400 Mann. Dasselbe kommt zu Fuß von Marbach bei Kandern. Die Revierkranken, etwa 20 Mann, die den Marsch nicht mitmachen können, sind schon heute nachmittag mit der Bahn eingetroffen und wurden in das Massenquartier bei Frau Ackermann gelegt. Da dort die Betten noch fehlen, hat die Stadt Strohsäcke zusammengeliehen. – Der Freiburger Musikmeister des Ersatzbataillons [des] 113. Infanterie-Regiment[s] hat heute mitgeteilt, er sei beauftragt „zur Hebung der Stimmung“ hier ein Konzert zu veranstalten; eine Konzertsängerin „aus ersten Freiburger Kreisen“ werde mitwirken. „Kosten entstehen der Stadt keine. Trinkgelder sind strenge verboten.“ – Eine neue Reichsanleihe steht bevor.
 
1918 Januar 14: Das Feldrekrutendepot ist heute nachmittag 1 Uhr eingetroffen. Als Einquartierung haben wir einen Feldwebelleutnant und Postassistenten Stödlich [?] und 5 Mann erhalten.
 
1918 Januar 16: Unser Feldwebelleutnant ist heute ins Feld – bei Altkirch – abgereist. – Die Asche des gefallenen Rittmeisters Bassermann wurde heute in aller Stille auf dem Friedhof beigesetzt.
 
1918 Januar 19: Heute fand die Schadenschätzung (Abnutzungschätzung) der vom Ersatz-Bataillon 142 gemieteten Lokale statt; ihre Miete ist von jetzt an aufgegeben. – Anstelle des Feldwebelleutnants ist jetzt ein junger Artillerieleutnant zu uns ins Quartier gekommen; er nimmt am Maschinengewehr-Ausbildungskurs des Feldrekrutendepots teil (Leutnant Bennecke aus Magdeburg). – Gestern ist in Grunern in einem Bauernhofe wieder einer der bekannten französischen Papierballons mit Flugblättern niedergegangen.
 
1918 Januar 20: „Eilige“ Mitteilung des Bezirksamts: vom 22. ab ist Urlaubssperre für 14 Tage; die nach dem 21. endigenden Heimaturlaube sind sofort vom Bürgermeisteramt ohne Rücksicht auf den Endtermin des Urlaubs um 14 Tage zu verlängern.
 
1918 Januar 21: Aufklärungsversammlung im „Kreuz“, an der 300 Personen, Bürgermeister, Ratschreiber, Gemeinderäte, Pfarrer und Lehrer teilnahmen. Es sprachen der Oberamtmann, ein Leutnant, Redakteur Schlöter von der Freiburger Tagespost und Stadtpfarrer Kistner von Freiburg-Haslach.
 
1918 Januar 24: Unser Feldrekrutendepot ist heute nach Müllheim, angeblich um zu baden, in Wirklichkeit aber zum Entlausen. – Im Rathause wurden heute trotz Rationierung 3000 Eier kartenfrei und unbeschränkt verkauft. Der Kommunalverband hat noch mehrere Bokten [?] voll Kalkeier, mit denen er jetzt abfahren muß. – Seit 8 ½ Uhr abends streichen wieder unaufhörlich die Abwehrschüsse von Freiburg und Breisach, trotz der mondhellen Nacht sind die Abwehrschüsse gut zu sehen.
 
1918 Januar 27: Zur Feier des Kaisertages fand heute, Sonntag, mittag auf dem Marktplatz eine Parade des Rekrutendepots statt. Hufeisenförmig waren beide Compagnien und der aus 50 Mann bestehende Maschinengewehrkurs für Artillerie aufgestellt. Der älteste Hauptmann hielt eine Ansprache und teilte darauf einige Eiserne Kreuze aus; den Schluß bildete der Parademarsch, Richtung Kirchgasse – Brücke. Da das Depot weder Musik noch Spielleute besitzt, machte das Ganze einen etwas nüchternen Eindruck. – Heitersheim erhielt schon jetzt eine Friedensgarnison; ein großer Flugplatz wird dort hergestellt, der auch im Frieden bestehen bleiben soll.
 
1918 Januar 29: Wir haben wieder 3 Mann vom Feldrekrutendepot erhalten, so daß es wieder 5 sind. Die Leute kommen direkt von der Front: „Sie brauchen sich aber nicht zu ängstigen“, meinte der eine, „wir sind entlaust.“
 
1918 Februar 1: Gestern sind die Artilleristen und mit ihnen unser Leutnant Bennecke, die zum Maschinengewehrkurs gehörten, ins Elsaß abgereist. – Schon heute kommen wieder gegen 100 Artilleristen zu einem neuen Kurs, zu uns kam ihr Leutnant Hans Dohne von Kassel ins Quartier.
 
1918 Februar 4: Heute nachmittag kamen Quartiermacher hierher für einen Kraftwagenpark des Armeeoberkommandos mit etwa 150 Mann. Dieser Wagenpark ist gegenwärtig in Neubreisach und soll hierher verlegt werden, falls das A.O.K. [Armeeoberkommando] von Kolmar nach Breisach zurückgenommen wird. (P.s.: Es ist der Württembergische Sanitätskraftwagenpark No. 16).
 
1918 Februar 5: Für den Kraftwagenpark wurde die Bob’sche Lederfabrik zu 500 Mark per Monat gemietet; es sollen daselbst die Reparaturwerkstätten für 6 Autos errichtet und auch 150 Mann in Massenquartiere untergebracht werden. Die Schuppen für 90 Autos sollen auf dem Turnplatz gebaut werden.
 
1918 Februar 6: Ein Lebensmittel-Schleichhandel wurde in Grunern aufgedeckt. Es wurden an der Bahn beim Ausliefern einige Kisten durch die Gendarmen geöffnet. Der Bauer Pfefferle-Mayer sandte nach Düsseldorf eine Kiste mit Speck und Butter und zwar zu 18,- und 18,- Mark das Pfund; ein anderer Speck, das Pfund zu 20 Mark; ein dritter Butter, das Pfund zu 20 Mark.
 
1918 Februar 9: 8 ½ vormittags: Soeben wird in der Buchdruckerei das Telegramm vom Friedenschluß mit der Ukraine angeschlagesn. – Nachmittags trafen zum Rekrutendepot 140 junge Soldaten ein; meistens Jäger aus Marburg, die in Bürgerquartieren untergebracht wurden. – Ein Mülhauser Offizier machte heute beim Bezirksamt hier Quartier für die dortigen Bezirkskommandos mit ca. 15 Offizieren und 200 Personen, die eventuell zurückverlegt werden müssen. Er erhielt die Antwort, es gebe nur dann Platz, wenn er vorher das Depot wegbringe.
 
1918 Februar 10: Der heutige Fastnachtmontag wird allen in freudiger Erinnerung bleiben. Um 8 Uhr früh erhielt die Flugwache das Telegramm vom Russischen Frieden, das uns vom Postsekretär sofort telephoniert wurde, und ½ Stunde später kam die ausführliche Wolff’sche Depesche von der Russischen Friedenserklärung. Sofort wurde geflaggt. Um 9 Uhr begann das Festgeläute der Pfarrkirche, dem die einzige Glocke der protestantischen Kirche sich sofort anschloß und alsbald wurden auch die Schulen geschlossen, worauf die Kinder mit Fahnen einen Umzug machten. Um 11 Uhr wurde mit der Schelle bekannt gemacht, daß abends ½ 8 Uhr auf dem Marktplatz eine Dankesfeier stattfinden werde. – Diese Feier, die erste dieser Art in Staufen, nahm einen sehr schönen Verlauf. Der Marktplatz war, da wegen der Fliegergefahr die hochkerzigen Straßenlampen nicht angedreht werden konnten, mit Pechkränzen beleuchtet. Um ¼ 8 Uhr zog das Militär, etwa 500 Mann stark, mit klingendem Spiel der Spielleute herein und nahm in Hufeisenform gegen das Rathaus gewendet Stellung, dahinter versammelte sich die ganze Gemeinde. Zuerst sprach vom mittleren Rathausfenster aus – wo vor 60 Jahren Karl Blind die deutsche Republik ausgerufen hatte – der kath. Stadtpfarrer Kasper, an dessen Rede das „Tedeum“ sich anschloß. Inmitten der Soldaten sprach dann der garnisonsälteste Offizier und nach dem Liede „Deutschland über alles“ nochmals vom Fenster aus der protestantische Pfarrer Gaßler. Den Schluß bildete die „Wacht am Rhein“. Die Lieder, besonders das Tedeum, von mehr als 2000 Personen gesungen, machten einen erhebenden Eindruck.
 
1918 Februar 13: Die ersten Wagen des „Württembergischen Sanitätskraftwagen-Parks No. 16“, 12 Verwundetenautos mit Anhängerwagen sind schon heute abend eingetroffen und auf dem Turnplatz aufgestellt worden. – Vor einigen Tagen wurde in der Kammer des Rekrutendepots ein „Einbruch“ verübt; es wurden Kleidungsstücke im Wert von 1000 Mark gestohlen. Wohl ein Seitenstück zum Brand in der Wirtschaft Hiß anfangs November vorigen Jahrs: zuerst ein Manko im Bestand der Kammer und dann eine Brandstiftung oder ein fingierter Einbruch, um das Fehlen der Gegenstände zu verdecken.
 
1918 Februar 16: Der Kommunalverband hat die Auflage erhalten, noch 6000 Zentner Brotfrucht abzuliefern, mit denen der Bezirk im Rückstand sei, widrigenfalls die Brotration im Bezirk verkürzt werde. Die Frucht ist dieses Jahr nicht hierher geliefert worden, sondern das Sammeln wurde von den Fruchthändlern besorgt; daher jetzt wohl das Manko. – Täglich kommen jetzt Ersatztruppen zum Rekrutendepot, so daß ihre Unterbringung Schwierigkeiten bereitet. – Auf dem Turnplatz stehen jetzt 50 Sanitätskraftwagen und Lastautos und in großen Autos wird das Holz zu einem gewaltigen Schuppen herbeigeführt.
 
1918 Februar 17: Seit heute mittag besteht wieder der Kriegszustand mit Rußland. Unsere Siegesfeier am Fastnachtmontag war also verfrüht! – Im Spital ist wieder einer der evakuierten Spitaliten aus Altkirch, ein Mann aus Heimersdorf [Heimersdorf, Dep. Haut-Rhin], gestorben.
 
1918 Februar 20: Infolge des ukrainischen Friedens wurden vor einigen Tagen zwei russische Kriegsgefangene abberufen und gestern abend erhielten schon wieder zwei den gleichen Befehl. Da die meisten der hiesigen Russen Ukrainer sind, sind die Bauern sehr beunruhigt. – 2 ½ nachmittags kommt die freudige Nachricht, daß Rußland die Friedensbedingungen rückhaltlos annimmt.
 
1918 Februar 23: Der Kommunalverband erhielt heute, Samstag, telegraphisch den Befehl, nächste Woche an Vieh die 1 ½-fache Zahl einzuliefern, eine Anordnung, die sofort telegraphisch an die Bezirksorte weitergegeben wurde. Das Ganze ist ein Novum, das auf Wichtiges, eine Offensive , schließen läßt. Es zirkulieren ausgesetzte Gerüchte: die Schweizer Grenze sei ganz gesperrt, der Güterzugverkehr sei eingestellt, es werde seit gestern auf der ganzen Front mit Gasgranaten geschossen. Unsere Soldaten vom Rekrutendepot haben heute ihre guten Anzüge gefaßt. (P.S.: Vier Tage darauf mußten sie dieselben wieder abgeben.)
 
1918 Februar 28: Der Kraftwagenpark ist jetzt ganz hierher verlegt; in der Lederfabrik sind die Werkstätten in vollem Betrieb, in den Fabrikkontoren sind die Bureaux und an dem Schuppen unter den Platanen wird fleißig gebaut. – Gestern abend fand das schon länger geplante „Große Wohltätigkeitskonzert“ der Kapelle des Ersatzbataillons 113 statt. Es bestand aus einem sehr gewählten Programm für Orchester, Streichquartett und Violinsoli, eine Sängerin, die Tochter des Generals von Beck, die mitwirken sollte, konnte nicht auftreten, da ihr Koffer mit der Toilette auf der Bahn in Verlust gekommen war. Der Besuch war ganz außerordentlich stark und die Kreuzsäle überfüllt, der Reinertrag, 300 Mark, wurde der Stadt überwiesen.
 
1918 März 2: Heute nachmittag ist die Regimentsmusik des Inf.-Reg. 71 von der Front im Oberelsaß hier eingetroffen, wo sie 9 Tage beim Rekrutendepot bleiben soll.
 
1918 März 3: Die Artilleristen des Maschinengewehrkurses, darunter auch der bei uns einquartierte Leutnant Dohne, sind heute mittag wieder nach der Front zurückgekehrt; sie wurden mit der Regimentsmusik an die Bahn begleitet. – Die Musiker dieser Kapelle, 40 Mann, bezogen heute die Quartiere der Artilleristen; in der vergangenen Nacht waren sie in Notquartieren. – 7 ½ nachmittags: soeben telephoniert der Postsekretär, daß heute nachmittag der Friede mit Rußland unterzeichnet wurde.
 
1918 März 4: Unsere Garnison hatte heute nachmittag 4 Uhr zur Feier des Friedens mit Rußland Parade. Die Truppen nahmen auf dem Marktplatz Stellung, die Musik spielte zwei Lieder und der Kommandeur hielt eine Ansprache. Den Schluß bildete der Parademarsch in der Hauptstraße. Am Abend hatten die Soldaten im Saalbau Riesterer Konzert und Freibier. Eine sonstige Feier oder Beflaggung fand nicht statt.
 
1918 März 6: Um 1 Uhr mittags, als gerade die Musikkapelle auf dem Marktplatz konzertierte, wurde das Telegramm vom Friedenschluss mit Rumänien angeschlagen. – Albert hat die Schutzrainmatte und die Grünmatte an die Württembergische Sanitätskraftwagenkolonne No. 16 für dieses Jahr verpachtet pro ar zu 9 Mark, wird die Pacht nach dem Heuet aufgegeben, so ermäßigt sie sich auf 6 Mark.
 
1918 März 11: Die Regimentsmusik ist heute früh wieder an die Front – nach Ilfurt [Illfurth] bei Altkirch – zurückgekehrt. Während ihres 8-tägigen hiesigen Aufenthalts hat sie jeden Tag vormittags die Soldaten von ihrer Übung abgeholt und täglich zwei Konzerte aufgeführt, und zwar jeweils mittags 12 ½ – 1 ½ auf dem Marktplatz und abends 5 ½ – 6 ½ an verschiedenen Orten abwechselnd, wie Bahnhof, Kirchplatz, beim Kronenbrunnen usw. – Seit einigen Tagen besteht eine geheime Postsperre; Briefe und Telegramme werden zwar angenommen, aber nicht befördert; eine Ausnahme besteht nur bei amtlichen Schreiben.
 
1918 März 14: Der Kommunalverband hat noch 600 Kalkeier, die jetzt von der Stadt unter der Hand an bedürftige Einwohner unentgeltlich abgegeben werden sollen. – Wegen Mangels an Waldarbeitern soll der Waldwegbau „ in der Frohn“ erfolgen. Um dem zu entgehen, wurden heute abend die hier wohnenden italienischen Erdarbeiter aufs Rathaus berufen, sie sollen gegen Bezahlung – also quasi im städtischen Hilfsdienst – verpflichtet werden, einen Schlittweg zu bauen. – Wegen Mangels an Holzhauern hat die Stadt dem Säger Cölestin Schelb in Obermünstertal 1000 Kubikmeter Langholz „auf dem Stock“ zu dem gesetzlichen Höchstpreis verkauft. Auf diese Weise kommt die Stadt dann auch durch das anfallende Abfallholz zu Brennholz. – Dieser Säger Cölestin Schelb war unmittalbar vor dem Krieg so verschuldet, daß er beim hiesigen Säger Lang um Arbeit als Sägeknecht nachsuchte. Durch Kriegslieferungen ist er jetzt so emporgekommen, daß er die größten Holzkäufe gegen Barzahlung machen kann und daß er – wie der Forstmeister sagt – an seiner Säge täglich 100 Mark verdient. – Auf der Fluh unter der Stationenkapelle entstand heute nachmittag ein Waldbrand, der sehr ernste Folgen gehabt hätte, wenn nicht auf telephonischen Anruf sofort ein Kommando von 1 Offizier und 16 Mann von der „Sanka“ (Sanitätskraftwagenabteilung) mit Schaufeln sofort zu Hilfe geeilt wäre und den Brand gedämmt hätte.
 
1918 März 17: Die Post- und Telegraphensperre dauert nun schon 14 Tage; die Briefbeförderung findet nur bis Freiburg statt. – Für den nächsten Dienstag ist eine militärische Eisenbahnkommission angesagt; es soll an der hiesigen Bahn ein Pionierlager gebaut und die Bahn bis dahin zweigleisig gebaut werden. (P.s.: der Bau erfolgt in Krozingen). – Der Verwundete und Austauschgefangene Hermann Rinderle ist zu der Post hier als Briefträger kommandiert. – Der Sanitätsunteroffizier Valentin Obergfell ist nach 6-monatiger Gefangenschaft durch die Schweiz zurückgekehrt.
 
1918 März 22: In der Bürgerausschußsitzung wurde einstimmig beschlossen, den letztjährigen Sparkassenüberschuß von 6970 Mark zu freiwilligen Kriegsaufwendungen zu verwenden, ferner 30.000 Mark zur 8. Kriegsanleihe zu zeichnen und das Geld hiezu bei der Sparkasse aufzunehmen. Durch einen außerordentlichen Holzhieb von 1000 Festmeter soll auch diese Schuld gedeckt werden.
 
1918 März 25: Die Siegesnachrichten von der erfolgreichen Durchbruchschlacht in Nordfrankreich wurden stets mit großen Spannung erwartet. Eine allgemeine Feier fand aber bei der Fortdauer der Kämpfe nicht statt, es waren immer nur einzelne, die beflaggten. Heute nachmittag 4 Uhr fand Festgeläute statt und es erschienen da mehr Fahnen. – Am letzten Samstag waren wieder zwei Offiziere hier wegen der Verlegung des Bezirkskommandos Mülhausen; sie erhielten vom Oberamtmann abermals einen ablehnenden Bescheid. – Anstelle des erkrankten Gemeinderats Baumann wurde der Metzger Riesterer vom Kommunalverband zum Viehabnehmer und Viehverlader ernannt. Er hat jeden Montag in Krozingen das zur Lieferung kommende Vieh abzunehmen und dort in die Bahn zu verladen.
 
1918 März 26: Das Amt eines Viehverkäufers hier, das der heute gestorbene Gemeinderat Baumann versehen hat, wurde dem Handelsmann Grumbach vom Gemeinderat übertragen. Den Soldaten des hiesigen Depots wurde mitgeteilt, daß sie voraussichtlich in den nächsten Tagen Staufen verlassen werden.
 
1918 März 27: Erhalte die Aufforderung zur Leistung des Hilfsdiensts.
 
1918 März 29: Heute, Charfreitag vormittag, sind eine große Zahl hiesiger Sanitätsauto ins Feld gekommen; es seien 40 Wagen miteinander zur Schlacht in Nordfrankreich abgesandt worden.
 
1918 März 29: Als die Maschinengewehrkompagnie heute mittag vom Exerzieren heimkehrte, hatte der Kompagnieführer vor sich auf dem Pferd einen schönen blauroten Papierballon, den er samt den Flugschriften im Bötzen am Waldrand von einem Baum heruntergeholt hatte. Infolge des Mangels an Leuchtmitteln erhält das Münstertal jetzt auch das elektrische Licht, obgleich die Mehrkosten für die Zuleitung jetzt 50.000 Mark betragen. Die Gemeinde garantiert 15.000 Mark Einnahme. – Bei der Hilfsdienststelle, Oberamtmann Arnsperger, habe ich heute unter Vorlegung eines ärztlichen Zeugnisses um Befreiung vom Hilfsdienst nachgesucht. – Wegen Mangels an Rebleuten hat die Stadt 3 Lose ihrer Reben bei der Burgruine aushauen lassen; es wurden auch sonst viele Reben ausgerodet.
 
1918 April 2: Da durch Kriegsdienst (Bob), Todesfall (Riesterer und Baumann) und Krankheit (Rieger) das Gemeinderatskollegium sich auf 4 vermindert hat, hat dasselbe heute 3 Ersatzmänner ernannt: Mühlenbesitzer Gysler für Fabrikant Bob, Kaufmann Rimmelspacher für den verstorbenen Privatier Baumann und Landwirt Hermann Riesterer für den verstorbenen Privatier Franz Riesterer. – Wegen Mangels an Rebleuten hat die Stadt 3 Lose Reben auf dem Schloßberg unter der Burgruine aushauen lassen. Es wurden auch sonst im letzten Winter trotzt der hohen Weinpreise viele Reben ausgerodet.
 
1918 April 5: Heute kam vom hiesigen Rekrutendepot wieder eine Anzahl Soldaten an die Front: von der Maschinengewehrkompagnie 16 Mann, die unter 27 Freiwilligen ausgelost wurden. – Dagegen kam heute eine Genesungsabteilung von 60 Mann hierher. Die Mannschaften kamen in den Saalbau Riesterer, dessen bisherige Belegschaft schon vor einigen Tagen deswegen ausquartiert worden war; die Krankenstube wurde im 2. Stock der Wirtschaftsräume eingerichtet.
 
1918 April 7: Zur 8. Kriegsanleihe fand heute, Sonntag nachmittag, eine eigenartige Propaganda statt. Ein Doppeldecker kreiste über eine viertel Stunde mit infernalischem Getöse unmittelbar über den Dächern des Städtchens und ließ dabei ganze Wolken von Flugblättern fallen, die gierig aufgefangen wurden. Es war ein eigenartiges, aufregendes Schauspiel.
 
1918 April 9: Der städtische Brunnenmeister Leopold Weltle vom 76. Feldartillerie-Regiment ist in der Schlacht von Amiens durch einen Granatschuß schwer verwundet worden und am 23. März in einem Feldlazarett gestorben. Dieser Tod ist nicht nur für die Familie (Frau und 3 kleine Kinder) ein schwerer Verlust, sondern auch für die Stadt, die in ihm einen hervorragend befähigten Vorarbeiter und Brunnenmeister verliert. – Vor einigen Tagen ist der Pavillon des Schwarzwaldvereins auf der Metzenbacher Höhe abgebrannt. Man nimmt an, daß er von Soldaten mutwilligerweise angezündet wurde.
 
1918 April 17: Da die Wiesen nun nicht mehr betreten werden können, hat das Militär zwischen dem „Bauernmarkt“ und dem Eschwald einen Exerzierplatz gepachtet zu 3 Mark pro ar. Die Münstertäler haben nun dagegen Einsprache erhoben, da sie sonst keine Milch und Butter mehr liefern könnten. Der Protest wird aber wohl keinen Erfolg haben. – Vom hiesigen Feldrekrutendepot wurden heute wieder eine Anzahl Mannschaften fürs Feld bereitgestellt; auch unsere 5 Mann befinden sich darunter. Die Division steht bei Armentières [Dep. Nord, Frankreich].
 
1918 April 19: Die Bezirksparkasse hat zur 8. Kriegsanleihe 1.750.000 Mark gezeichnet, davon entfallen auf die Einleger 850.000 Mark und auf die Kasse selbst 900.000 Mark. Es ist dies weitaus die höchste Zeichnung der Kasse. – Kronenwirt Maier, bei dem von Anfang an die Kriegsgefangenen beherbergt sind, will diese Leute nicht länger behalten. Er steht in Untersuchung, weil er den Gefangenen Alkoholika verkauft habe und weil er deswegen mit dem Wachmann in Streit kam, wobei er sich gegen diesen und gegen den ebenfalls in der „Krone“ wohnenden Bezirks-Wacheoffizier zu Tätlichkeiten hinreißen ließ. Der Gemeinderat hat beschlossen, nötigenfalls den 2. Stock des Kornhauses als Unterkunft auszubauen.
 
1918 April 23: Heute früh kam die Nachricht hierher, daß der Finanzsekretär Willibald Dehoff, 35 Jahre alt, in einem Feldlazarett verstorben ist. Er hatte eine Wunde am Schenkel erhalten und ist am „Gasbrand“ gestorben. Seine Frau, mit der er vor ½ Jahr kriegsgetraut worden war, hatte schon einige Tage vorher Briefe zurückerhalten mit dem Vermerk „verwundet“. Dehoff war zuletzt Vizefeldwebel und Offiziersaspirant. – Die Stadt hat abermals 2000 Kubikmeter Holz aus dem Kropbach „auf dem Stock“ an die Gebrüder Himmelsbach zum gesetzlichen Höchstpreis verkauft.
 
1918 April 28: Zuckerausgabe: Den hiesigen, in der Ablieferung von Eiern lässigen Hühnerhaltern wurde mitgeteilt, daß ihnen kein Zucker gegeben werde, falls sie die rückständigen Eier nicht abgeben. – Der Maurerpolier Ernst Oberlin, Unteroffizier bei der Fußartillerie, wurde schwer verwundet.
 
1918 April 30: Das Infanterie-Regiment 71, zu dem die hiesigen Soldaten gehören, hat den Sturm auf den Kemelberg [Kemmelberg, Westflandern, Belgien] mitgemacht. Es verlor 31 Offiziere und 1000 Mann, auch der Hauptmann Sommer, der hier an Kaisers Geburtstag auf dem Marktplatz sprach, ist gefallen. – Heute wurde zum ersten Mal an die Kaufleute Marmelade zum Verkauf ausgegeben. – Die Frau des seit dem Spätjähr vermißten Musketiers und städtischen Waldhüters Karl Gutmann wurde benachrichtigt, daß sie ihr Witwengehalt erhalte. Die Militärbehörde nimmt also an, daß Gutmann gefallen sei. – Der älteste Sohn des Gärtners Rimmele, Ewald Rimmele, ist durch einen Schuß durch den Kehlkopf schwer verwundet.
 
1918 Mai 6: Gestern abend sind die hiesigen kriegsgefangenen Franzosen, 5 Mann, entflohen; nur einer, ein Friseur, blieb zurück. Sie waren am gestrigen Sonntag abend, um 6 Uhr zum Essen von den Arbeitgebern abgeholt worden, von wo sie sich heimlich entfernten. – Die russischen Kriegsgefangenen genießen seit gestern alle Freiheit, sie dürfen jetzt ohne Begleitung ausgehen und sie machen davon ausgiebigen Gebrauch. Heute, Montag, sah ich viele Russen, die von auswärts kamen. – Unsere 5 Mann Einquartierung, die seit Mitte Januar bei uns waren, sind heute früh mit 50 anderen an die Front gekommen. Es waren 1 Bäcker aus Tilsit, 2 Bauern aus dem Allgäu und von Worms, 1 Heizer von Berlin und 1 Schaffner aus Aachen. – Der heutige Maienmarkt war sehr klein, 6 kleine Ständchen auf dem Marktplatz und nur wenige Besucher.
 
1918 Mai 9: Als Einquartierung erhielten wir heute den Kompagnieführer der Maschinengewehrkompagnie, nachdem sein Bursche schon gestern gekommen ist; Leutnant und Volksschullehrer Gehrlicher.
 
1918 Mai 12: In den letzten Wochen hat eine Berliner Kommission die Mehlversorgung im Bezirk kontrolliert. In der letzten Periode (15. April – 15. Mai) wurde deßhalb kein Kochmehl – ein Ersatz für das verbotene Weißmehl – ausgegeben. Es wird aber in Aussicht gestellt, daß für den nächsten Monat das doppelte Quantum verteilt werde. – Die Kommission hat auch verlangt, daß die Brotfrucht des Bezirks, die in der Festhalle aufgestapelt ist, nur für die Zeit bis zum 15. Juni hier bleiben dürfe. Alles andere müsse sofort abgegeben werden und sie werde später durch herankommende Frucht aus der Ukraine ersetzt werden. Hoffentlich giebt der Kommnunalverband nicht nach.
 
1918 Mai 13: Die am 5. Mai entwichenen Franzosen sind bei St. Blasien aufgegriffen worden; die beiden Sergeanten kommen ins Lager nach Mannheim, die anderen wieder hierher, gegenwärtig sitzen sie im Ortsarrest.
 
1918 Mai 18: Fabrikant Bob hat von seinem Kündigungsrecht Gebrauch gemacht und hat der „Sanka“ gekündigt. Es ist aber wohl nur eine „finanztechnische“ Maßnahme, um eine höhere Miete zu erhalten. – Der Arbeiter Gottlieb Fries, Sohn eines Streckenarbeiters, 23 Jahre alt, ist gefallen. Er ist von hier, sein Vater aber war bei Kriegsausbruch in Sulzburg wohnhaft.
 
1918 Mai 24: Heute 3 Uhr nachmittag kam an das Bürgermeisteramt die Nachricht, daß Kaufmann Oswald Hippler, Unteroffizier bei den Pionieren, am Sudelkopf im Elsaß gefallen sei. Stadtpfarrer Kasper übernahm die schwere Aufgabe, die Frau vom Tode ihres Mannes zu benachrichtigen. – Friseur Fritz Nunnenmacher, Unteroffizier bei dem Leib-Grenadier-Regiment, hat als dritter Staufener das Eiserne Kreuz I. Klasse erhalten. – Das städtische Kartoffellager im Gutleuthof wurde aufgehoben. Die Nachfrage war auch dieses Frühjahr wie im Winter nur gering, so daß jetzt ein großes Quantum nach Freiburg verkauft werden muß.
 
1918 Mai 28: Die Beerdigung des beim Entladen einer Mine verunglückten Oswald Hippler fand heute vormittag 11 Uhr statt. An der Beerdigung nahm auch eine Abteilung des hiesigen Feldrekrutendepots unter dem Kommando des Leutnants und Kompagnieführers Gehrlicher – der bei uns wohnt – teil. Die Stadt hat den Grabplatz auf dem Friedhof geschenkt. – Die Stadt hat den Soldaten das städtische Schwimmbad von abends 8 Uhr an unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Die Aufsicht führt jeweils ein Offizier. – Infolge des Protestes der Bauern unseres Bezirks hat das Etappenkommando in Freiburg alle Heugrasverkäufe hiesiger Gemarkung an das Militär annuliert. Es war pro Ar 8 und 9 Mark zugesagt worden. Die Wiesenbesitzer erleiden dadurch eine großen Schaden, da die Bauern natürlich bei weitem nicht so viel zahlen wollen.
 
1918 Mai 31: Die Soldaten sagen, ihre Division verlange, daß das Feldrekrutendepot in ihre Nähe verlegt werde. Das Bataillon werde deßhalb bald von hier fortziehen. – Für letztjährigen, also neuen Wein, wurde hier in den letzten Tagen 640 Mark für den Ohm bezahlt, also das Zehnfache des normalen Preises.
 
1918 Juni 1: Bei der heutigen Anwesenheit eines Hauptmanns des Hilfsdiensts wurde bestimmt, daß die Hilfsdienstmeldestelle für den hiesigen Bezirk, die bisher vom Amtsvorstand besorgt wurde, an das Bürgermeisteramt hier übergehen solle. Ratsdiener Seng soll damit beauftragt werden. (P.s.: Bis heute, 24. Okt. 18, ist diese Ubertragung noch nicht erfolgt.) – Soeben, ½ 7 Uhr abends, kommt die Nachricht, daß das hiesige Rekrutendepot übermorgen früh abmarschieren werde.
 
1918 Juni 2: Haussammlung für die Ludendorf-Spende durch Jungmannen der Jugendwehr, sie ergab 650 Mark. – Übung der Feuerlöschmannschaft, an der auch 20 Mann der „Sanka“ teilnahmen.
 
1918 Juni 7: Fabrikarbeiter Emil Albert von den Pochehäusern, Grenadier, ist vor einiger Zeit gefallen. Er war als vermißt gemeldet und jetzt kam die Nachricht, daß er gefallen und in einem Massengrab beerdigt worden sei.
 
1918 Juni 8: Postassistent Hog, Leutnant bei einem Stoßtrupp, hat als vierter Staufener das Eiserne Kreuz I. Klasse erhalten. – Das Feldrekrutendepot ist immer noch hier. Schon zweimal erhielt es in den letzten 8 Tagen den Befehl zur Abreise. In aller Eile wurde jedesmal gepackt, beidemal kam aber in letzter Stunde ein Gegenbefehl, angeblich weil kein Extrazug zur Verfügung stehe.
 
1918 Juni 10: Frau Gemeinderat Baumann Witwe wurde heute benachrichtigt, daß der Bräutigam ihrer Tochter, Oskar Jungel, 27 Jahre alt, gefallen sei. Jungel war vor dem Krieg hier als Buchhalter tätig, vor einigen Tagen war er zum Leutnant befördert worden.
 
1918 Juni 12: Das Rekrutendepot erhielt heute zum drittenmal den telegraphische Befehl zur Marschbereitschaft und abermals wurden die vielen Wagen gepackt.
 
1918 Juni 15: Das Rekrutendepot hat heute abend 6 Uhr Staufen verlassen. Gestern nachmittag 6 Uhr kam das Telegramm, um ½ 7 Uhr kam der Güterzug mit den leeren Wagen und heute früh wurde mit dem Einladen der vielen Geräte begonnen. In Krozingen wurden dagegen der Fuhrpark des Depots, die 14 Pferde und die Mannschaften verladen. Mit Rosen geschmückt sind diese abmarschiert unter dem Befehl ihrer Kompagnieführer, während die anderen Offiziere mit dem Zug abfuhren. Das Depot bestand bis zum Abmarsch aus: a) der 1. Kompagnie: Infanterie, Schreibstube auf dem Graben, b) der 2. Kompagnie: Maschinengewehrkompagnie, Schreibstube in der Hauptstraße; Waffenmeisterei: Grünstraße, Waffenschmiede auf dem Graben, c) der 3. Kompagnie: Thüringer Jäger, Schreibstube: Groschupf'sche Fabrik, d) der Genesungskompagnie, einquartiert im Saalbau Riesterer; Krankenstube in der Brauerei Steinmann. – Die Schreibstube des Depots befand sich in der Mühlengasse, die Mannschaftsküche und Offizierskasino im „Löwen“, die Kantine mit Laden in der Nunnenmacher'schen Zimmereiwerkstätte, die Lebensmittelniederlage mit Bureau in der Kopf'schen Metzgerei, das Zahlmeisterbureau am Kirchplatz, die Schusterei im Laden des Sattlers Löffler, die Rasierstube im Laden des Schusters Künstle, die Feldbücherei „Geschenk der Firma Max Warberg und Co. in Hamburg“ im Laden des Kürschners Metzger, die Ortskrankenstube im Gartensaal der Villa Ackermann. – Mit dem Depot ist auch unsere Einquartierung abgereist: Kompagnieführer Gehrlicher mit seinem Burschen Thiele und – seinem Hündchen „Max“.
 
1918 Juni 18: Maurer Ernst Scherer, 20 Jahre alt, ein Sohn des Maurerpoliers Emil Scherer, ist gefallen; ein älterer Bruder hat ein Auge verloren; ein dritter liegt in einem Lazarett mit seinem steifen Bein.
 
1918 Juni 21: Heute früh mußten die jungen Rekruten, Jahrgang 1900, einrücken.
 
1918 Juni 25: Firmung durch den Erzbischof. Er traf gestern abend ½ 8 Uhr von Kirchhofen kommend hier ein; es war geflaggt und es wurde mit den Glocken geläutet. Eine sonstige Feier fand nicht statt, da sie von dem Erzbischof des Krieges wegen verboten war. Heute mittag 3 Uhr ist er nach St. Trudpert abgereist, wo er am Abend noch firmte. Mit dem 8-Uhr-Zug fuhr er wieder nach Freiburg zurück.
 
1918 Juni 26: Der Stadtarbeiter Kanonier Karl Oser ist am 6. diesen Monats in der Ukraine im Kampf mit den roten Garden gefallen. Seine Frau wurde heute davon benachrichtigt. – Im „Kreuz“ fand heute ein zweites „Wohltätigkeits-Konzert“ der Kapelle des 113er Ersatzbataillons von Freiburg mit sehr gewähltem Programm statt; Solisten waren eine Gräfin Wrangel und ein Cellovirtuose aus Freiburg. Das Konzert ergab 130 Mark reine Einnahmen.
 
1918 Juni 29: Heute wurde das neue Offizierskasino der „Sanka“ bezogen, die Soldaten haben im Obstgarten der Bob'schen Lederfabrik am Gewerbekanal ein hübsches, einstöckiges Haus mit steilem Dach und großer, offener Veranda erbaut. – Es wurde beobachtet, daß ein Münstertäler Bote regelmäßig vom Metzger Steiger ein Paket mit nimmt. Heute hat Ratsdiener Seng den Boten gestellt und hat ihm ein Paket mit 20 Pfund Fleisch und Wustwaren abgenommen, das für den Hofwirt Rinderle in Untermünstertal bestimmt war. Diese Lebensmittel wurden dem Metzger Riesterer zum Verkauf übergeben; der Erlös gehört dem Kommunalverband. – Im Bürgerausschuß wurde vorgestern die von der Badischen Kraftlieferungsgesellschaft verlangte Strompreiserhöhung für elektrische Energie von 40 auf 50 Pfennig per Kilowatt abgelehnt. – Ausgabe von Nähgarn für das 2. Quartal in unserem Ladengeschäfte: es kommen hier bei etwa 500 Haushaltungen und selbstständigen Einzelpersonen 400 Stern Leinenfaden zu 25 Meter zur Verteilung!
 
1918 Juli 1: Ein Novum nicht nur in diesem Kreig: die Stadt ließ durch die Landesobststelle aus Schliengen einen Eisenbahnwagon Kirschen kommen, der in 120 Körben 28 Zentner Kirschen enthielt. Heute Nachmittag wurden sie unter ungeheurem Andrang im Kornhause verkauft; auf den Kopf wurde 1 ½ Pfund abgegeben.
 
1918 Juli 5: Der Kommunalverband hat jetzt 8 Personen in seinem Bureau. Der Platz im Rathaus reicht nicht mehr, weßhalb er heute ein zweites Bureau in des Schusters Künstle Laden errichtet hat. Bureauvorstand ist hier Kaufmann Rimmelspacher, der im Hilfsdienst arbeitet, ferner sind Frau Wustrow, die Witwe des im Kriege gefallenen Prokuristen in der Hipp'schen Gummiwarenfabrik und ein dritter Beamter da beschäftigt. – Cichorienausgabe: für 2 Monate 125 Gramm per Kopf. Die Leute lernten viel leichter auf den Kaffee verzichten als auf den Cichorien, denn Gerstenkaffee, den sich jeder leicht „hintenherum“ auftreiben kann, ist ohne Cichorien zu farblos und matt. – Die Schulkinder, Knaben und Mädchen, auch die Bürgerschüler, sammelten unter der Leitung ihrer Lehrer im Walde Laub zu Futterzwecken. Sie sollen ein großes Quantum zusammengebracht und gedörrt haben.
 
1918 Juli 7: Das auf den 9. Juli fallende Geburtsfest des Großherzogs wurde heute, Sonntag, gefeiert, Festgottesdienst, sonst nichts. An der üblichen Huldigung der 21-jährigen jungen Leute des Amtsbezirks nahmen 2 Männer teil, alle anderen sind im Heeresdienst. Am Nachmittag fand durch schulentlassene Mädchen eine Haussammlung für die Großherzogsspende statt; sie ergab 461 Mark.
 
1918 Juli 10: Da Fabrikant Bob die der „Sanka“ gemachte Kündigung aufrecht erhält, soll auf der Schutzrainmatte – der städtischen Fußballwiese oberhalb des Schutzrainplatzes, ein Kasernement, bestehend aus einer Anzahl Baracken, gebaut werden. Die Stadt als Eigentümerin wurde heute davon benachrichtigt. – Der Badische Bauernverein beabsichtigt, am Bahnhof Krozingen eine Getreidelagerhalle für die Amtsbezirke Staufen, Müllheim und Breisach zu bauen, damit diese Organisation schon geschaffen ist, wenn nach dem Kriege, woran nicht zu zweifeln, das Getreidemonopol kommt.
 
1918 Juli 13: Die größte hiesige Bierwirtschaft, die Brauerei Steinmann, wurde von ihrem Pächter verlassen und das Haus bleibt geschlossen, das zeigt die Notlage der Bierwirte. Trotz der vielen Soldaten sind die Lokale immer leer und abends wird früh – lange vor dem Feierabend – geschlossen. In den Biergärten sind keine Tischchen aufgestellt, da doch niemand hineingeht. Das „Einfachbier“, teuer und schlecht, ist zum großen Teil schuld daran.
 
1918 Juli 17: Heute früh 3 Uhr ist das Hauptgebäude der Schuhkappensteifefabrik, ein großes, dreistöckiges Haus der ehem. Brodbeck'schen Tuchfabrik, abgebrannt; das Feuer entstand durch Selbstentzündung großer Mengen Zelluloidfilme, die auf dem Speicher gelagert waren. Die Soldaten der Sanka halfen beim Löschen und übernahmen nachher auch die Feuerwache. – Die Influenza – die spanische Krankheit – hat auch hier ihren Einzug gehalten. – Der seit August 1914 kriegsgefangene Alfons Fanz ist aus der französischen Gefangenschaft heimgekehrt.
 
1918 Juli 22: Nach langer Pause fand heute um 8 Uhr vormittag ein Fliegerangriff auf Freiburg statt, der hier gut beobachtet werden konnte. Über Staufen fand ein Luftkampf statt zwischen 7 feindlichen und einem deutschen Kampfflieger, wobei die Feinde kehrt machten und nicht nach Freiburg kamen. Man konnte die Schüsse des Maschinengewehrs und der Schrapnelle gut hören. – Im Gegensatz zum letzten Sommer funktioniert dieses Jahr die Winter-Kohlenversorgung sehr gut, da viele Wagen Kohlen, besonders Brikette und Koks hier eintreffen. Wir haben unsern Winterbedarf bereits heute eingedeckt. – Das Kriegsverdienstkreuz haben heute hier 13 Personen erhalten, ausschließlich Beamte und Angestellte, soweit sie es nicht schon früher erhalten haben; auch die Oberin und die Krankenschwester des Spitals sind darunter.
 
1918 Juli 24: Der Fabrikarbeiter Albert Schweizer, ca. 22 Jahre alt, ist am 13. Juli in Frankreich gefallen, er war zum Eisernen Kreuz vorgeschlagen. – Die Stadt wurde amtlich benachrichtigt, daß zur Verlegung der Sanka aus der Bob'schen Fabrik auf der Schutzrainmatte 4 Wohnbaracken, eine Montagehalle und einige Werkstattgebäude erstellt werden sollen. – An den Schulgebäuden und der Festhalle werden gegenwärtig die kupfernen Blitzableiter durch eiserne ersetzt. Diese Umwechselung hätte schon längst geschehen sollen; sie wurde aber hinaus geschoben, da man hoffte, der Kriegs werde bald aufhören.
 
1918 Juli 31: An der Bahn wurde heute ein Eisenbahnwagen mit Munitionskisten aus der Wacker'schen Stuhlfabrik geladen. Es war ein belgischer Wagen, der neben der üblichen Bezeichnung „Militär-Generaldirektion Brüssel“ noch die Aufschrift trug „Deutscher Chef des Feldeisenbahnwesens. Für den Verkehr mit Konstantinopel.“ – Johann Müller, Fabrikarbeiter, der jüngste Sohn des Landwirts Johann Müller, wird seit dem 17. Juli vermißt. (P.s.: ist kriegsgefangen.)
 
1918 August 2: Die Liegenschaften des 1915 gestorbenen Gemeinderats Franz Riesterer, bestehend in Haus und 19 Grundstücken, wurden vorgestern versteigert. Das Ergebnis überraschte durch seine Höhe; es zeigt, zu welchem Wohlstand die Bauern durch den Krieg gekommen sind und wie sie auch infolge der unsicheren Zeitlage vorziehen, ihr Vermögen in Liegenschaften anzulegen. Der ganze Nachlaß war zu 10.000 Mark angeschlagen, erlöst wurden 103.000 Mark. Ein Stück Reben von 27 Ar hinter dem Schloßberg, angeschlagen zu 1100 Mark, kam auf 4800 Mark. – Der Werkmeister B., der sich vor 1 Jahr kriegstrauen ließ, hat an das Bürgermeisteramt die Aufforderung gerichtet, seiner jungen Frau die Familienunterstützung zu entziehen. Der Mann muß in seiner Kriegsehe eine nette Erfahrung gemacht haben.
 
1918 August 7: Der Jakobimarkt war von 6 Kurzwarenhändlern besucht. – Am Nachmittag fand durch die Stadt die erste Frühkartoffelausgabe statt, per Kopf 4 Pfund à 12 Pfennig.
 
1918 August 11: Das Bürgermeisteramt erhielt heute früh von der Front die telegraphische Nachricht: „Gefreiter Hermann Weber auf dem Felde der Ehre gefallen. Bitte die Frau schonend zu benachrichtigen.“ Der Gefallene, ein Schwiegersohn des Küfers Joseph Mußler, war bis zu seiner Einberufung 1914 Pächter der Brauerei Steinmann. – Die Teuerung macht unerhörte Fortschritte. Für 1 Hektoliter zweijährigen Wein (Friedenspreis ca. 50 Mark) werden 700 Mark geboten, für 1 Krautkopf werden 3 Mark verlangt. Diese Teuerung, verbunden mit den schlechten Nachrichten von der Front, erzeugen eine niedergedrückte Stimmung.
 
1918 August 14: Die Lieferung der Kartoffeln, Früh- und Winterkartoffeln, wurde wie letztes Jahr auch diesmal wieder dem Kartoffelhändler und Bäcker Hermann Wiesler in Eschbach übertragen. Heute, Mittwoch nachmittag, wurden zum zweiten Mal Kartoffeln abgegeben, und zwar per Kopf 8 Pfund, es kamen 100 Zentner zur Abgabe.
 
1918 August 16: Auf dem Rathause wurden heute zum ersten Mal die Fleischbezugscheine für die am Tag darauf folgende Fleischabgabe ausgeteilt. Sie lauten auf 200 Gramm per Kopf und enthalten den Namen des Metzgers, bei dem das Fleisch geholt werden muß. – Auf der städtischen Schutzrainmatte wird gegenwärtig fleißig am Bau des neuen Barackenquartiers für die „Sanka“ gearbeitet.
 
1918 August 17: Die Stadt erhielt heute 1 Waggon mit 160 Zentner Kraut aus der Pfalz. Es wurden an der Bahn pro Person 10 Pfund à 20 Pfennig abgegeben; es wurde aber – weil es zum Einschneiden noch etwas früh im Jahr war – nicht alle geholt, so daß von 5 Uhr an der Verkauf in unbeschränkten Quanten zu Ende geführt wurde. – An einer Anzahl Häuser mit gewölbten Kellern wurden rote Plakate angeschlagen: „Fliegerschutzkeller. Raum für … Personen.“
 
1918 August 18: Der junge Bäcker Hans Scherer, ca. 22 Jahre alt, Sohn des Maurerpoliers Emil Scherer, ist, wie heute ein Kamerad hierher mitteilte, gefallen. Er hatte schon letztes Jahr zwei Finger verloren, und kam dann aus dem Lazarett in eine Feldbäckerei, aus der er erst vor einigen Wochen wieder an die Front kam. Seine Eltern, die erst vor einigen Monaten einen Sohn verloren haben, werden sehr bedauert.
 
1918 August 19: Ein zweiter Waggon Kraut wurde heute von der Stadt an der Bahn verkauft und fand rasch Abnehmer. Am Nachmittag erfolgte dann daselbst der Verkauf von 1 Waggon mit 320 Zentner Gelbrüben, die ebenfalls guten Absatz fanden. – Das Holzfällerkommando im Münstertal zählt jetzt 200 Mann, welche die Wälder gehörig lichten. Am Bahnhof in Münstertal baut es gegenwärtig ein Holzteer-Destillationswerk, da das abgehende Holz geteert und dieser Teer an Ort und Stelle gewonnen werden soll.
 
1918 August 25: Auf der Schutzrainmatte wurde heute das erste Haus der „Sanka“, ein großes, 2-stöckiges Bureaugebäude, aufgerichtet. – Die Kartoffelzufuhr ist schlecht. Es können immer nur wenige Pfund auf den Kopf abgegeben werden, dazu großer Brotmangel, da den Bäckern vom Kommunalverband immer nur einzelne Säcke Mehl gegeben werden können.
 
1918 August 29: Bei der gestrigen Oehmdgrasversteigerung wurden für ein Los von 20 Ar der Herrschaftsmatte, das zu 18 Mark angeschlagen war, 140 Mark bezahlt. Auch ein Zeichen der Geldentwertung, aber auch des bäuerlichen Wohlstands. – Wegen Mangels an Holzhauern kann dieses Jahr kein Bürgerholz ausgegeben werden. Als Entschädigung erhalten die Bezugsberechtigten 95 Mark. – Heute nachmittag ist aus der Mühle in Brombach ein Waggon Mehl eingetroffen, das sofort den Bäckern ausgegeben wurde. Damit hat die Brotnot, die viel Erbitterung geschaffen, ihr Ende erreicht.
 
1918 August 30: Der Mäuseplage wegen, die jetzt nach der Ernte den Kartoffeln gefährlich wird, hat man heute zum 2. Male in diesem Jahr begonnen Gift – Phosphor – zu legen. Letzteres hat die Stadt zum Preis von 700 Mark bezogen, 30 Frauen sind mit dem Legen beschäftigt. – Der Sanitätssoldat Franz Lichtle [?], Sohn eines hiesigen Taglöhners, ist, 38 Jahre alt, gefallen. Er wohnte vor dem Kreig in Basel.
 
1918 September 1: Die „Sanka“ erhielt gestern abend den Befehl, in der Nacht noch 6 Sanitätsauto nach Kolmar zu senden und die anderen Fahrzeuge fahrbereit zu halten. Es wurde fast die ganze Nacht gearbeitet. Heute abend sind dagegen 31 Auto, zum Teil mit Anhängerwagen, von der Front hier eingetroffen, die an der Münstertäler Straße von der Schule bis zur „Villa Lang“ aufgestellt wurden. Diese große Ansammlung von Sanitätsfuhrwerken gibt der schon bestehenden Sorge wegen eines Angriffs der Amerikaner auf Mülhausen neue Nahrung. – Die Kraftfahrer dieser Auto, etwa 50 Mann, wurden im Saalbau Riesterer untergebracht.
 
1918 September 5: Heute abend 7 Uhr traf abermals eine Kolonne Kraftfahrer mit 31 Sanitätsauto hier ein. Die Mannschaften wurden in den Saal des „Badischen Hof“ und den Gartensaal Rißler verlegt. – Auf der Schutzrainmatte wird heute das 2. Haus, die Montagehalle, aufgerichtet. – Auf dem Schutzrainplatz, unter den Platanen, sind jetzt die in der letzten Zeit gekommenen Autos aufgestellt worden.
 
1918 September 9: Zum Schutze des Herbstes hat der Gemeinderat aus Rebbesitzern eine freiwillige Rebhut gebildet; es wurden 5 Rebbezirke gebildet, in denen nachts je 2 Mann wachen, die um 12 Uhr abgelöst werden. – Heute wurde der Vertrag der Stadt mit der "W. Sanka 16" über die Miete der Schutzrainmatte unterzeichnet. Die Stadt hatte eine Jahrespacht von 200 Mark und Wiederherstellung der Wiese am Schluß des Kriegs verlangt, das Ortskommando wollte aber nur 90 Mark bewilligen, da die Wiese, die lange als Exerzierplatz gedient hat, eine Ödung sei. Man einigte sich nun folgendermaßen: a) Falls die Stadt am Ende des Kriegs die Häuser kauft, braucht weder eine Pacht bezahlt, noch die Wiese wiederhergestellt werden. Die Stadt hat für alle Fälle das Vorkaufsrecht. b) Falls die Gebäude anderweitig verkauft werden, muß das Gelände wieder als Wiese hergestellt werden und es sind 200 Mark Jahresmiete zu zahlen. – Schuster Heinrich Ritzinger, Sohn des Maurers Leo Ritzinger, ca. 21 Jahre alt, wird seit dem 27. August vermißt. – Der seit einiger Zeit vermißte Johann Müller ist kriegsgefangen.
 
1918 September 17: Der von hier eingerückte Sanitätssoldat Karl Oser ist in einem Lazarett verstorben. Er war ein Arbeiter bei Wehrle und hinterläßt eine Witwe und 2 Kinder. – Man befürchtet ernstlich einen Angriff aufs Elsaß; eine Menge Truppen kommen herauf. Der Führer der Sanka sagt, es seien noch mehr Sanitätsauto unterwegs und man müsse auch sonst mit Einquartierung rechnen – Beim Bezirksamt ist heute die Nachricht eingetroffen, daß 3000 Elsäßer in einigen Orten des Bezirks, darunter auch Staufen, untergebracht werden sollen. Morgen ist deswegen Sitzung. – Wir haben heute wieder Einquartierung erhalten, einen Baumeister und Vizefeldwebel Dürre aus Hamburg.
 
1918 September 19: Heute ist abermals eine Kolonne Sanitätskraftwagen eingetroffen. Die Mannschaften kamen in Massenquartiere in der Brauerei Steinmann. – Man erzählt, der Westbahnhof Mülhausen und Dornach seien beschossen worden.
 
1918 September 20: Auch heute kommen wieder 16 Sanitätsauto hierher. – Heute früh brannte ein Bureaugebäude des Pionierparks in Krozingen nieder; es wurde hier nicht alarmiert. – Der Kaiser ist im Oberelsaß.
 
1918 September 24: Handelslehrer Robert Fürst wurde zum Leutnant befördert. – Frau Trefzer erhielt heute die Trauernachricht, daß ihr Mann, der Gefreite Friedrich Trefzer, am 16. September gefallen sei. Er war bei einer Straßenbaukompagnie und starb, von einer Granate getroffen, an Verblutung. – Trefzer war Zimmermann und Geschäftsführer der Zimmerei bei Baumeister Wehrle.
 
1918 Oktober 1: Unsere Einquartierung, der Kraftfahrer-Vizefeldwebel und Baumeister Duwe aus Hamburg, der zu den Sanka-Leuten hierher kommandiert war, wurde gestern nach Mülhausen versetzt. – Seit 8 Tagen sind die Werkstätten auf dem Schutzrain in Betrieb und auch die Bureaus sind bezogen. An den Mannschaftsquartieren wird dagegen noch voll gearbeitet. – Für einen Teil der vielen Kraftfahrer ist im „Löwen“ eine zweite Küche im Betrieb. – Die Soldaten und auch Zivilpersonen begehen viele Traubendiebstähle, so daß mit einem frühen Herbst gerechnet werdne muß. – Heute ist wieder ein Waggon Gelberüben angekommen; es blieben aber viele unverkauft, die dann an Großabnehmer weitergegeben wurden.
 
1918 Oktober 3: Ein Kontrolleur des Landespreisamts kontrolliert im Laden die Verkaufspreise, insbeondere der Manufakturwaren. – Eine Eisenbahnwagenladung Zwetschgen wurde von der Stadt ausgegeben; sie fanden reißenden Absatz. – Durch eine militärische Patrouille wurde nachts in den meisten Häusern angeläutet und aufgefordert, sofort die Häuser besser „abzublenden“. Jetzt ist es nachts dunkel auf den Straßen.
 
1918 Oktober 5: 7 Uhr abends: Nach einer Versammlung im „Kreuz“ sagte Oberamtmann Arnsperger als strengstes Geheimnis in großer Erregung, von der Front seien in Berlin schlimme, niederdrückende Nachrichten eingetroffen; es stehe so schlimm, daß Deutschland um einen demütigenden Frieden werde nachsuchen müssen; der Reichstag, der um 2 Uhr zur Einführung des neuen Reichskanzlers, Prinz Max von Baden, zusammentreten sollte, sei deßhalb auf 5 Uhr verschoben worden. Diese Schreckensnachricht, die natürlich nicht ganz verheimlicht werden konnte, erregt große Niedergeschlagenheit. – 9 Uhr abends: Soeben wird in der Redaktion die Rede des Prinzen Max mit dem Friedensangebot an Wilson angeschlagen.
 
1918 Oktober 6: In der neu gebauten Mühle der Gummifabrik wird gegenwärtig Laubheu gemahlen, das von den Schulkindern gesammelt und in den Mälzereien gedörrt worden ist. Dabei entstand in einem „Staubhäuschen“ durch Selbstentzündung ein Brand, der dasselbe zerstörte. Die Fabrik konnte gerettet werden. – Die Grippe – spanische Krankheit – breitet sich hier rasch aus. Die Hälfte der Schulkinder ist krank.
 
1918 Oktober 7: Beginn des Herbstes. Es hilft uns ein Kraftfahrer namens Lang aus Lauffen am Neckar. Es giebt eine guten Mittelherbst, was bei den jetzigen Weinpreisen viel bedeutet. Der Wert des Ertrages übersteigt durchweg den Friedenswert der Reben um ein Bedeutendes. Drei Lose der Schloßbergreben – die anderen sind ausgerodet – erzielten in der heutigen Steigerung des Herbstes 4600 Mark. Vor einem Vierteljahr hätte die Stadt diese Reben samt dem Ertrag gerne zu diesem Preis verkauft, es hat aber bei der Steigerung niemand etwas geboten. – Der Hauptlehrer und Leutnant der Reserve Franz Berger wird seit den letzten Kämpfen vermißt. (P.s.: ist kriegsgefangen.)
 
1918 Oktober 8: Das Friedensgesuch vom letzten Samstag (vgl. Okt. 5) hat überall tiefe Bestürzung erregt, da es den furchtbaren Ernst der Lage offenbarte, mit Spannung wird die Antwort Wilsons erwartet. Welch eine Wandlung seit dem Frühjahr! – Der Höchstpreis für Staufener neuen Wein beträgt, pro Hektoliter, weiß 300–350 Mark, rot 350–400 Mark, für Trauben pro Zentner weiß 113– 131, rot 131–150 Mark.
 
1918 Oktober 9: Gärtner und Unteroffizier beim 76. Feld-Artillerie-Regiment Albert Kiefer, ein Sohn der Frau Vinzenz Kiefer Witwe wird vermißt. – Auch Wilhelm Riesterer, ein Sohn der Fabrikarbeiters Damian Riesterer, wird vermißt. – Die Sanka bestimmte, daß bei Fliegergefahr alarmiert werde und zwar durch ein dreimaliges Sirenenzeichen bei Beginn, durch kurze Zeichen in Intervallen während und ein langes Zeichen am Schlusse der Gefahr. Gestern fand ein Probealarm statt, nachdem er vorher durch „Ausschellen“ und durch Inserate bekanntgegeben war. Der Alarm fand auf dem Schutzrain statt; im Städtchen hat aber niemand etwas davon gehört.
 
1918 Oktober 13: Gestern waren die Oberamtmänner nach Karlsruhe berufen und weinend setzte ihnen der Minister von Bodmann die Kriegslage auseinander, so daß – wie Oberamtmann Arnsperger sagte – alle Anwesenden weinten [am Rand Nachtrag von unbekannter Hand: Unfug]. Baden sei ernstlich bedroht: „Retten Sie das Haus Zähringen und verlassen Sie das Haus Hohenzollern nicht“, flehte er. Er gab sodann den Oberamtmännern Verhaltensmaßregeln im Falle einer feindlichen Invasion. Auf übermorgen sind deßwegen die Bürgermeister des Bezirks hierherberufen. (P.s.: zwei Tage nach der Karlsruher Versammlung erhielten die Oberamtmänner telegraphisch die Weisung, die Worte des Ministers als „vertraulich“ zu behandeln, die Versammlung der Bürgermeister fand deßhalb nicht statt). – Auf dem Feldberg werden – so schrieb Fräulein Meyer, Feldberg – 6000 Mann erwartet zum Bau einer Verbindungsbahn vom Höllental nach dem Wiesental, da die Hauptbahn im Oberland gefährdet ist.
 
1918 Oktober 15: Die Baueren, die Pferde vom Pferdererholungsheim in Krozingen haben, wurden benachrichtigt, daß sie bei einer Verlegung desselben solche sofort zurückzugeben hätten. – Über die Demoralisation unserer Truppen zirkulieren hier die unglaublichsten Nachrichten.
 
1918 Oktober 16: Die ablehnende Antwort Wilsons, die heute früh hier bekannt wurde, hat große Trauer erregt; also wieder keine Aussicht auf Frieden. – Um 10 Uhr traf ein Kommando von 55 Mann einer Telegraphenabteilung hierher ein und kam in Bürgerquartiere. Die Schreibstube wurde im Brodbeck’schen Laden eingerichtet. Auch Bollschweil und Ehrenstetten erhielten die gleiche Einquartierung. (P.s.: diese „Aferna“: Armeefernsprechabteilung, baute eine Fernsprechleitung von [Ortsname unleserlich] dem Gebirge entlang, wobei die jeweiligen Orte umgangen wurden, „ da der Feind in die Dörfer hineinschießt“. Die Umgehungsleitung bei Staufen beginnt außerhalb des Steinmann’schen Bierkellers an der Kirchhofener Straße und führt in ziemlich grader Linie zwischen Schloßberg und Magdalenenkapelle hindurch über die Wettelbrunner Straße beim Rundacker zum Bahnhof Grunern, von wo aus wieder die Stangen der Reichspostleitung benutzt werden. Vom Rundacker aus wurde eine Zweigleitung erstellt, die oberhalb des Bahnhofs „Süd“ in die Münstertäler Postleitung einmündet. Von dieser Zweigleitung wurden nur die Stangen gestellt, da der Waffenstillstand die Arbeiten unterbrach.)
 
1918 Oktober 17: Gestern kam die Trauernachricht, daß der einzige Sohn des Landwirts Konstantin Schlegel im Bötzen namens Gustav Schlegel, der beim Füsilierregiment No. 40 diente, am 4. Oktober gefallen sei. Er erreichte nur ein Alter von 17 Jahren. Die erste Nachricht erhielten die Eltern durch ein Feldpostpaket, das mit dem Vermerk zurückkam, „gefallen auf dem Felde der Ehre“.
 
1918 Oktober 18: Das Schloß in St. Trudpert, ein Teil des Klosters und Klosterguts, wurde gestern vom Freiherrn von Mentzingen dem Kloster St. Markus, einem Schwesternhaus in Gebweiler, um 600.000 Mark verkauft. Wohl schon eine Folge der bevorstehenden Abtretung des Elsaß an Frankreich. Die Gemeinde Obermünstertal hatte 540.000 Mark geboten. – Die spanische Krankheit – Influenza – greift hier rasch um sich. Heute sind in Kropbach in einer Familie, die ganz darnieder liegt, ein Sohn von 24 Jahren und eine Tochter von 20 Jahren gestorben.
 
1918 Oktober 19: Heute früh waren die Bürgermeister von hier und Tunsel zum Bezirksamt vorgeladen; es wurde ihnen eröffnet, daß an der Gemarkungsgrenze unterhalb der Spitzäcker ein Flugplatz von 36 Hektar mit einer Flugzeughalle errichtet werden solle. (P.s.: das Projekt kam infolge des Waffenstillstandes nicht zur Ausführung). – Die Leuchtmittel sind sehr rar. Für den Amtsbezirk Staufen kommen heute hier am Bahnhof 1200 Liter Petroleum zur Austeilung, die erste und wohl auch letzte Ration in diesem Winter. Auf Staufen fielen davon nur 120 Liter. Ferner wurden an die Gemeinde die Paraffinkerzen ausgegeben: Krozingen erhielt 33 Stück, Grunern 7 Stück. Zum Lachen! – In der Sparkasse geht fast kein Geld ein, obgleich der Oktober der Monat des Geldzuflusses ist. Die Leute sind ängstlich und behalten ihr Geld daheim. – Der Weinhandel stockt und die Weinpreise gehen zurück. In Sulzburg, das jetzt erst herbstet, werden für das Pfund Trauben nur noch 50 Pfennig bezahlt. – Von der Landesgemüseversorgungsstelle in Mannheim ist wieder 1 Waggon Weißkraut hierher unterwegs. Nach Eintreffen wird er sofort nach Freiburg weitergeleitet werden, da hier kein Bedarf mehr vorliegt. – Von der hiesigen „Sanka“ liegen gegenwärtig 50 Mann an der Grippe erkrankt im Lazarett in Freiburg. Heute ist ein Mann dort gestorben.
 
1918 Oktober 25: Unser Nachbar, Hutmacher Alfred Rinderle, der als Sergeant am Sudelkopf war, ist gestern im Feldlazarett gestorben. Vor etwa 10 Tagen war er zu kurzem Urlaub hier und erkrankte an der Influenza. Trotzdem kehrte er an die Front zurück und heute mittag erhielt die Frau Rinderle ein Telegramm, daß ihr Mann an Lungenentzündung gestorben sei. Er wird hier beerdigt werden. (P.s.: wegen des Rückzugs konnte die Überführung bis heute, 20.11.18, noch nicht erfolgen. Er ist in einem Einzelgrab auf dem Friedhof von Gebweiler begraben.) – Küfer und Unteroffizier Karl Mußler wird seit dem 5. Oktober vermißt; seine Kameraden vermuten, er sei kriegsgefangen. (P.s.: Er ist in französischer Gefangenschaft).
 
1918 Oktober 26: In der heutigen Bürgerausschusssitzung wurde beschlossen: 1) Zur 9. Kriegsanleihe sollen 25.000 Mark gezeichnet werden, wodurch die Stadt, ohne die Stiftungen, ihren Besitz an Kriegsanleihen von 175.000 auf 200.000 Mark erhöht. Das Geld soll durch Kapitalaufnahme beschafft und durch den schon bewilligten Holzhieb gedeckt werden. 2) Für die Gemeindebeamten, Angestellten und Arbeiter wurden Teuerungszulagen bewilligt. 3) Die Strompreiserhöhung für elektrisches Licht, von 40 auf 55 Pfennig, die vor ¼ Jahr abgelehnt worden war, wird mit allen gegen eine Stimme bewilligt.
 
1918 Oktober 27: Verursacht durch Geldhamsterei herrscht ein großer Mangel an Geld, auch Papiergeld. Vor einigen Tagen erklärte der Reichsbankdirektor von Freiburg, er besitze nur 100.000 Mark und auch die nur in 1- und 2-Mark-Scheinen, die Reichsanleihecoupons vom 2. Jan. 19 sind als gesetzliche Zahlungsmittel erklärt und beim Einlösen von Coupons erhielten wir statt Geld Coupons der Reichsanleihe als Zahlung.
 
1918 Oktober 30: Der seit einigen Wochen vermißte Hauptlehrer und Leutnant Berger ist in französischer Gefangenschaft. – Heute gab's hier den 2. Todesfall an Grippe: Fräulein Villinger, ca. 24 Jahre alt, ist ihr erlegen. Die Krankheit tritt immer ernster auf.
 
1918 Oktober 31: In Erwartung der Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen der Entente ist alles voller Aufregung. Gestern abend telephonierte die Rheinische Kreditbank der Sparkasse, die Entente verlange die Besetzung von Metz, Straßburg, Koblenz, Frankfurt und Rastatt. Heute früh hieß es, der Kaiser habe abgedankt usw.
 
1918 November 1: Dritter Todfall an Grippe. Frau Schäfer-Kiss, deren Mann im Felde ist. – Vor einigen Tagen gab‘s hier 2 Geburten. Es mußte dazu die Hebamme von Wettelbrunn geholt werden, da beide hiesige und auch die Grunerner Hebamme krank sind. – Forstwart Seng ist heute von der Front in Urlaub gekommen und hat auf den Rat seines Leutnants sein ganzes Gepäck mitgebracht, da während des Urlaubs der Frieden kommen werde, jedenfalls solle er um Nachurlaub eingeben. – Auf dem Feldberg arbeiten 35.000 Mann am Bau einer Schmalspur- und einer Schwebebahn von Titisee nach Todtnau.
 
1918 November 2: Zur Behebung des Kleingeldmangels hat die Stadt Staufen heute bei der lithographischen Anstalt von Hermann Pfaff in Lahr 20.000 Stück 50-Pfennig-Scheine bestellt, auf der einen Seite mit dem Stadtwappen, auf der andern mit dem Bilde der Burgruine versehen. Sie kosten nummeriert und gestempelt 22 Mark per 1000. – Ganz überraschend erfolgte heute telegraphisch eine Menge Einberufungen längst entlassener Mannschaften und junger Rekruten. Sie erregen größtes Erstaunen, da niemand derartiges erwartete.
 
1918 November 4: Gestern kamen ohne eine vorherige Ankündigung die Quartiermacher und gleichzeitig auch die Gepäckwagen einer Etappenkommandantur, die in den nächsten Tagen hierher verlegt wird. Diese Etappenkommandantur war bis Mitte Oktober in Riga, kam dann in die Ukraine und sofort von da hierher. Es sind 5 Offiziere und 1 katholischer Feldgeistlicher dabei. – Unteroffizier Karl Stöckle hat das Eiserne Kreuz I. Klasse erhalten.
 
1918 November 5: Der stellvertretende Oberamtmann Fischer sagte soeben, 12 Uhr vormittags, daß die Waffenstillstandsbedingungen schon in Berlin eingetroffen seien. Sie sollen veröffentlicht werden, sobald die authentische Übersetzung hergestellt sei. (P.s.: die Nachricht war verfrüht).
 
1918 November 6: Grenadier und Glaser Konrad Hanser, der hier als Waise bei seinem Onkel Sumbert erzogen wurde, ist gestern in Karlsruhe an der Grippe gestorben. Als 18-jähriger wurde er vor 1 ½ Jahren Soldat, wurde verwundet und ist jetzt im Ersatzbataillon gestorben. – Auf dem heutigen Martinimarkt waren nur 5 Ständchen aufgeschlagen. – In das städtische Kartoffellager, das wie bisher sich im Rinderle’schen Gutleuthof befindet, wurden heute von Eschbach wieder gegen 1000 Zentner Kartoffeln gebracht. – Heute mittag war Schluß der um 2 Wochen verlängerten Zeichnungsfrist für die 9. Kriegsanleihe. An der Sparkasse zeichneten die Einleger 400.000 Mark und die Kasse selbst 300.000 Mark.
 
1918 November 8: eine Hiobpost nach der anderen. Revolution ringsum. Die Telegramme der Redaktion des Wochenblatts sind ständig umlagert. Und dieser Umsturz unmittelbar vor den Friedensverhandlungen. – 7 Uhr nachmittags: Es geht das Gerücht, der Waffenstillstand sei abgeschlossen und trete heute nacht 12 Uhr in Kraft.
 
1918 November 9: Revolution in Freiburg und Lahr. Auch hier kriselt es unter den Soldaten. Ein Mann wurde wegen Tätlichkeiten gegen einen Unteroffizier verhaftet, andere planten ihn zu befreien und weigerten sich, ihn nach Breisach mit dem Auto zu fahren. Er sitzt noch im Rathausarrest. Von diesen renitenten Kraftfahrern kommen morgen 38 Mann an die Front; der Oberleutnant Mößner hat dazu die ärgsten Skandalmacher ausgesucht, um sie los zu werden. – Heute sind weitere 25 Mann der „Aferna“, Armeefernsprechabteilung, hierher gekommen. – Wir haben wieder Einquartierung erhalten: Kraftfahrer-Vizefeldwebel Duwe, ein Baumeister aus Hamburg, ist gestern nacht von Mülhausen wieder zu uns ins Quartier gekommen.
 
1918 November 10: Roter Sonntag. Nun stehen auch wir mitten in den Soldatenrevolution. – Um 4 Uhr früh wurden wir aus dem Schlafe durch Klingeln und Poltern an den Toren geweckt. Es waren mit 2 Lastauto 4 Offiziere und 20 Mann von den Fliegern in Neubreisach gekommen, die vom Bürgermeister Unterkunft verlangten. Den Offizieren wurde im Rathaus der kleine Saal, den Mannschaften der große zur Verfügung gestellt. – 11 Uhr vormittags: Versammlung aller Soldaten im Saalbau Riesterer behufs Errichtung eines Soldatenrats. – 3 Uhr nachmittags: Ein Rittmeister vom Generalkommando zu Schloß Homburg im Elsaß teilt mit, daß der kommandierende General und ein Teil des Kommandos von Homburg hierher verlegt werden sollen; nach Staufen sollen kommen 30 Offiziere, 60 Pferde und 200 Mann. Vom Fuhrpark sei ein Teil bereits unterwegs und werde etwa um 6 Uhr eintreffen. Um diese Zeit kamen auch bereits einige Automobile und Wagen, darunter 1 großer und 2 kleinere Brieftaubenwagen mit 350 Brieftauben. (P.s.: das Generalkommando selbst, das am folgenden Tage kommen sollte, ist nicht eingetrofffen.) – 5 Uhr nachmittags: Von der Redaktion werden die Waffenstillstandsbedingungen angeschlagen; sie machen einen niederschmetternden Eindruck. – 6 ½ Uhr nachmittags: Auf Lastautos kommen 200 Mann des Armeeflugparks Neubreisach in aufgeregtem, demoralisiertem Zustand und anscheinend ohne Offiziere hierher. Ihrem Hauptmann haben sie, wie sie sagen, heute früh bis 2 Uhr Frist gegeben, „um zu verschwinden“, und schon um 10 Uhr sei er von Neubreisach abgereist. Zu uns kamen von diesen Leuten ein Unteroffizier und 4 Mann ins Quartier. Mit ihnen kam aber auch gleich ein Zivilist – Händler, der ihnen in unserem Hause sofort ärarische Kleidungsstücke wie Wolldecken, Unterhosen, abkaufte. – 9 Uhr nachmittags: Versammlung der Soldaten und Offiziere im Kreuz, an der 400 Personen teilnahmen. Es wurde der Soldatenrat für Staufen gewählt: I. Vorsitzender: Vizefeldwebel Heymann, Bankbeamter aus Berlin; II. Vorsitzender: Feldwebel der Sanka Henritz, Fabrikant aus Freiburg; III. Vorsitzender: Oberarzt Dr. Sprauer, Arzt von hier [von anderer Hand rot unterstrichen] und IV. Vorsitzender ein sozialdemokratischer Schreier. Trotz des aufgeregten Gebarens der Soldaten war heute noch gute Disziplin, leider ist aber zu befürchten, daß sie nicht lange anhält.
 
1918 November 11: Die Montagehalle der Sanka trägt die rote Fahne, rote Fähnchen haben die vielen Lastautos, welche die Geräte der Flieger von Neubreisach bringen und alle Soldaten, auch die Offiiziere, tragen rote Bändchen, teils freiwillig, teils aus Furcht, insultiert zu werden. – Im Sanka-Kasernement sind die Bauarbeiten eingestellt. Die Soldaten stehen auf den Straßen herum; eine angekündigte weitere Ankunft vom Wagenpark des Generalkommandos von Homburg ist nicht eingetroffen. – 9 ½ vormittags: die Telegramme vom erfolgten Waffenstillstand und der Flucht des Kaisers sind angeschlagen und werden von einer erregten Menge umlagert. – Am Nachmittag reiste einer der bei uns einquartierten Flieger nach Freiburg und holte sich ein Flugzeug nach Heitersheim, da er von dort aus mit einem Kameraden nach Durbach, seiner Heimat, fliegen will. – Das Pferdegenesungsheim in Krozingen wird über Hals und Kopf abgeführt; es herrsche ein unbeschreibliches Durcheinander.
 
1918 November 12: Ins Pferdeerholungsheim wurden heute früh von den Bauern die entliehenen Pferde zurückgebracht; die meisten konnten sie aber wieder mitnehmen, da sie dieselben billig kaufen durften. Auch in Hartheim wurden ärarische Pferde verkauft zu 500 Mark, die vor wenigen Tagen noch den zehnfachen Preis gegolten hatten. – Als Vorläufer des Truppenrückmarsches traf heute nachmittag ein „Rechnungskommando“ von 19 Mann hier ein, dem es gelingt, die Ordnung aufrecht zu erhalten und die Vorräte gegen Plünderung zu schützen. Der Soldatenrat hier verlangte von ihnen, wie bei den anderen Soldaten, Ablieferung der Gewehre, was sie aber schroff ablehnten. – 6 Uhr nachmittags: Soeben wird Quartier verlangt für 30 Offiziere und 275 Mann, die morgen von Mülhausen hier eintreffen werden. Unter ihnen befindet sich auch ein Divisionsstab. Der General wird bei Frau Medizinalrat Lederle einquartiert. – 6 Uhr nachmittags: Durch die soeben eingetroffenen Milderungen des Waffenstillstands scheidet Staufen aus der neutralen Zone aus. Da kann es für uns große und langdauernde Einquartierungen geben.
 
1918 November 13: Der Rückmarsch der Truppen aus dem Oberelsaß beherrschte heute ganz das Tagesbild. Den ganzen Tag hindurch war ein aufgeregtes Kommen und Gehen. Von der Revolutionsstimmung der letzten Tage war, abgesehen von den roten Abzeichen, nichts zu bemerken; die strenge Arbeit ließ keine Zeit dazu. Nur die Flieger hatten am Morgen einen Konflikt mit ihrem Leutnant, „der ein Wort zuviel sagte“ und der deshalb „verschwinden“ mußte. – Schon am Morgen kam ein Fernsprecherzug hierher, der aber bald weiterzog, dann kamen die vielen Automobile des Divisionsstabs und von ihnen auch um 11 Uhr der Divisionsgeneral, ferner ebenfalls noch am Vormittag eine größere Kavalleriepatrouille, die im Löwen Quartier fand. Dazu die vielen Durchmärsche der Truppen. Den Schluß bildete beim Einbruch der Nacht ein großer Wagentrain, der auf dem Marktplatz und in der Hauptstraße aufgestellt wurde. Eine Fernsprechabteilung mit einer Bespannung von 150 Pferden, die ebenso noch abends Quartier beanspruchte, wurde auf Betreiben des Bürgermeisters nach Grunern verlegt, da absolut kein Platz mehr hier zu finden war. – Jetzt sind hier im Quartier – außer der „Sanka“ – etwa 75 Offiziere, 270 Pferde und 7 – 800 Mann aller möglichen Waffengattungen. – Unter all diesen großen Straßenverkehr der Truppen mit ihren vielen Wagen befand sich nachmittags auch eine Straßenlokomotive, die mit 3 Anhängerwagen das Städtchen passierte und die dabei inmitten der vielen Lastautos einen etwas altertümlichen Eindruck machte. – Die Starklichtleitungen der Hauptstraße, die jetzt nach 4 Jahren zum erstenmal angedreht wurden, beleuchteten dieses rege militärische Leben. – Unser Flieger Heilmann ist heute nachmittag vom Flugplatz Heitersheim in seine Heimat abgeflogen, er kreiste zum Abschied mehrere Mal über der Stadt. Auch ein anderer Flieger ist mit ihm weggeflogen, dieser hatte sein Flugzeug seit 2 Tagen auf den Großmatten aufgestellt. – Um 2 Uhr nachmittag fand auf dem Rathause in engeren Kreise der Wirte usw. eine Versteigerung der Gläser des Offizierskasinos des Neubreisacher Armeeflugparks statt. Albert kaufte dabei 13 Römer und 20 Champagnerbecher für 15 Mark. – Von unseren hiesigen Kriegern kehren stündlich Leute aus dem Etappengebiet und aus festen Standorten heim; andere wieder, die hier in Urlaub sind, kehren zu ihren Truppenteilen nicht mehr zurück, da sie ja doch nicht zu finden seien. Meiner Schätzung nach werden wohl jetzt schon 30 Mann heimgekehrt sein.
 
1918 November 14: Von dem gestrigen, aufgeregten Treiben war heute nichts mehr zu bemerken. Die Wogen der Revolution beginnen sich zu legen und auch sonst verläuft alles ruhiger. Wohl marschierten verschiedene Truppenteile mit ihren Fuhrparks durch die Stadt; es kamen abere keine neuen Mannschaften hierher ins Quartier und des zogen auch keine von hier wieder fort. Durchmarschiert sind u.a. einige Compagnien eines Landwehrregiments, ein Armierungsbataillon und ein Armeeluftschifferpark. Letzterer hat Staufen aber nur berührt, da er am „Adler“ vorbei ins Münstertal, nach der Rotte Krummlinden zog, wo er aufgelöst wird. – Ein Rittmeister des Divisionsstabes, der bei uns einquartiert ist, läßt seine beiden Koffer bei uns in Verwahrung, da sie in Freiburg geplündert werden und in seiner Heimat, Sellno bei Graudenz [Sellnowo, poln. Zielnowo, Westpreußen], die Revolution herrsche. – 7 Uhr abends: Soeben kommen Quartiermacher: morgen nachmittag werden 815 Württemberger von Grißheim hier eintreffen, worauf sie dann durchs Höllental weiter in ihre Heimat ziehen werden.
 
1918 November 15: Der Divisionsstab und andere Truppenteile, die hier einquartiert waren, haben uns verlassen. – Die gestern abend angemeldeten Truppen sind heute mittag mit klingendem Spiel eingezogen. Es sind ein Feldrekrutendepot, ferner 2 Licht-Meßtrupp und 2 Schall-Meßtrupp, von denen die letzteren je 95 – 130 Mann zählen. Im Ganzen werden – einschließlich der Kraftfahrer – jetzt 1600 Mann hier einquartiert sein. Ihre Tornister führten die Leute bei ihrem Einmarsch auf dem kleinen Maschinengewehrwagen mit sich. Ihre Gewehre und Helme hatten sie schon früher abgegeben. – Auf Verlangen des hiesigen Soldatenrats müssen bis morgen früh 8 Uhr sämtliche Schulsäle geräumt und zu Massenquartieren eingerichtet werden. Zwölf Mann, die vom Soldatenrat zur Verfügung gestellt wurden, haben die Bänke usw. in die Festhalle zu den Fruchtschütten des Kommunalverbands geschafft und Monteure der „Sanka“ richten morgen in den Sälen die elektrische Beleuchtung ein. 15 Soldaten, die heute abend eintrafen, wurden bereits in einem Schulzimmer untergebracht. – Zu dieser letztgenannten Anordnung des Soldatenrats mag als Kuriosum erwähnt werden: der Verkehr zwischen Soldatenrat und Bürgermeister vollzog sich bisher in höflichen Formen; alle Verfügungen des ersteren gingen in der Form eines „Ersuchens“ an die Stadt. Schroff als „Befehl“ ist dagegen der letzte Erlaß ergangen, unterzeichnet ist er aber vom III. Vorsitzenden des Soldatenrats, dem Dr. Sprauer, Arzt hier [von anderer Hand rot unterstrichen]. – Der Musketier Karl Liermann, Sohn der Witwe Liermann hier, wird seit dem 28. September vermißt; er ist wohl gefallen. (P.s.: ist kriegsgefangen). Vermißt wird auch der Gerber Zimmermann schon seit einiger Zeit; er kämpfte in Mazedonien. (P.s.: ist bald darauf heimgekehrt).
 
1918 November 16: Der heutige Tag (Samstag) war für alle Truppen im Oberland ein Ruhetag. Es fanden keinerlei Durchmärsche statt, die Straßen waren durch die vielen Soldaten ganz belebt und besonders von 1 – 2 Uhr, als die Musik des Feldrekrutendepots auf dem Marktplatz spielte, herrschte frohe Stimmung. Die Feldsoldaten haben alle ihre Kokarden an den Mützen und keiner trägt rote Abzeichen. Die rot bebänderten Etappengruppen verschwinden unter ihnen und fallen auch sonst in ihrem Äußeren unvorteilhaft auf, da sie ihre alten Uniformen tragen, während die ersteren alle nagelneue Uniformen und Mäntel vor dem Abmarsch von der Front gefaßt haben. – Vormittags 10 Uhr fand, vom Oberamtmann eingeladen, im Kreuz eine Versammlung der Bürgermeister, Bezirksräte und des Soldatenrats statt. Es wurde, wie an anderen Orten, die Errichtung von Volkswehren beschlossen. Die Waffen sollen vom Ministerium gestellt werden. Da meinte aber der Bürgermeister von Norsingen, er könne genug davon geben, da er in der Gemeinde 1500 Gewehre gesammelt habe, die durchmarschierende Soldaten samt der dazugehörigen Munition liegengelassen hätten. – Ferner wurde in dieser Versammlung ein Bauernrat gebildet und dann kam die morgige Einquartierung zur Sprache. Morgen kommt von Grißheim schwere Fußartillerie nach Staufen. Sie bringt scharfe Munition mit, die in Staufen gesammelt wird und da zurückbleiben soll. Als Sammelstelle wurde der Steinmann’sche Bierkellerschopf an der Kirchhofener Straße bestimmt. – Um 10 Uhr vormittags fand auf dem Marktplatz der Verkauf von 350 Brieftauben statt, welche vor 8 Tagen das Generalkommando von Hamburg hierher gesandt hatte. Sie fanden zu 2 Mark per Stück rasch Absatz. – Am nächsten Montag wird das Holzfällerkommando in Untermünstertal seine Geräte, Vorräte und Baracken verkaufen. – Am Montag mittag 12 Uhr wird mit dem Abbruch der Rheinbrücke bei Grißheim begonnen werden. Von da an werden die Masseneinquartierungen wohl ihr Ende haben.
 
1918 November 17: Das Feldrekrutendepot ist heute früh ½ 7 Uhr nach Ebnet ins Höllental abmarschiert, es soll in Pfullingen aufgelöst werden. Hiergeblieben sind dagegen die anderen Formationen, insbesondere die 4 Meßtrupp. – Um 11 Uhr rückten dann Landwehr- und Landsturm-Fußartillerie und ein Feldlazarett hier ein. Sie kamen vom Hartmannsweilerkopf und waren zuletzt in Grißheim einquartiert. – Zu Ehren der Ankommenden, der ersten, die direkt von der Front kamen, hatte man geflaggt und an vielen Häusern waren – vom protestantischen Pfarrer besorgte – Plakate angeschlagen: „Unseren Soldaten Dank und Willkommen in der Heimat.“ Sechs Schulsäle und der Saal der Kleinkinderschule sind voll belegt und das Unterbringen der vielen Offiziere bereitete große Schwierigkeiten. – Bei Müller Albert Gysler hat ein Sammeloffizier der 26. Landwehr-Infanterie-Division Quartier bezogen. An der Krozinger Straße weist eine große Tafel „Munition-Sammelstelle der L.I.D. 26“ auf den Steinmann’schen Bierkeller, wo Munitionswagen ihre gefährliche Fracht abgeben. In den Amthof fahren viele Fahrzeuge, wo sie die Geräte bis zu den Telefonapparaten herab in dem leerstehenden Amtsgefängnis abgeben. Auf dem Kirchplatz halten Marketenderwagen der Kammern ihren Ausverkauf an die Zivilisten. – Wir haben gegenwärtig folgende Einquartierung: 1) 1 Vizefeldwebel der „Sanka“, Baumeister Duwe aus Hamburg; 2) 3 Flieger aus Neubreisach; 3) 3 Offizierburschen (davon 2 vorgestern, 1 gestern angekommen); 4) 2 Leutnant des Lichtmeßtrupp; 5) 1 Oberleutnant und Batterieführer der Fußartillerie, Oberförster aus Württemberg. – Der eine der Leutnant erhielt heute einen Besuch des Soldatenrats, der mit ihm in seinem Zimmer eine scharfe Auseinandersetzung hatte, da er sich gestern im Wirtshaus den Soldaten gegenüber barsch benommen habe. – Den französischen Kriegsgefangenen ist jetzt freie Bewegung gestattet. Sie arbeiten nicht mehr und man sieht sie in großen Gruppen auf der Straße, einzelne von ihnen tragen rote Bändchen.
 
1918 November 18: Die Etappenkommandantur hat Staufen wieder verlassen, sonst hat sich in der Einquartierung heute nichts geändert. Nur 2 kleine-Fuhrparke haben heute unser Städtchen durchzogen. – Zur Begrüßung der von der Front heimkehrenden Krieger errichtete die Stadt bei der Post und der Neumagenbrücke Flaggenstangen mit Guirlanden. Es sollen schon 70 Staufener Soldaten, hauptsächlich aus Garnisonen und aus der Etappe, heimgekehrt sein. – Gestern wurde der Kaufmann Rimmelspacher, der beim Kommunalverband angestellt ist, beobachtet, wie er nachts aus seinem Laden 1 Kiste und 3 Sack Zucker ins „Kreuz“ führte. Darob natürlich große Entrüstung und ein fulminanter Denunziationsartikel im „Wochenblatt“ gegen den Kommunalverband.
 
1918 November 19: Die Sammlung der militärischen Gegenstände in den hiesigen Sammelstellen scheint beendet zu sein; im Amtsgefängnis sollen viele wertvolle Gegenstände untergebracht sein vom Maschinengewehr bis zu den Scherenfernrohren, davon 24 Stück sich dort befinden. Nach dem Abzug der Truppen nimmt der Oberamtsrichter diese Sammlung – respektive den Schlüssel des Hauses – in seine Obhut. Der Steinmann’sche Schuppen ist mit Artilleriemunition gefüllt, diese soll die Stadt übernehmen. – Um 11 Uhr fand im Gutleuthof die Versteigerung der Brieftaubenwagen und deren Zubehör statt. Alles wurde fast weggeschenkt. – Zur Aufstellung der Volkswehr erhielt die Stadt heute vom Soldatenrat auf ihr Ansuchen 30 Gewehre nebst Munition. Die Stadt könne sie behalten, meinte der Vorsitzende des Soldatenrats, sie seien später ein Andenken an diese Zeit der Umwälzungen. – Von den hier einquartierten Artilleristen – es sind 2 Batterien Landwehr-Fußartillerie-Regiment 59 und 2 Batterien Landsturm-Artillerie sollten heute die beiden ersteren gegen 2 andere in Niederweiler umgewechselt werden. Wegen Mangels an Pferden blieben die hiesigen hier; die anderen kamen aber dennoch, so daß wir jetzt wieder mehr Einquartierung haben. Diese Leute zogen singend ein, an der Spitze eine rote Standarte „Hoch lebe die freie Republik!“
 
1918 November 20: – Heute haben die 4 Licht- und Schallmeßtrupp Staufen verlassen, ihr nächstes Quartier ist Ebnet. Mit ihnen sind auch 2 Leutnant und 2 Burschen, die bei uns einquartiert waren, abgezogen. – Neue Einquartierung ist heute nicht gekommen, dagegen hörte ich, wie Infanterie mit großer Musik durch Grunern nach dem Münstertal zog. – Von den andern hier einquartierten Truppen, insbesondere von der Artillerie sind heute viele ältere Mannschaften entlassen worden. Auch unsere Soldaten haben sich von zuhause Telegramme schicken lassen, in denen sie „zu dringlichen Arbeiten“ reklamiert werden. – Der große Krozinger Eisenbahnpark fällt in die neutrale Zone. Aus diesem Grunde kam gestern ein interessanter Kauf zustande: Oberamtmann Arnsperger, Baumeister Wehrle und Notar Huber gingen nach Krozingen und es wurde notarieller Kauf abgeschlossen, wonach der Kommunalverband Staufen den ganzen Park für 1 ½ Millionen Mark kaufte. Durch Zeitungsinserat macht der Kommnunalverband schon heute bekannt, daß dort große Quantitäten Kohlen aller Sorten verkauft werden. – Da die Fußartillerie schon morgen Staufen verläßt, findet heute die Übergabe der beiden Sammelstellen (siehe oben November 19) statt. Da die Artillerie heute abend 6 Uhr ihren Posten vor dem Munitionsdepot einzieht, muß jetzt die Volkswache – die übrigens noch gar nicht formiert ist – in Tätigkeit treten. Drei entlassene Soldaten, in Uniform und mit geladenem Gewehr, sind auf Wache. Ihr Wachtlokal ist im Gutleuthof, ein Mann steht ständig, Tag und Nacht, Posten und wird alle 2 Stunden abgelöst. Ihre Lohnung, 7 Mark pro Tag, soll die Staatskasse später der Stadt rückvergüten. Im Munitionslager befinden sich laut der heute abend erfolgten Übergabe 1100 Schuß für Feldhaubitzen, 1400 Schuß für Feldkanonen und 42 Schuß für Mörser. – Im Spital ist wieder einer der evakuierten Spitaliten von Altkirch gestorben. – Des norddeutschen Buß- und Bettags wegen fand um 9 Uhr vormittags in der protestantischen Kirche für das Militär eine Abendmahlsfeier statt und auch inder katholischen Stadtpfarrkirche war ein Militärgottesdienst mit Austeilung der Kommunion.
 
1918 November 21: Vormittags 8 Uhr marschierte die Artillerie nach dem Höllental ab. Mit ihnen ging auch der Oberleutnant fort, der bei Albert im Quartier war. – Auch die Kraftwagenabteilung wurde heute stark verringert, die alten Mannschaften wurden in ihre Heimat entlassen, darunter auch der Vizefeldwebel Duwe, der seit einiger Zeit bei uns im Quartier war. In der Abteilung sind jetzt nur noch 50 Mann, die von heute an eine Lohnung von 5 Mark im Tag erhalten. Sie müssen die zur Ablieferung an die Entente gelangenden Kraftwagen in Stand setzen und wegführen. Die Armeegruppe B muß 400 Wagen abliefern. – Außer diesen 50 Mann sind jetzt nur noch die Flieger hier. Es scheint, daß die Durchmärsche ihrem Ende entgegengehen. – Dagegen wird am 6. Dezember das in Müllheim garnisonierende Bataillon des Infanterie-Regiments 142 hier eintreffen, da sein Garnisonsort in der neutralen Zone liegt und während des Waffenstillstands geräumt sein muß.
 
1918 November 22: Durchmarsch einiger Batterien, reich bekränzt und mit Tannenreis geschmückt. – Die hiesige „Sanka“ verkauft ihre unverarbeiteten Vorräte an Baumaterial; es sind besonders Handwerker, die das viele Schnitt- und Kantholz, Kies, Rheinsand, Cement kaufen. Auch Frau Rombach erwarb für 1600 Mark Holz zu einem neuen Haus. – Vom hiesigen Soldatenrat sind die beiden Vorsitzenden, Heymann und Henrick, heimgekehrt; es wurde, nur aus der Sanka, ein neuer Soldatenrat von 5 Mitgliedern gewählt.
 
1918 November 23: Um 9 Uhr vormittags Durchmarsch von 1 Kompagnie als Infanteristen ausgebildeter gelber Ulanen, um 12 Uhr einer Batterie Langrohrgeschütze, beide mit einem Gepäckwagen und Feldküchen. – Von den vor 1 ½ Jahr hierhergebrachten Spitaliten aus Altkirch sind noch 3 am Leben, darunter ein Mann von 89 Jahren. Da Altkirch jetzt französisch ist, wurden diese Leute auf Veranlassung des hiesigen Bürgermeisteramts heute um 10 Uhr mit einem Sanitätsauto nach Neuenburg gebracht und dort von dem Kraftfahrer den französischen Wachen an der Brücke übergeben. Ein sonderbarer Zufall wollte, daß derselbe Kraftfahrer, der die Spitaliten seinerzeit von Landser hierher gebracht hat, sie nun wieder zurückführte. – Heute wurden die vor kurzem zu Massenquartieren eingerichteten Schulsäle wieder eingerichtet, da der Schulunterricht wieder aufgenommen werden soll. – Einer der bei uns einquartierten Flieger ist heute in seine Heimat, Köln, abgereist.
 
1918 November 25: Knaben radeln täglich nach Grißheim, um über den Rhein hinüber die französischen schwarzen Soldaten zu betrachten, die Rheinwache halten. – Der Abtransport der Truppen aus dem Elsaß ist beendet; deswegen steht uns eine andere Einquartierung bevor. Es soll nicht nur das Müllheimer Bataillon, sondern das ganze Infanterie-Regiment 142 nach seiner Rückkehr von der Front hierher und in die nächsten Orte verlegt werden. – Die hiesige „Sanka“ hat schon eine große Zahl Automobile nach Mülhausen abgeliefert. Die Leute beschweren sich über die entwürdigende Behandlung, die sie drüben erfahren. – Heute ist wieder einer unserer Flieger abgereist, wir haben jetzt nur noch 1 Mann im Quartier.
 
1918 November 27: Ohne vorherige Mitteilung sandte das Bürgermeisteramt Heitersheim an die Stadt einen großen 4-spännigen Wagen mit Transformatoren, Kupferkabeln usw., die aus der neutralen Zone entfernt werden müssen. Die Stadt hat sie in einer leerstehenden Malerwerkstätte untergebracht. – Die Sanka liefert in den nächsten 2 Tagen wieder je 50 Kraftwagen ab. – Die Tagesgebühr der Wachmänner am Munitionslager wurde auf 10 Mark erhöht, nachdem Krozingen diesen Betrag zahlt. Wer diese Ausgaben der Stadt wohl rückersetzen wird? Dem Gemeinderat wurde vom hiesigen Soldatenrat auch auferlegt, vorbehaltlich des Rückersatzes durch das Reich jedem der 5 Mitglieder eine Tagegebühr von 10 Mark zu bezahlen!
 
1918 November 30: Die Teeröfen und die Vorräte, insbesondere das gefällte Holz des Holzfällerkommandos in Untermünstertal hat das Forstamt II hier zur Verwertung übernommen. – Das schöne Häuschen des Offiziersheims der Sanka im Bob’schen Garten hat Gärtner Emil Kähle für 1700 Mark gekauft, um es in seinem Garten aufzustellen. – Zur Vorbereitung der Verlegung der 142er sind heute 2 Offiziere aus Müllheim hierher übergesiedelt, ihr Bureau ist im Brodbeck’schen Laden eingerichtet. Hierher sollen an Stuben 1 Brigadestab, 1 Regimentsstab und 1 Bataillonsstab, ferner 1 Bataillon verlegt werden.
 
1918 Dezember 2: Da wir mit der Wiederaufnahme der Feindseligkeiten und einer französischen Besatzung rechnen müssen, hat Albert heute bei der Rheinischen Kreditbank in Freiburg verabredet, eventuell einen Teil der Bestände der Bezirkssparkasse dort als „geschlossenes Depot“ zu hinterlegen. – Aus Müllheim kommen heute zum ersten Mal Wagen, die Bestände aus der „Kammer“ der 142er hierherbrachten. – Dagegen kamen heute 50 Automobile von hier nach Mülhausen zur Ablieferung.
 
1918 Dezember 3: Mit dem Mittagzug sind heute die Kriegsgefangenen, die zum Teil 4 Jahre hier gewesen waren, abgereist. Es waren 24 Russen und 1 Franzose (Friseur bei Berger), die anderen Franzosen haben sich vor einigen Tagen „französisch“ verabschiedet, d.h. sie sind durchgebrannt und sind zu Breisach ohne Ausweise in ihre Heimat zurückgekehrt. Die heute abgereisten Gefangenen kamen in die Kreispflegeanstalt in Freiburg, wo Gefangenentransporte zusammengestellt werden. – Die 142er schaffen unglaublich viele Sachen hierher; sie bringen 3000 Maschinengewehre und 30.000 Gewehre; es ist ein fortwährendes Fahren mit Wagen und Autos. – Die Soldatenräte erhalten jetzt täglich je 10 Mark, die 3 Wachmänner ebenso; also täglich 80 Mark aus der Stadtkasse.
 
1918 Dezember 5: Die Sanka brachte heute wieder etwa 10 Autos, anscheinend die letzten fahrtfähigen, zur Ablieferung. Die Kasernen werden geräumt und die Maschinen und die Vorräte an der Bahn eingeladen. – Wagen auf Wagen, hochbeladen, bringen dagegen die 142er in das Barackenlager, die da abgeladen werden, ebenso kamen auch eine Anzahl Feldküchenwagen aus dem Oberland hier an; sie wurden auf dem „Seelenmättle“ am Stadtsee aufgestellt. Ein anderer Wagenpark ist auf der Schutzrainmatte oberhalb der Sankabaracken; dort befinden sich unter anderem die 2 Scheinwerferzüge, 2 Maschinen-Fliegerabwehrgeschütze, 1 Wagen mit Brustpanzern usw. – General Faustmann, der bei der Armeegruppe Böhm das Amt des Traininspektors versah, ist vor einigen Tagen direkt aus dem Felde in seine Villa am Höllenberg eingezogen. Auch der General von Friedeburg, der vor 3 Wochen beim Rückzug aus dem Elsaß hier als Divisionsgeneral bei Frau Medizinalrat Lederle einquartiert gewesen war, hat hier für seine Familie eine möblierte Wohnung gemietet.
 
1918 Dezember 6: Die Wache beim Munitionsdepot übernimmt heute abend 8 Uhr das Infanterie-Regiment 142. Der Bürgermeister stellte sich auf den Standpunkt, daß die Gemeinde nur solange die Wache zu stellen habe, als kein Militär hier sei und daß dieses jetzt, da genügend Soldaten von Müllheim hier seien, die Wache wieder übernehmen müsse. Der Soldatenrat ist darauf eingegangen. Das Wachekommando ist in der „Krone“, in der Wohnung der abgereisten Kriegsgefangenen einquartiert.
 
1918 Dezember 7: Die letzten hier noch weilenden Kraftfahrer, etwa 25 Mann, sind heute mittag mit der Bahn in ihre Heimat abgereist. Damit hat die „W. Sanka 16“, die Württembergische Sanitäts-Kraftwagen-Abteilung No. 16, ihr Ende erreicht. Die hier noch befindlichen Kraftwagen, wohl durchweg reparaturbedürftige, und etwa 100 Sanitätsanhängerwagen wurden teils in dem großen Schuppen auf dem Turnplatz, teils in der Montagehalle untergebracht. – Ebenfalls heute mittag sind auf 6 Lastautos auch unsere Flieger vom „Armeeflugpark B“, die vor genau 4 Wochen aus Neubreisach hierhergekommen sind, nach Freiburg fortgefahren. In den Wirtshäusern wird man sie sehr vermissen, da diese jungen Leute einen großen Aufwand trieben. – Auch unser Flieger, der letzte Mann unserer Einquartierung, ist mit ihnen nach Freiburg abgereist. – Wilhelm Riesterer, der Sohn des Arbeiters Damian Riesterer, der seit 6 Wochen vermißt war, hat aus englischer Gefangenschaft geschrieben. Von dem Gärtner Albert Kiefer vom Feld-Artillerie-Regiment 76, der schon ebenso lange vermißt wird, ist noch kein Lebenszeichen gekommen.
 
1918 Dezember 9: Dem Führer der „Sanka“ ist vorgestern bei seiner Abreise aus Staufen noch ein Unfall passiert. Er wurde bei Freiburg vom Auto geschleudert, wobei er außer sonstigen Verletzungen das Bein ausrenkte. Heute wird gesagt, das Infanterie-Regiment 142 müsse während der nächsten Zeit in Wesel als Grenzschutz verbleiben, vorerst kamen deßhalb nur das Ersatzbataillon von Müllheim hierher. – Aus Grißheim wurde heute eine große Menge Vorräte aufgelöster Truppenteile ins Münstertal gebracht, wo sie in den Baracken des Holzfällerkommandos verstaut werden.
 
1918 Dezember 10: In die Munitionsschuppen (Steinmanns Bierkeller) waren vorgestern aus dem Oberland auch viele militärische Gegenstände, insbesondere getragene Uniformen, gebracht worden. Gestern abend kamen nun aus Ehrenstetten gegen 60 junge Burschen und erbrachen den Schopf und plünderten nach Herzenslust. Der Posten der 142er konnte oder wollte dem Treiben kein Ende machen. Zum Glück blieb die Munition unberührt. Es ist nur gut, daß niemand von der Volkswache mehr Posten stand. Morgen wird im „Wochenblatt“ eine Aufforderung des Soldatenrats erscheinen, die geraubten Gegenstände binnen 48 Stunden zurückzubringen. – In den Gemeinden des Amtsbezirks Müllheim wurden die Bürgermeisterämter aufgefordert, spätestens heute alle in ihren Gemeinden lagernden Militärgegenstände zu Staufen beim Bürgermeisteramt abzuliefern. Infolgedessen kam auch heute wieder eine Menge Militärgut – auch altes Gerümpel – hierher. Außer Pferdefuhren brachte auch eine Straßenlokomotive und ein schweres Auto, wohl Zugmaschine einer Mörserbatterie, solche Güter hierher. – Das Bürgermeisteramt mußte heute 420 Quartierzettel für die 142er ausstellen. Die Offiziere wollten Massenquartiere, der Soldatenrat Bürgerquartiere; letztere haben gesiegt. – Vier Quartiermacher haben sich schon heute bei uns einquartiert.
 
1918 Dezember 11: Die „Plünderung“ im Steinmann’schen Bierkeller (siehe Dezember 10) scheint dadurch verursacht worden zu sein, daß ein Posten an Passanten Kleider verschenkte. Dadurch entstand in Ehrenstetten das Gerücht, es würden am Sonntag abend in Staufen umsonst getragene Uniformstücke abgegeben. – Heute nachmittag wurde durch einen Feuerwerker aus Freiburg 1 Waggon mit der im Schopf lagernden Munition beladen. Der Rest wird mit Autos nach Freiburg geführt werden, da von morgen an die „neutrale Zone“ für Militärtransport gesperrt ist. – Außer der Müllheimer Garnison werden heute abend mit der Bahn 120 Mann 142er aus Pforzheim hier eintreffen, für die Massenquartiere eingerichtet werden. Da Fabrikant Bob seine Lederfabrik wieder in Betrieb nehmen will, hat er die Entfernung der in seiner Fabrik stehenden 140 Betten der „Sanka“ verlangt. Mit diesen Betten werden jetzt die Säle in den Wirtshäusern ausgestattet. – Die Bezahlung der Soldatenräte wird von heute an nicht mehr aus der Stadtkasse, sondern direkt aus der Staatskasse erfolgen. – Als Einquartierung haben wir heute noch 1 Leutnant der 142er namens Fink mit Burschen erhalten.
 
1918 Dezember 12: Die „neutrale Zone“ tritt heute in Kraft. Schon um 4 Uhr morgens kam – wie der Major erzählte – eine französische Patrouille von 6 Mann in die Kasernen von Müllheim, um zu kontrollieren, ob sie leer seien. Ein Soldat, der noch dort war, entfloh und kam noch in der Nacht hierher. – Die Gendarmen tragen jetzt Zivilkleidung, die ihnen aus der Staatskasse bezahlt wurde, mit rot-gelben Armbinden und Revolvern.
 
1918 Dezember 13: Gestern abend hatten hiesige Soldaten, so erzählt man, im „Terminus“ eine Versammlung; sie wollen den Soldatenrat abschaffen, der nur viel Geld koste und doch nichts tauge; sie wollen wieder ihren Offizieren unterstellt sein. Ob etwas daraus wird? – Heute abend stellte eine Abordnung des Soldatenrats, die, nebenbei bemerkt, seit heute ihre roten Armbinden abgelegt haben, beim Bürgermeisteramt den Antrag, die Stadt soll den 6 Mitgliedern aus der Stadtkasse einen täglichen Zuschuß von je 5 Mark gewähren, da sie aus der Reichskasse nur 5 Mark erhalten.
 
1918 Dezember 14: Ankunft eines kleinen Vortrupps des Infanterie-Regiments 142. Das Regiment soll am 22. Dezember von Wesel mit der Bahn hierher gebracht werden. Als der 1. Soldatenrat auf dem Rathause dem Vortrupp-Führer sagte, er wolle dem Regiment entgegenfahren, um es „aufzuklären“, erhielt er den Rat, wegzubleiben, er werde sonst durchgehauen, das Regiment wolle keinen Soldatenrat. – Heute wurden aus der Stadtkasse die ersten städtischen „50-Pfennig-Scheine“ ausgegeben.
 
1918 Dezember 15: – Gestern abend war Wahlversammlung im Kreuz, einberufen vom Soldatenrat, heute nachmittag Frauenversammlung, bei der Professor Krebs aus Freiburg sprach. – Seiler Hangarter, der seit einiger Zeit vermißt wird, ist in englischer Gefangenschaft. – Die rote Fahne, die seit 4 Wochen auf der großen Montagehalle der „Sanka“ wehte, ist seit einigen Tagen eingezogen.
 
1918 Dezember 19: Der Gemeinderat hat heute beschlossen, die 142er bei ihrer Hierherkunft aus dem Felde zu begrüßen. Eine Aufforderung, die Häuser zu schmücken und beim Einzug, der nicht vor dem 24. diesen Monats erfolgen wird, zu beflaggen, wird morgen im Wochenblatt erscheinen. – Die Soldaten beklagen sich, daß die Zahlung ihrer Lohnung im Rückstand sei, sogar von Müllheim her hätte sie noch solche zu fordern.
 
1918 Dezember 22: Um der Unzufriedenheit gegen den Soldatenrat, inbesondere gegen den Leutnant Bosse, der den Offizieren zu viel nachgebe, Ausdruck zu verleihen, veranstalteten heute, Sonntag nachmittag, etwa 100 Soldaten einen Demonstrationsumzug. Vom Marktplatz zogen sie mit roten Abzeichen und roten Fahnen, mit einem Trommler an der Spitze durch die Straßen und wieder zurück vor den „Löwen“, wo ein Mann eine Protesterklärung abgab. Dabei bezieht der Companieschreiber mehr Gehalt als der Hauptmann und jeder Mann auf Wache erhält 4 Mark, jeder, der auf der Kammer arbeitet, 3 Mark Extra-Zulage zur Lohnung. – Nachträglich erfahre ich, daß es sich bei dieser bedenklichen Straßendemonstration um die Befreiung einiger im Amtsgefängnis sitzender Soldaten handelte, die wegen Wachevergehens im Arrest sind. Die Demonstranten beruhigten sich, als ihre Freilassung über die Feiertage zugestanden wurde.
 
1918 Dezember 23: Heute nachmittag kam ein Oberleutnant in Zivil aufs Rathaus, er erklärte, er habe die Militärgerätschaften zu sammeln, er brauche Civilpersonal, ein Schreibfräulein mit 15 Mark, 2 Aufseher mit 15 Mark und 10 Arbeiter mit 8 Mark Lohn, welches Geld die Stadt – täglich etwa 300 Mark – vorschüßlich bezahlen solle. Er wurde abgewiesen, da es sich um einen Vorschuß von etwas 25.000 Mark handle. – Ein Zeichen der Zerrüttung: Im Wald „Rotläuble“ bei Bremgarten steht auf schwerer Betonierung ein großes Ferngeschütz, daneben eine Menge Munition. Jeder Soldat wäre im Stande, damit ins Elsaß zu schießen und großes Unheil anzurichten. Und dabei hatte man 5 Wochen Zeit, dieses Geschütz zu entfernen.
 
1918 Dezember 27: Mit dem Abbruch des Offizierskasinos der Sanka im Bob’schen Garten wurde heute begonnen. Gärtner Kähle läßt es neben seinem Wohnhaus wieder aufstellen. – Der Wagenpark auf dem Seelenmättle wird auf den Schutzrain zu den dort stehenden Wagen gebracht. – Das Feldregiment 142, das am 24. Dezember erwartet wurde und für das man die Triumphbogen erneuert und die Häuser geziert hat, soll erst am 8. Januar eintreffen. – Sergeant Hermann Müller, Bäcker, der seit Oktober vermißt wird, ist in englischer Gefangenschaft.
 
1918 Dezember 30: Der Oberleutnant (siehe 23. Dezember) hat seine Bergungsarbeiten in Krozingen begonnen. Es geht also auch ohne städtischen Vorschuß der Kosten. – Heute früh war in der katholischen Kirche Totenfeier für die Gefallenen mit Predigt und Seelenamt. – Vom Feldregiment 142 ist eine große Anzahl Leute im Weihnachtsurlaub; diese Soldaten kommen direkt aus dem Urlaub hierher und erwarten hier das Eintreffen ihres Regiments.

1919

1919 Januar 1: Nach den stillen Kriegssylvesternächten ist die heutige Neujahrsnacht sehr laut verlaufen. Kanonenschläge, angeblich von Minen, Schüsse, Umzüge der Soldaten mit Lampions, Leuchtraketen vom Schloßberg, dazu das Ableuchten des Himmels mit Scheinwerfern, dabei ein Lärm, der sich um Mitternacht um das Hundertfache verstärkte. Eine Beleuchtung der Burgruine mit Magnesiumfackeln, veranstaltet vom Bataillon, soll sehr schön gewesen sein.
 
1919 Januar 2: Gestern nachmittag fand im Kreuz eine Zentrumswahlversammlung statt, bei der es sehr stürmisch zuging, da dem Redner unter anderem hiesige und Freiburger Soldatenräte entgegentraten. – Die kath. Pfarrei reklamiert ihre vor 1 ½ Jahr abgegebene Glocke. Sie kam mit den anderen des Bezirks nach Kall in der Eifel. Auf dem Bezirksamt glaubt man aber, sie sei längst eingeschmolzen. Um sie zu reklamieren, habe ich heute eine Photographie und den Text der Umschrift gegeben.
 
1919 Januar 4: Der bei uns einquartierte Leutnant Fink ist nach Grunern gekommen, wo seine Maschinengewehrkompagnie liegt. Dagegen ist ein Feldwebel Weise vom Feldregiment 142 eingezogen. – Von diesem Regiment kommen übrigens nur 250 Mann, die anderen wurden teils entlassen, teils haben sie sich zum „Ostschutz“ anwerben lassen und kommen nach Döberitz. – Vom hiesigen Ersatzbataillon werden morgen die Jahrgänge 1896 und 1897 entlassen, so daß nur noch die Jahrgänge 1898 und 1899 hier bleiben.
 
1919 Januar 5: Wahl zur badischen Nationalversammlung. Die Beteiligung besonders der Frauen ist sehr stark, da das Zentrum sich mit Kontrollliste, Wahlurnen und Schleppern ins Zeug legt. Um 5 Uhr haben von 1120 Wählern bereits 900 abgestimmt. Wahllokal I, für Zivilpersonen, ist im großen, Wahllokal II, Militär, im kleinen Saal des Rathauses. Um 9 Uhr, eine Stunde nach beendeter Wahl, war bereits das Ergebnis bekannt. Es bildet insofern eine Enttäuschung, als die Zahl der bürgerlichen sozialdemokratischen Stimmen mit 299 zeigt, daß zweifellos viele Frauen sozialdemokratisch gewählt haben, weßhalb auch der Zuwachs des Zentrums hinter den Erwartungen zurückblieb. Es wurden hier abgegeben: Zentrum 426, Demokraten 239, Deutsch-Nationale 39, Sozialdemokraten 362 Stimmen: 97% der Wähler haben abgestimmt.
 
1919 Januar 7: Die 1. Compagnie (in Grunern) und die 2. Compagnie (hier) wurden heute nach Sulzburg verlegt, um dem Feldregiment 142 Platz zu machen, dessen Gepäck bereits hierher unterwegs sei. – Eine Munitionskolonne, die das Land herab kommt (50 Mann und 100 Pferde), sollte heute hier einquartiert werden. Auf Ersuchen des Bürgermeisters wurde sie aber nach Pfaffenweiler geleitet. – Um 12 Uhr kam sodann unangemeldet eine Batterie, die ebenfalls hier einquartiert sein wollte, sie mußte zurück nach Ballrechten. – Die Weinpreise, die im November von 500 auf 200 Mark zurückgingen, sind wieder in raschem Steigen. Letzte Woche galt der Ohm Neuer 450 Mark, heute wurden schon 550 geboten.
 
1919 Januar 9: Der Kommunalverband, der bisher seine Bureaux im Bezirksamt und im Schuster Künstle’schen Laden hatte, hat seine Räume jetzt in den 2. Stock der Brauerei Riesterer verlegt. Es arbeiten dort unter dem Geschäftsführer Ratschreiber Kienberger von Kirchhofen 10 Beamte. Die Oberleitung hat Revisor Hoch beibehalten. – Soldaten dekorieren mit Tannen und Tannenreis den Marktplatz, da übermorgen das Feldregiment eintrifft.
 
1919 Januar 10: Veranlaßt durch den Soldatenrat fand heute bei 2 „Schiebern“, dem Terminuswirt Grottentaler und einem ehemaligen „Flugwächter“, einem Pferdehändler aus Lugano, Haussuchung statt, wobei 5 neue Automobilreifen mit Armeebezeichnungen im Wert von je 500 Mark gefunden wurden. – Der bei uns einquartierte Feldwebel Weise siedelt morgen nach Sulzburg über, da seine Feldkompagnie dorthin kommt.
 
1919 Januar 11: Das Feldregiment 142 hat heute, Samstag Mittag, seinen Einzug gehalten, und das Ganze entwickelte sich bei herrlichem Wetter zu einem schönen Feste, an dem die ganze Einwohnerschaft teilnahm. Alle Häuser sind mit Kränzen und Guirlanden geschmückt und reich beflaggt. Zu den beiden Triumphbogen der Stadt haben die Soldaten noch den Marktplatz reich geschmückt durch 3 Triumphbogen; der Brunnen ist geziert und am Kornhaus haben sie eine große Tribüne errichtet. – Das Regiment, das nur noch 249 Mann mit 200 Pferden zählt, kam das Höllental herunter und heute von Littenweiler über Freiburg und durch das Hexental hierher. Um 10 Uhr fuhren die schon hier weilenden Regimentsmusiker mit den zur Verstärkung zugezogenen hiesigen Feuerwehrmusikern bis Ehrenstetten entgegen, und um 1 Uhr zog das Regiment mit klingendem Spiel und unter dem Läuten aller Glocken hier ein. Auf dem Marktplatz war der Gemeinderat, der Oberamtmann und die hiesige Garnison versammelt und an dem bei der Tribüne stehenden Büffet waren hiesige Fräulein zur Überreichung des Festtrunks bereit. – Namens der Stadt begrüßte der Bürgermeister Albert Hugard das Regiment, den Dank für den festlichen Empfang erstattete ein Major, die Festjungfrauen walteten dann ihres Amtes, in dem sie zuerst den Offizieren, dann den Soldaten den von der Stadt gespendeten Ehrentrunk überreichten. Seit Kriegsausbruch hatte das Regiment bei diesem Einzug zum ersten Mal seine Fahnen; ein Offizier hat sie gestern in Karlsruhe geholt. – Nach dem Empfang zogen die hierher bestimmten Soldaten (80 Mann) und jene für Grunern in die „Sanka“-Baracken zum Festmahl, während das andere Bataillon mit Musik nach Sulzburg weiterzog.
 
1919 Januar 12: Als zweites Fest des gestrigen Tages fand am Abend im Gasthaus „Zum Kreuz“ eine von der Stadt veranstaltete Begrüßungsfeier der hiesigen Kriegsteilnehmer statt, wozu der Gemeinderat alle Soldaten des Feldheers wie der heimatlichen Formationen eingeladen hatte. Des beschränkten Raumes wegen war die Feier auf die Soldaten beschränkt, wozu noch als mitwirkende Teilnehmer kamen die Musiker der Feuerwehr und die Sänger des „Liederkranz“; ferner waren anwesend der Gemeinderat, Oberamtmann, beide Pfarrer, der Kommandeur der 142er, der Major des Ersatzbataillons und der 1. Soldatenrat, Leutnant Bosse. Es waren im Ganzen 314 Personen. Die Mahlzeit, ein einfaches, der „Kriegszeit“ entsprechendes Nachtessen , bestand aus Suppe, Bratwürsten mit gemischtem Salat, Linzertorte und je 1 ½ Liter Wein. Es sprachen offiziell: Bürgermeister Hugard, Oberamtmann Arnsperger, Stadtpfarrer Casper, Pastor Haßler und Kaufmann Schreyeck (Dank der Krieger). – Der Regimentskommandeur der 142er hat schon heute dem Bürgermeister gesagt, er werde in seinem Regiment keinen Soldatenrat dulden, „auch wenn er darüber stolpern sollte“. Er werde den Leutnant Bosse kommen lassen und ihn darüber „aufklären“.
 
1919 Januar 14: Der Soldatenrat Leutnant Bosse kam heute aufs Rathaus und teilte mit, es seien 7 Spartakisten hier, die am nächsten Sonntag die Wahl zur Reichsnationalversammlung sprengen wollten. Er wolle auf dem Rathaus 2 Maschinengewehre aufstellen und durch eine Wache besetzen lassen. Der Bürgermeister hat dankend abgelehnt. Wohl eine Wichtigtuerei des hiesigen Soldatenrats. – Gestern kam in unser Offizierquartier an Stelle des nach Sulzburg versetzten Feldwebels Weise Leutnant Bertsch, der bisher im Pfarrhaus einquartiert war. – Zwei der bei uns einquartierten Soldaten sind nach Sulzburg gekommen in das dortige Batailon.
 
1919 Januar 16: Der Kriegsgewinn der Gebr. Himmelsbach in Krozingen (Freiburg) beträgt 17 Millionen Mark, dadurch hat sich unter anderem auch das Steuerkapital von Krozingen über jenes von Staufen erhöht. – Das hiesige kath. Pfarramt hat von der Bleihütte Kall die Nachricht erhalten, daß die im Sommer 1917 abgelieferte „kleine“ Glocke bereits eingeschmolzen sei und somit nicht zurückgegeben werden könne. – Einer Anregung des Volksrats folgend hat der Gemeinderat beschlossen, in sein Kollegium einen Arbeiter aufzunehmen, die Wahl fiel dabei auf den Mechaniker [Name fehlt] in der Gummifabrik Schelb.
 
1919 Januar 18: Nun hat der Soldatenrat doch für die morgige Wahl zur Deutschen Nationalversammlung ein Maschinengewehr aufs Rathaus gebracht. Ein Soldat stellte es heute abend im kleinen Rathaussaal auf. Es geschehe auf Befehl des Regiments und ein Unteroffizier müsse ständig „in unauffälliger Weise“ auf dem Rathaus sein. – Am 31. Januar werden die Heereslieferungen an Munition eingestellt. Fabrikant Hipp hat heute seinen Arbeitern erklärt, daß an diesem Tage die Granatendreherei und die Futtermühle ihren Betrieb einstellen und daß 16 Arbeiter dann entlassen werden.
 
1919 Januar 19: Die heutige Wahl zur deutschen Nationalversammlung ist ganz ruhig verlaufen. Die aufgeregten Wogen der Revolution haben sich ersichtlich besänftigt. Während bei der Badischen Wahl 94% gestimmt haben, waren es heute nur 81%, die Sozialdemokraten haben der vermehrten Zahl der Soldatenwähler entsprechend um 50 [Stimmen] zugenommen, die anderen blieben gleich.
 
1919 Januar 20: Das Regiment 142 versteigerte heute vormittag auf dem Schutzrain unter großem Zudrang der Käufer 81 Pferde.
 
1919 Januar 26: Das Regiment wurde heute benachrichtigt, daß es am 5. Februar nach Villingen verlegt werde, der Jahrgang 1898 wird noch von hier entlassen. – Vor 3 Tagen versuchten Soldaten, denen das neu angeordnete Exerzieren unbequem war, einen Demonstrationszug zu veranstalten. Der Oberstleutnant ließ aber kurzer Hand die Unterschriftensammler einsperren. Immerhin – so meinte der Oberstleutnant – sei er froh, wenn er nach Villingen versetzt werde, damit er dem Freiburger Soldatenrat aus den Augen komme.
 
1919 Januar 27: Zur Feier des Geburtstags des ehemaligen Kaisers hatten die Offiziere im Kreuz ein Festmahl, der 1. Soldatenrat Leutnant Bosse nahm auch daran teil und stimmte auch ein in das Hurrah auf Seine Majestät.
 
1919 Januar 30: Das unter einem Oberleutnant a.D. stehende Civil-Arbeitskommando ist hier in voller Tätigkeit. Die Gegenstände aus dem Amtsgefängnis wurden fortgeführt; in großen Autos werden viele Gewehre fortgeführt und auch die Sanitätsautos werden in transportfähigen Zustand gebracht. – Wegen der versuchten Soldatendemonstration (s.o. 26. Januar) verhörte heute den ganzen Nachmittag ein Kriegsgerichtsrat die Schuldigen. Da weht wieder ein anderer Wind! – In Pfaffenweiler wurde neuer Wein zu 700,- Mark je Ohm verkauft; 1 Zentner Heu gilt 45 Mark. Da ist von einem „Abbau“ der Lebensmittelpreise noch nichts zu merken.
 
1919 Februar 6: Der Abzug des Infanterie-Regiments 142 nach seiner neuen Garnison Villingen hat begonnen. Täglich marschiert 1 Compagnie, deren jede aber – nebenbei bemerkt – nur 20–25 Mann zählt, nach Freiburg, von wo aus sie mit dem Kurszug das Höllental hinauf befördert wird. Zuerst ziehen die Mannschaften des in Sulzburg liegenden Bataillons ab, dann jene zu Kirchhofen und Ehrenstetten und dann zuletzt das Staufener Bataillon mit dem Regimentsstab. Das Gepäck, besonders eine Unmenge Kleidungsstücke der Kammer, wird gegenwärtig mit der Bahn abbefördert. – Leutnant Bartsch, der bei uns einquartiert war, ist heute abgereist.
 
1919 Februar 10: Gestern und heute marschierten 2 Bataillone des Infanterie-Regiments 109 reich bekränzt durch Staufen. Sie sind auf dem Marsche von Schopfheim durch das Münstertal nach ihrer neuen Garnison Emmendingen.
 
1919 Februar 14: Auch das hiesige Bataillon des Inf.-Reg. 142 hat uns jetzt verlassen; zuerst verschwand der Regimentsstab und dann marschierten nach und nach die einzelnen Kompagnien, jeweils nur etwa 20 Mann, nach Schallstadt, von wo sie mit der Bahn nach Villingen fuhren. – Hiergeblieben ist eine Bewachungsabteilung von 24 Mann unter einem Feldwebel zur Bewachung des Munitionsdepots und der immer noch mit Heeresgut gefüllten Baracken der „Sanka“. – Von unseren 5 Mann sind 4 abgereist; einer gehört zur Wache.
 
1919 Februar 15: – An der Haustüre des wegen seiner Strenge gefürchteten Steuerkommissars Blansch hieng heute früh eine scharfgeladene Handgranate und ein Zettel, „Deine beiden Söhne sind zu Recht gefallen, wenn Du beim Steuer-Ab- und -Zuschreiben noch hier bist, wird Dich dasselbe Schicksal ereilen.“ Man hat einen Kriegsteilnehmer im Verdacht, dessen Vater „geschraubt“ wurde.
 
1919 Februar 18: Heute nacht wurde der Müller Hemmer aus Untermünstertal, der beim Kommunalverband zeitweilig arbeitet, mit seinem Sohne ertappt, als er aus der Turnhalle Frucht entwenden wollte. Der Militärposten sah, wie er mit einem Schlüssel – den er insgeheim hatte machen lassen – die Halle öffnete und hineinging. Der Posten gab 5 Alarmschüsse ab, worauf die herbeieilenden Wachen die Schelme faßten. – Ebenso wurde heute Nacht bei einem Taglöhner in Wettelbrunn ein ganzes Lager, ein großer Wagen, voll Militärgut, das er „gekauft“ hatte, ausgehoben. Er hatte es teils vergraben, teils in einem Gartenhaus versteckt.
 
1919 Februar 20: Der letzte Mann unserer Einquartierung kam heute auch weg, und zwar in den „Hirschen“, in ein neu gebildetes Massenquartier für die Wachmannschaft.
 
1919 März 1: Wegen des großen Wohnungsmangels wollen die Fräulein Escher das Bureauhaus der Kraftfahrer-Baracken pachten. Deshalb fiel schon jetzt die Entscheidung über das künftige Eigentum dieser Häuser. Es wurde heute mit einem Intendanturrat aus Freiburg eine Einigung erzielt. Gemäß des Pachvertrags hat die Stadt das Vorkaufsrecht. Erwirbt sie die Häuser aber nicht, so muß das Reich die Wiese wieder in den alten Stand setzen. Letztere, 40 ar groß, ist aber durch die vielen Bauten derart durchwühlt, daß die Wiederherstellungarbeiten auf 8000 Mark berechnet werden. Der Stadt gelang es infolge dieses für sie so günstigen Sachverhalts die vielen Häuser, einschließlich des 150 Meter langen Wagenschopfs auf dem Turnplatz, für das Spottgeld von 13.500 Mark zu kaufen. Die Genehmigung des Bürgerausschusses bleibe vorbehalten. – Bildhauer Emil Fürst, 36 Jahre alt, der im Feld erkrankte, ist am 28. Februar im Lazarett in Dürrheim gestorben. Er wird hier beerdigt werden. – Die Arbeitslohnunterstützung beziehen hier 12 junge Leute, meistens Bäcker und Friseure, sie erhalten wöchentlich 5 Mark.
 
1919 März 13: Auf Anfordern des Bezirksamts sollen heute 6 der hiesigen Arbeitslosen in Krozingen Schwellen laden, einer ist zur Arbeit erschienen, die anderen zogen vor, auf die Unterstützung zu verzichten. – In der heutigen Bürgerausschusssitzung wurde der Ankauf der Baracken (s.o. März 1) einstimmig genehmigt. Die Intendantur hat überraschenderweise von sich selbst aus den Übernahmepreis für die Stadt noch ermäßigt. Sie rechnete: Übernahmepreis: 13.350 Mark, ab 2 Jahrespacht à 200, 400 Mark, Wiederherstellungskosten 8000 Mark, so daß die Stadt also nur 4950 Mark zu bezahlen hat. Die Montagehalle soll vermietet werden, das Bureau (Offizier-) Haus kauft Frl. Escher mit der Verpflichtung, es zur Wohnung auszubauen, den Grund und Boden mietet sie für 10 Jahre von der Stadt im Erbbaurecht, da die Wiese im Eigentum der Stadt bleiben soll. Die anderen Häuser im nördlichen Teil der Anlage (ein 2-stöckiges Mannschaftshaus und der Küchenbau mit Kantine und Saal) sollen ebenso vermietet werden, die südlichen Häuser dagegen (Werkstätten, Kammergebäude) sollen auf Abbruch verkauft werden, ebenso natürlich auch der große Wagenschuppen auf dem Turnplatz.
 
1919 März 27: Der Gemeinderat hat heute beschlossen, Freiwilligen, die sich in die neu errichteten Bataillione melden, jeweils 100 Mark Handgeld zu gewähren. Es beabsichtigen 3 junge Leute, sich zu melden. (P.s.: Am 27. April, da ich dieses hier in das Buch eintrage, sind es bereits 6, die eingetreten sind). – Bei der gestrigen Versteigerung der zum Ausbau bestimmten Sanka-Baracken hat niemand geboten; die Kaufliebhaber, die die Stadt zu diesem Schrirt gedrängt haben, sind alle verschwunden. Der Gemeinderat hat deshalb heute beschlossen, vorläufig das Offiziershaus, das am Besten im Stand ist, zu 3 Wohnungen auszubauen. Kostenvoranschlag: 3000 Mark.
 
1919 April 1: Der militärische und finanzielle Zusammenbruch ist wohl die Ursache, daß in den letzten 2 Monaten sehr viele Wohnhäuser hier ihren Besitzer gewechselt haben; es wurden in den letzten 2 Monaten mehr Häuser verkauft als in 10 oder 20 Jahren. So im Bötzen die Gärtnerei Heimberger und das Landhaus Hennes, das letztere an den aus seiner Heimat vertriebenen Straßburger Universitätsprofessor Dr. Fillig; ebenso wird im Städtchen alles weggekauft, was nur feil zu machen ist. Zuzug aus den spartakistisch verseuchten norddeutschen Städten und Altdeutscher aus dem Elsaß, nicht minder das Bestreben, den gefährdeten Besitz an Kapital durch Liegenschaftsvermögen zu ersetzen, sind die Hauptursachen dieser Käufe und auch die Ursache, daß alles der Entwertung des Geldes entsprechend übertrieben teuer und durchweg mindestens das Doppelte des Friedenswertes bezahlt wird.
 
1919 April 2: Der Milchmangel ist infolge der schlechten Ablieferungen aus Grunern und Gallenweiler so groß, daß die gestern ausgegebenen Milchkarten nur noch auf 1/6 Liter lauten. – Seit gestern haben wir infolge des Streiks in Mülhausen keinen elektrischen Strom mehr, hoffentlich wird jetzt endlich die Kriegsleitung, die von Wyhlen aus diesseits des Rheins das Land herab zieht, mit den 3 Mülhausen-Badener Speiseleitungen verbunden, so daß wir nötigenfalls direkten Strom aus Wyhlen erhalten können. (P.s.: Während 8 Tagen hatten wir Wyhlener Strom.)
 
1919 April 3: In der heutigen Bürgerausschußsitzung wurde der Ausbau der Offizierbaracke einstimmig genehmigt. – In einem Keller des Munitionsschopfs (Steinmanns Bierkeller) entstand durch Unvorsichtigkeit eines mit Räumungsarbeiten beschäftigten Arbeiters ein Brand, der von den Leuten mit dem Hydranten gelöscht werden konnte. Angeblich sollen noch Handgranaten und Prismenpulver darin sein.
 
1919 April 5: Die Wachen der 142 sind jetzt eingezogen worden, da die meisten von ihnen mit der Auflösung des Regiments entlassen wurden. Es sind jetzt noch 12 Mann, Freiwillige, hier. Ein Mann steht jetzt nur noch bei den Baracken Posten. Der Munitionsschopf ist geräumt und aus den Schuppen und Baracken werden täglich mehrere Eisenbahnwagen Heeresgeräte fortgeschafft.
 
1919 April 28: In den letzten Wochen wurden von den Aufräumungsmannschaften die vielen Maschinengewehrwagen, die auf den Schutzrainmatten standen, fortgeschafft und gegenwärtig werden die Feldküchen in Eisenbahnwagen verladen, es waren deren etwa 80 Stück auf dem Schutzrain aufgestellt.
 
1919 Mai 13: Die Stadt versteigerte heute die zum Abbruch bestimmten Sanka-Baracken in vielen Abteilungen. Von dem großen Schuppen auf dem Turnplatz wurden in 13 Losen 7000 Mark, von 2 Gebäuden auf dem Schutzrain 6000 Mark erlöst.
 
1919 Mai 17: 6 Uhr nachmittags: Soeben bringen Reisende die Schreckensnachricht, Freiburg werde am nächsten Donnerstag (22. Mai) besetzt werden von den Franzosen. Die fremden Studenten reisen bereits in fluchtartiger Eile ab, die Garnison werde verlegt, die oberen Behörden wüßten mehr, sie verheimlichten es aber. – Schon gestern hat hier Oberamtmann Arnsperger unter dem Siegel größten Geheimnisses gesagt, er habe am Morgen den telegraphischen Befehl erhalten, sofort alle Akten, die sich auf Spionage in französischem Gebiet beziehen, zu vernichten. Diese Telegramme werden wohl mit der Freiburger Panik zusammenhängen.
 
1919 Mai 18: Die hiesigen Freiburger Gymnasiasten sind heute heimgekehrt, da von morgen an dort die Schulen geschlossen werden, den älteren Schülern wurde empfohlen, nach Baiern oder Württemberg zu gehen, damit sie nicht eventuell von den Franzosen nach Belgien verschleppt werden. Auch hier herrscht allgemeine Beunruhigung. – Bei der gestrigen ersten parteipolitischen Bürgerausschusswahl nach dem Proportionssystem wurden gewählt: 14 Zentrum, 12 Demokraten und 10 Sozialdemokraten. Letztere haben also schlecht abgeschnitten.
 
1919 Mai 20: An der Sparkasse herrscht ein großer Andrang von Leuten die ihr Geld holen wollen; eine Panik, zum ersten Mal in diesem Krieg. Der Kontrolleur Gangwisch sollte deßhalb heute von Freiburg 300.000 Mark holen, er brachte aber die Schreckensnachricht, daß die Banken kein Geld abgeben können, da die Reichsbank ihre Schalter geschlossen habe. Anscheinend hat letztere ihre Sachen bereits geflüchtet.
 
1919 Mai 22: Auf dem Turnplatz herrscht große Tätigkeit. Der lange Autoschuppen, der von der Brücke bis zur protestantischen Kirche sich erstreckte, wird abgebrochen; in einigen Tagen werden die letzten Spuren davon verschwunden sein. – Heute wurden die beiden Scheinwerferzüge, die über ½ Jahr auf der Schutzrainmatte standen, mit der Bahn fortgeschafft.
 
1919 Mai 24: Der Landeskommissär hat die Oberamtmänner aufgefordert, öffentliche Anschläge und Kundmachungen vorzubereiten für den drohenden Einmarsch der Franzosen. Es solle jeder Widerstand vermieden werden, ferner wurden Verhaltungsmaßregeln gegeben bei einer eventuellen Festnahme von Geiseln.
 
1919 Mai 25: Kriegspreise! Das Schinzel’sche Anwesen am Bötzen wurde an einen Hauptmann Hoffmann verkauft für 158.000 Mark. Für Heugras wird jetzt schon pro Morgen 1200 Mark erlöst (höchster Erlös im Frieden 1.50 Mark). – Die heutige erste Gemeinderatswahl brachte den bürgerlichen Parteien eine schmerzliche Überraschung: der Gemeinderat wird in Zukunft bestehen aus 4 Sozialdemokraten, 3 Demokraten und 3 Zentrum (erstere sind ihrem Beruf nach 1 Rechtsagent, 1 Landwirt und 2 Arbeiter). Wahlbeteiligung 85%.
 
1919 Juni 7: Neuer (1918er) Wein verkauft per Ohm zu 1200 Mark. Für Heugrad wurder per Ar geboten 22–25 Mark.
 
1919 Juni 15: Die Lebensmittelversorgung ist gegenwärtig sehr knapp. Die Unzufriedenheit darüber macht sich heute in einer vom sozialdemokratischen Verein einberufenen und stark besuchten Versammlung [Luft], in der die Entfernung der Geschäftsführer des Kommunalverbands und die Vorlegung der Geschäftsbücher in einer Resolution verlangt wurden. – Der hiesige Gendarm Schäfer, ein Häuptling des sozialdemokratischen Vereins, ist wegen Schleichhandels mit Schokolade und Seife in Untersuchung, er hatte Seife zu 16,- Mark pro Stück verkauft. Er hat um seine Dienstentlassung bereits nachgesucht.
 
1919 Juni 17: Die revidierten Friedenbedingungen werden bekannt. „Man muß sie halt annehmen“, heißt es resigniert.
 
1919 Juni 19: Seit 1914 zum ersten Mal wieder Fronleichnamsprozession, aber immer noch ohne Böllerschüsse. – Rechtsagent Erb, der Vorstand des hiesigen sozialdemokratischen Vereins, der in der Versammlung am 15. Juni (s.o.) behauptet hatte, Albert Gysler, der Leiter des Kommunalverbands, habe sich in seinem Amte auf Kosten anderer bereichert, musste heute im Wochenblatt einen „Widerruf“ erlassen.
 
1919 Juni 22: Heute abend wurde in der Buchdruckerei das Wolf’sche Telegramm angeschlagen, daß die Nationalversammlung den Friedensschluß genehmigt habe und daß der Frieden damit gesichert sei. Damit ist eine große Sorge von uns, die wir an der Grenze wohnen, genommen. Die Spannung war in den letzten Tagen, als es hieß, die Bedingungen könnten nicht angenommen werden, geradezu unerträglich, man hörte von nichts anderem mehr reden. Wegen der Gefahr der Besetzung sollen in den letzten Tagen von Freiburg alle Güterwagen, beladene und leere, fortgeschafft worden sein, darunter befinden sich auch 3 Güterwagen mit den Möbeln des neuen Oberamtmanns.
 
1919 Juni 23: Als heute früh die nur bedingte Annahme des Friedens durch unsere Regierung und deren Ablehnung durch die Entente bekannt wurde, kam neue Sorge und heute nachmittag herrschte eine Aufregung wie bei Kriegsbeginn. Um 6 Uhr abends kam endlich das Telegramm, daß die Regierung zum Unterzeichnen ermächtigt sei und ihm folgte um 7 ½ Uhr das zweite, daß um 4.40 nachmittags der Gesandte Haniel in Paris die Unterzeichnung angezeigt habe. Das Ende des Krieges ist also da, aber was für ein Ende.

Der Erste Weltkrieg in Staufen: Nachwort zur Hugard'schen Kriegschronik von Jörg Martin

Weinende Frauen auf den Straßen, unruhig umherlaufende Männer und lange Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften, so schildert der Staufener Chronist Rudolf Hugard nicht, wie man aus diesen Szenen annehmen möchte, das Ende des Ersten Weltkriegs 1918, sondern im Gegenteil den Anfang. 


Der Kriegsausbruch

Tatsächlich: von der viel geschilderten Kriegsbegeisterung in den ersten Augusttagen des Jahres 1914 war in Staufen ebenso wie in Baden überhaupt nichts zu spüren.[1] Lediglich Studenten und Honoratioren verbreiteten hierzulande patriotischen Überschwang; den Honoratioren, nämlich den Staufener Lehrern, ist es wohl zu verdanken, dass am 1. August 1914 ein Schülerumzug stattfand (Chronik Hugard, Eintrag vom 1.8.1914; im Folgenden wird bei Verweisen auf die Hugard’sche Chronik nur das Tagesdatum in Klammern angegeben). Immerhin, unter Teilen der jungen Männer scheint es doch Kriegsbegeisterung gegeben zu haben, denn rund 25 Staufener meldeten sich in den ersten Kriegswochen freiwillig zum Heer; der erst 17-jährige Sohn des Landwirts Gamp vom Bötzen entfernte sich heimlich von zu Hause, wurde gegen den ausdrücklichen Wunsch seiner Eltern angenommen, dann aber von seinem Vater in der Garnison wieder abgeholt (30.8., 9. und 26.12.1914).

Keine Kriegsbegeisterung, jedoch weinende Frauen und Hamstereinkäufe. Offenkundig war den Zeitgenossen nur zu bewusst, was der kommende Krieg bedeuten würde, und offenkundig verstanden sich die Badener als Einwohner einer besonders exponierten Frontzone. Dafür spricht der Bericht von Bürgermeister Albert Hugard, dem Bruder des Chronikschreibers, der noch am 31. Juli 1914 nach Basel reiste, um dort die Wertpapiere der Familie Hugard zu hinterlegen – so, wie es die Staufener seit Jahrhunderten in den Kriegen mit Frankreich getan hatten (31.7.1914). Hält man sich jedoch vor Augen, dass das Großherzogtum Baden 1914 keineswegs Grenzland war, da ja die Grenze wegen der Zugehörigkeit des Reichslands Elsaß-Lothringen zum Deutschen Reich rund 100 km weiter westlich verlief, so zeigt sich hier schon bei Ausbruch des Kriegs die in der Bevölkerung allgemein verbreitete Unsicherheit über die Zugehörigkeit Elsaß-Lothringens zu Deutschland, die sich wie ein roter Faden durch die gesamte Kriegszeit ziehen sollte. Zumindest war den Zeitgenossen völlig klar, dass einer der Hauptstöße eines französischen Angriffs sich sogleich gegen das Elsaß richten werde und man unbedingt mit der Rückeroberung des Elsasses zu rechnen habe. 

Drohende Besetzung Staufens

In der Tat führte ein erster Vorstoß französischer Truppen von Belfort in das Oberelsaß.[2] Rasch wurde ein Teil der Vogesen und der Rheinebene eingenommen, am 7. August Mühlhausen (Mulhouse), wo es in den folgenden Tagen zu einem schweren Gefecht kam, bei dem der erste Staufener, Karl Rinderle, fiel. Bürgermeister Hugard rechnete mit einem baldigen Einfall der Franzosen in das badische Gebiet, warnte vor vorschnellen Handlungen gegen die einmarschierenden Truppen und rief die Bevölkerung Staufens zur Besonnenheit auf. [3] In den Tagen um den 10. August gelang es jedoch den rasch verstärkten deutschen Truppen, die französischen Einheiten zurückzudrängen, schließlich wieder bis nach Belfort. Doch bereits im Frühherbst 1914 war im Elsaß wie auch an den anderen Abschnitten der Westfront die Phase des Bewegungskriegs vorbei und beide Seiten begannen, sich mit einem ungeheuren Truppen- und Materialaufwand einzugraben. Dafür wurden weitere starke Verbände in das Elsaß transportiert. Der Vogesenkamm wurde zur Front des Stellungskriegs; sein Symbol ist der in Staufens Sichtweite liegende Hartmannsweilerkopf mit dem bis heute erhaltenen ausgedehnten Graben- und Festungssystem.

Die Kämpfe im Elsaß boten den Staufenern ein eindrucksvolles Kriegspanorama. Vom Schlossberg sah man Geschützfeuer und Brände im Elsaß; im Städtle hörte man während des gesamten Kriegs das Grollen der Geschütze. Französische Flugzeuge tauchten auf, die über die Rheinebene flogen und heftig, jedoch erfolglos, beschossen wurden, und sie sollten immer wieder kommen.[4] Ihr Ziel war Freiburg, das bombardiert wurde, während man in Staufen das Spektakel der Flugzeuge und der wirkungslosen Flugabwehr gut beobachten konnte. Zur Vorwarnung Freiburgs richtete man im Herbst 1915 auf dem Staufener Schlossberg eine Flugwache ein (7., 15. und 22.10.1915).

Die überraschende Besetzung des Elsaß führte dazu, dass schon im September 1914 sehr viel mehr Truppen unter die Waffen gerufen wurden als ursprünglich vorgesehen.[5] Bereits Ende August 1914 waren etwa 120 Staufener eingezogen worden, davon die Hälfte verheiratet. Bis Kriegsende erhöhte sich die Zahl der dienenden Staufener auf rund 400 Männer; bei einer Einwohnerzahl von rund 1800 Menschen also etwa 20% der Bevölkerung. Nach dem Verschwinden der Männer wurde das Straßenbild von Frauen und Kindern beherrscht, wie zahlreiche Fotografien des Staufener Chronisten Rudolf Hugard zeigen. Für die Kinder wurde eine „Jugendwehr“ eingerichtet, die sich in paramilitärischen Übungen erging, was die Erwachsenen mit sehr gemischten Gefühlen sahen (25.10., 7.11. und 5.12.1914). In zahlreichen Familien kam es zu finanziellen Schwierigkeiten. Immer wieder musste die Stadt einspringen und gewährte den Familien eingezogener Soldaten wie auch den Kriegerwitwen zusätzlich zu den staatlichen Unterstützungsleistungen noch städtische Hilfen.[6]

Rückführung von Elsässern; Einquartierungen

Schon in den ersten Augusttagen 1914 begannen die bis weit nach Kriegsende fortdauernden Einquartierungen. Im August kamen zunächst Elsässer, und zwar sogenannte „Altdeutsche“, mit welchem Begriff man jene Familien bezeichnete, die nach 1871 in das Elsaß zugezogen waren und vor dem französischen Einmarsch flüchteten. Diese erste Welle von Flüchtlingen konnte in den Wirtshäusern untergebracht werden.[7] Nach der Rückeroberung des Elsasses kehrten sie in ihre Heimat zurück (15. und 27.8. sowie 14.9.1914). Kaum waren sie fort, wurde das Städtchen mit Truppen belegt, deren Einquartierungen sich bis 1919 fortsetzen sollten (20.9.1914). Die ersten Einheiten waren elsässischer Landsturm, den man, um ihn vor dem Zugriff der Franzosen zu bewahren, in Baden ausbildete, von wo er an die Ostfront geschickt wurde, da man die Elsässer für einen Einsatz an der Westfront für zu unzuverlässig hielt.[8]

Das Lazarett in der Kinderschule auf dem Rempart

Ebenfalls bereits in den ersten Tagen des Krieges kamen die ersten Verwundeten in das Hinterland. Auf Betreiben des Frauenvereins wurde in Staufen bereits Anfang August 1914 die Kinderschule am Rempart (heutige Jugendmusikschule) zu einem Lazarett eingerichtet. Die Einrichtung dieses Lazaretts erfolgte noch auf eigene Initiative, ohne Beteiligung des Militärs. Junge Staufenerinnen meldeten sich zum freiwilligen Pflegedienst, der Anfang September mit dem Eintreffen erster Verwundeter begann (11.8. und 2.9.1914). Anstelle der nun anderweitig genutzten Kinderschule richteten Staufener Honoratiorenfrauen eine neue Kinderschule im Schulhaus ein, um die Frauen der eingezogenen Soldaten zu entlasten. Nachdem die Lazarette vom Militär übernommen worden waren, wurde das kleine Staufener Lazarett Ende 1914 geschlossen (15.12.1914).[9]

Die erste Kriegswende: der Spätherbst 1914

Mit dem Ende des Bewegungskriegs zeichnete sich seit dem Spätherbst 1914 ab, dass der erhoffte kurze Feldzug einem langen Krieg weichen würde. Die Soldaten spürten dies deutlich. Aus den frisch angelegten Schützengräben der Vogesen schrieb der Tunseler Soldat Josef Klein im November 1914 entnervt: „Ich wäre bald froh, wenn der Krieg ein Ende hätte.“[10] Auch für die Menschen in der Heimat begann jetzt eine lange Zeit des Ausharrens, die geprägt war von der immer stärkeren Bewirtschaftung aller Güter des täglichen Lebens ebenso wie der Einbindung aller Kräfte in die Kriegswirtschaft.

Die Lebensmittelnot und der Kommunalverband

Im Januar 1915 waren die Lebensmittelvorräte Deutschlands verbraucht.[11] Baden, das auf die Einfuhr von Kartoffeln und Getreide angewiesen war, musste zunächst das Getreide bewirtschaften, dem sich rasch andere Lebensmittel anschlossen. Dazu gründete man im Januar 1915 auf der Ebene des Bezirksamts einen „Kommunalverband“, der die bewirtschafteten Lebensmittel den Gemeinden zuteilte, von denen sie dann unter den Kaufleuten ausgeteilt wurden. Diese verkauften sie zu festgesetzten Höchstpreisen an die Verbraucher, wenn die Gemeinden sie nicht gleich direkt ausgaben.[12] Fortan bestimmten der Lebensmittelbezug und ihre Verteilung einen Großteil der Arbeit von Stadtverwaltung und Gemeinderat ebenso wie das Leben der Menschen, wovon die Hugard’sche Chronik beredtes Zeugnis gibt. Der Kommunalverband wurde als Selbstverwaltungsorgan organisiert, dem der Oberamtmann vorstand, ihm zur Seite standen in dem Kollegium ein Vertreter der Bezirksgemeinden, ein Vertreter des Handels, ein Vertreter der Landwirtschaft und ein Vertreter der Vebraucher. Wegen des immer umfangreicher werdenden Tätigkeitsbereichs beschäftigte der Verband schließlich bei Kriegsende 10 Beamte und einen Geschäftsführer und war damit mit Abstand die größte Behörde Staufens (5.7.1918 und 9.1.1919).

Trotz der Eigenschaft als Selbstverwaltungsbehörde war keine Revision oder öffentliche Rechnungslegung vorgesehen, so dass das Geschäftsgebaren des Kommunalverbands angesichts der Wichtigkeit des Gegenstands für die Bevölkerung rasch in die Kritik geriet. Fragwürdig war sicherlich die allgemeine Praxis, dass man für die Arbeit des Verbands zwar, wie es ja zweckmäßig war, Fachleute einsetzte, diese aber hauptberuflich weiter ihren Geschäften nachgingen. So waren in Staufen der Müller Albert Gysler Geschäftsführer und der Kaufmann Hermann Rimmelspacher Büroleiter des Verbands, was notwendigerweise Bedenken hervorrufen musste. Noch 1915 bildete sich eine Vereinigung der Staufener Verbraucher, die gegenüber dem Kommunalverband ihre Interessen geltend machte.[13] Wegen der Unterschlagung von Käse kam es zu einem nicht näher beschriebenen „Schweizer-Käse-Krawall“ (21.5.1917), dem eine anonyme Plakataktion folgte (17.6.1917). Ähnliche Anfeindungen gab es nach der Revolution (18.11.1918 und 19.6.1919). Unter dem Vorzeichen des Hungers zeichnete sich hier die Erosion der kaiserzeitlichen Gesellschaftsordnung ab, denn Ziel des Krawalls und der Plakataktion von 1917 waren die staatlichen Beamten, an erster Stelle der Oberamtmann, für den die Ereignisse freilich vorerst keine Folgen haben sollten. Dagegen wurde die Stadtverwaltung durch den Kommunalverband aus dem undankbaren Gebiet der Lebensmittelversorgung herausgenommen. Bürgermeister Hugard und seine Mitarbeiter sahen sich daher keinen Angriffen ausgesetzt.

Darüber hinaus hatte der Kommunalverband auch die Ablieferung von Lebensmitteln bei den Erzeugern zu überwachen. So teilte der Verband beispielsweise für die Eierversorgung einen Teil der Biengener Bauern der Stadt Staufen zu. Staufen bestellte in Biengen eine Eieraufkäuferin, die die zugeteilten Bauern zu besuchen, die Eier zu einem festgelegten Preis aufzukaufen und nach Staufen zu liefern hatte.[14] Daneben kaufte die Stadt aber auch noch auf eigene Rechnung Lebensmittel zu und führte einen Markt mit Seefisch, der nicht bewirtschaftet wurde (6. und 15.11.1915).[15] Gar nicht so schlecht sah es bei der Kartoffelversorgung aus, bei der die Stadt regelmäßig Überschüsse erwirtschaftete, die sie abgeben konnte (vgl. etwa 16.4.1915 oder 24.5.1918).

Sammlungen

Für die vom Heer dringend benötigten Metalle fanden Sammlungen statt. Rudolf Hugard berichtet mehrfach von den Messing-, Bronze- und Kupfersammlungen, bei denen auch historisch wertvolle Gegenstände in die Schmelze wanderten. In zunehmenden Maße wurden Kinder für die Sammlungen eingesetzt, von denen man sich anscheinend einen besonders guten Zugang zu den sorgsam gehüteten Schätzen der Haushalte erhoffte. So sammelte die „Jugendwehr“ 1915 Metall in der Stadt (25.3.1915). Im März 1915 rief die Lehrerin Brandenstein ihre Erst- und Zweitklässler zur Goldsammlung in den elterlichen Haushalten auf – mit beachtlichem Erfolg, denn es kamen Objekte im Wert von 800 Mark zusammen.[16] Ausführlich berichtet Hugard dagegen von der Rettung der Kirchenglocken der Stadtpfarrkirche St. Martin, von denen die drei ältesten aus dem Jahr 1686 nicht abgeliefert werden mussten, sondern lediglich eine Glocke aus dem Jahr 1842 (Einträge 1917). Schlimmer traf es die Evangelische Kirchengemeinde, die von ihren drei anlässlich des Kirchenneubaus Ende des 19. Jahrhunderts neu angeschafften Glocken zwei abgeben musste (27.6.1917).[17]

Kriegsgefangene

Dass Staufen im Vergleich zu anderen Städten gleichwohl vergleichsweise gut dastand, hatte es seiner Lage in einem fruchtbaren landwirtschaftlichen Umfeld ebenso zu verdanken wie dem weit gestreuten Landbesitz der Staufener selbst, der den Einwohnern in großem Umfang die Selbstversorgung ermöglichte. Während 1914 der Krieg erst nach dem Einbringen der Ernte begonnen hatte, fehlten allerdings 1915 die dringend benötigten Arbeitskräfte für das Einbringen der Ernte. Beim Weinbau führte dies dazu, dass man offenbar einen Teil der Reben stilllegte oder sogar rodete (29.3. und 2.4.1918), obwohl Wein während des Kriegs ein sehr begehrtes Gut war (Einträge passim). Für die Ernte der lebenswichtigen Güter musste man dagegen eine andere Lösung suchen. Daher beantragte die Stadt eine Abteilung russischer Kriegsgefangener, das seit dem Juni 1915 in Staufen für landwirtschaftliche Arbeiten eingesetzt wurde (19.3.1915 folgende).[18] Doch wurden die Gefangenen, für die man im Gasthaus „Krone“ ein Lager eingerichtet hatte, auch nach dem Ende der Ernte in Staufen zurückgehalten.[19] Die Gefangenen erhielten Arbeitslohn, den sie aber wohl teilweise für Kost und Unterbringung wieder abzugeben hatten. Überlegungen der Landwirte und Rebbesitzer, dass die Stadt die Lohnkosten zu übernehmen habe, wurden vom Gemeinderat zwar zurückgewiesen, doch zahlte die Stadt schließlich die Unterbringungskosten in der „Krone“ und die Löhne der Wachmannschaft.[20]

Wie überall, wurden diese russischen Kriegsgefangenen im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg wohl überwiegend gut behandelt in der Art, wie man landwirtschaftliche Hilfskräfte auch in Friedenszeiten behandelt hätte.[21] Dafür spricht in Staufen vor allem das anrührende Grabdenkmal auf dem Friedhof, dass man dem bei Landwirt Hermann Schelb beschäftigten russischen Kriegsgefangenen Chariton Potapenko setzte, der durch Blitzschlag getötet wurde (12. und 14.6.1917).

Bei Kriegsende kam es daher zu keinen Racheakten oder auch sonstigen Ausschreitungen. Die Kriegsgefangenen aus der Ukraine konnten schon nach dem Abschluss des Sonderfriedens der Mittelmächte mit der Ukraine im Februar 1918 in ihre Heimat zurückkehren (20.2.1918). Den russischen Kriegsgefangenen wurde im Mai 1918, nach dem Friedensschluss von Brest-Litowsk, volle Bewegungsfreiheit gegeben, zu freien Arbeitern wurden sie jedoch erst nach der Revolution im November 1918 (6.5.1918).[22] Sie arbeiteten anscheinend aber noch weiter bei ihren Arbeitgebern, doch erst Ende Dezember 1918 wurden die Russen über Sammellager wieder in ihre Heimat zurückgeführt (3.12.1918). Daneben waren in Staufen 6 französische Kriegsgefangene eingesetzt worden, von denen fünf im Mai 1918 die Nähe zur Front ausnutzten und flohen (6.5.1918).[23] Insgesamt dürften sich in Staufen während des Kriegs etwa 20–30 Kriegsgefangene aufgehalten haben.

Erheblich größere Mengen an Kriegsgefangenen, mehrere hundert, wurden beim Bau der Eisenbahnlinie in das Münstertal eingesetzt. Dieses in der Vorkriegszeit geplante und schon begonnene Eisenbahnbauwerk konnte bis zum 1. Mai 1916 fertiggestellt werden, als man die Linie ohne jede Feierlichkeit eröffnete.[24] Der Zweck der Bahnlinie und damit der Grund, dass man den Bau überhaupt fertigstellte, lag vor allem in der Erschließung der großen Holzvorräte des Münstertals, weshalb auch Etzenbach einen gut ausgebauten Haltepunkt erhielt. Mit der Eisenbahn konnte neben der Holzverladung auch eine Seidenspinnerei in Untermünstertal an die Bahn angeschlossen werden.

Holzeinschlag

Der große städtische Holzbesitz war neben der ertragreichen Landwirtschaft der zweite wesentlich Grund, der Staufen ein vergleichsweise glimpfliches Kriegsschicksal ermöglichte. Durch fortlaufende außerordentliche Holzhiebe konnte die Stadt vier Jahre lang große Beträge zu den Kriegsanleihen zeichnen und auch sonstige Aufwendungen abdecken. Das Holz wurde in der Regel an die beiden großen Krozinger Holzwerke abgegeben, an die Firma Zimber, die Gewehrschäfte herstellte, oder an die Zweigfabrik der Freiburger Firma Gebrüder Himmelsbach, die in Krozingen in einer „Kyanisieranstalt“ imprägniertes Holz für Eisenbahnschwellen, Gruben- und Schützengänge oder Telegraphenmasten fertigte. Aber auch das Staufener Sägewerk Lang und ein Untermünstertäler Betrieb vertrieben das Staufener Holz.

Kriegsgewinnler

Obgleich gegen Kriegsende sämtliche Waren auf der Verbraucherseite nach Menge und Preis bewirtschaftet wurden und dementsprechend knapp waren, zahlte das Reich auf der Herstellerseite normale bis gute Preise für die vom Militär benötigten Waren. Die dafür benötigten ungeheuren Geldsummen wurden über die von Hugard fortlaufend erwähnten Kriegsanleihen aufgebracht. Firmen, die wie die holzverarbeitenden Betriebe kriegswichtige Güter herstellten, konnten daher erhebliche Gewinne erzielen, was in der Bevölkerung verständlichen Neid erweckte (vgl. etwa 14.3.1918 oder 16.1.1919). Wer hingegen keine kriegswichtigen Waren herstellte oder keine Rohstoffe mehr erhielt, musste, wie etwa die Lederfabrik Bob oder die Tuchfabrik Groschupf, den Betrieb einstellen; ganz abgesehen von den Betrieben, deren Inhaber 1914 oder später zum Heeresdienst eingezogen worden waren (12.4.1915). Wegen der Stilllegungen kam es zu einem plötzlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit, die jedoch mit dem Aufblühen der Kriegsbetriebe schnell beseitigt wurde.[25] Dabei herrschte in den ersten Kriegsjahren noch grundsätzlich ein freier Arbeitsmarkt, der erst mit dem Hilfsdienstgesetz Ende 1916 aufgegeben und durch staatliche Arbeitszuweisungen ersetzt wurde (vgl. 20.4.1917).

Zu den größten Kriegsgewinnlern zählte in Staufen die Firma Hipp an der Albert-Hugard-Straße, die Anfang 1915 in die Fertigung von Geschosshülsen einstieg und sich damit bedeutende Heeresaufträge sichern konnte (8.2.1915).[26] Von Haus aus eine „Gummiwarenfabrik“ zur Fertigung unter anderem von Schläuchen stellte Hipp auf einen metallverarbeitenden Betrieb um und erwarb die dafür notwendigen Maschinen (21.8.1915). Die Zahl der Arbeitskräfte stieg auf rund 80 Personen, davon über die Hälfte Arbeiterinnen, die im Schichtbetrieb arbeiteten (21.8.1915 und 7.8.1917), was es in Staufen bis dahin noch nicht gegeben hatte. Ende 1916 kehrte Hipp mit dem Neubau eines weiteren Fabrikwerks in der Albert-Hugard-Straße, wo er Altgummi verarbeitete, zur Gummiherstellung zurück und fertigte Gummisohlen (2.9.1917). Schon Ende 1917 wurden die Mahlwerke der Gummifabrik jedoch anscheinend nur noch für das Vermahlen von Viehfutter benutzt (6.12.1917, 6.10.1918 und 18.1.1919). Überhaupt war dem Werk im Herbst 1917 aus bislang unbekannten Gründen die Stilllegung angedroht worden, die jedoch abgewandt werden konnte (2. und 6.9.1917). Beide Werke haben anscheinend fantastische Gewinne erzielt, die es Hipp erlaubten, nicht nur riesige Summen zu den Kriegsanleihen zu zeichnen, sondern auch seinen Arbeitern hervorragende Löhne zu zahlen (23.3.1917), und zwar noch über den Waffenstillstand im November 1918 hinaus bis in den Januar 1919 (18.1.1919). Erfolgreich war auch die sogenannte „Patent-Schuhkappensteifefabrik“ des Fabrikanten Rusch, die auf die Fertigung von Schuhsohlen und Gasmasken umstieg (12.4.1915, 19.1. und 12.2.1917, 11.7.1917, 2.9.1917). Auch Rusch konnte hohe Beträge als Kriegsanleihe zeichnen (9.4.1917).

Das Kriegsende

Schon zu Kriegsbeginn keineswegs jubelnd, war die Stimmung der badischen Bevölkerung nach dem Festlaufen der Offensive im Westen seit dem Spätherbst 1914 ebenso wie bei den Soldaten gedrückt, nur aufgehellt durch gelegentliche Siegesmeldungen, die mit Beflaggungen der Häuser und, seit dem Sommer 1915 zur Verstärkung der Wirkung, mit Glockengeläut gefeiert wurden (3.6.1915). Gleichwohl verpuffte deren Wirkung in dem sich fortquälenden Krieg jedoch schnell (vgl. beispielsweise 19.5. und 6.12.1916). Die 1918 von einquartierten Truppen „zur Hebung der Stimmung“ veranstalteten Platzkonzerte wirkten da bestenfalls kosmetisch (12.1.1918, dort auch das Zitat). Spätestens 1917 muss allgemein der Eindruck eines verlorenen oder jedenfalls nicht gewinnbaren Krieges eingekehrt sein. Dazu trugen neben der schlechten Versorgungslage vor allem die Maßnahmen der militärischen Führung bei.

Im Februar 1917 wurde der Amtsbezirk Staufen Etappengebiet und wurde fortan vor allem in Staufen sowie entlang der Bahnlinie in Krozingen und Heitersheim mit zahlreichen Truppeneinheiten belegt (21. und 25.2.1917).[27]  Von nun an prägten noch viel mehr als zuvor Soldaten das Stadtbild (21. und 25.2.1917). Ende 1917 wurden ein „Rekrutendepot“ sowie der „Württembergische Sanitätskraftwagenpark No. 16“ in Staufen untergebracht. Für die Automobile dieser Einheit, die aus Neu-Breisach zurückverlegt worden war, wurden in aller Eile große Baracken auf dem Schießrain zusammengezimmert (16. und 28.2.1918). Gasthäuser und Privatwohnungen waren ebenso wie die stillgelegte Bob’sche Fabrik mit Soldaten belegt. Dabei kam es anscheinend aber zu keinen Spannungen mit der Bevölkerung, wie sich überhaupt die Truppen trotz der starken Belegungen überwiegend friedlich verhielten, wenn man von kleineren Übergriffen wie Diebstählen, aber auch einer Brandstiftung absieht (3.11.1917 und 13.2.1918).

Von der Bevölkerung wurde die Einquartierungen offenkundig als Vorzeichen für das Ende des Kriegs gedeutet, da man die Truppenbelegung der rechtsrheinischen Gebiete als Rückzug aus dem Elsaß deutete (vgl. etwa 6.6.1917 folgende). Bereits im März 1917 soll von den Behörden die Räumung des Elsaß vorbereitet worden sein (9.3.1917 folgende); tatsächlich kamen noch im gleichen Monat Insassen eines Altersheims von Altkirch nach Staufen (21.3.1917 und 23.11.1918).

Mit dem offensichtlichen Truppenrückzug erreichte die Stimmung der Bevölkerung einen Tiefpunkt. Nur kurzzeitig hellte sich die Atmosphäre beim Eintreffen der Nachrichten von dem Friedensvertrag mit Russland auf (10.2.1918). Da der Friedensvertrag jedoch nicht den ersehnten Frieden oder auch nur spürbare Erleichterungen brachte, kehrte bald wieder Niedergeschlagenheit ein. Im Sommer 1918 hielt die Spanische Grippe ihren Einzug, setzte sich in Wellen bis in den Winter 1918/19 fort und forderte mehrere Todesopfer unter den Erwachsenen (17.7.1918 folgende).

Seit dem Juli 1918 druckte das „Staufener Wochenblatt“ nicht mehr nur den deutschen Heeresbericht, sondern auch jene der Westmächte ab, aus denen sich die militärische Niederlage – zumal nach dem „schwarzen Tag des deutschen Heeres“ (Ludendorff) am 8. August – in aller Deutlichkeit abzeichnete.[28] Anfang Oktober 1918 war das Flehen der OHL um einen sofortigen Waffenstillstand bis nach Staufen durchgesickert (5. und 8.10.1918). Den Zeitgenossen war darüber hinaus offenkundig völlig klar, dass der Waffenstillstand das Ende der Monarchie mit sich bringen würde (13.10.1918). Auch in den Augen der Staufener hatten die alten Eliten, wie sich zuerst beim „Schweizer-Käse-Krawall“ 1917 gezeigt hatte, vollständig abgewirtschaftet. Zugunsten von Kaiser und Großherzog rührte sich kein Finger.

Die Novemberrevolution

So bestätigte die Novemberrevolution im Grunde nur längst Erwartetes und wurde in Staufen zu einem vergleichsweise unspektakulären Ereignis, das überhaupt nicht aufgefallen wäre, wenn nicht immerhin die Soldaten einen Soldatenrat gebildet hätten (10.11.1918).[29] Dieser entfaltete jedoch kaum Tätigkeiten (vgl. auch 15.11.1918), zumal die in den Rat Gewählten bald entlassen wurden (22.11.1918, siehe ferner 13.12.1918). Schon nach rund vier Wochen verschwanden die revolutionären roten Fahnen wieder aus dem Stadtbild, ebenso wie die roten Abzeichen, die sich die Soldaten angelegt hatten (13. und 15.12.1918).

Über einen anscheinend daneben zu einem unbekannten Zeitpunkt gebildeten Bauernrat ist außer der Tatsache seiner Existenz nichts bekannt; die Arbeiterschaft bildete dagegen keine Rätevertretung.[30] Stadtrat und Bürgermeister konnten ebenso wie der Kommunalverband ihrer Arbeit wie bisher weiter nachgehen. Das Gerücht von irgendwelchen Spartakisten, die angeblich das Rathaus besetzen wollten, konnte Bürgermeister Hugard lässig übergehen (14.1.1919). Gleichwohl wurde auf staatliche Veranlassung eine „Volkswehr“ gebildet (16. und 19.11.1918), die aber nur zögerlich zustande kam. Immerhin wurde ihr zeitweise die Aufsicht über ein Munitionsdepot an der Kirchhofener Straße übertragen; ansonsten erschien sie nicht weiter und löste sich wohl stillschweigend auf (20.11.1918).

Viel Sorgfalt verwandte die Stadt auf die Begrüßung der von der Front zurückkehrenden Soldaten. Zu einem großen Fest wurde der Empfang des Regiments 142 sowie der heimgekehrten Staufener Soldaten (11.1. und 12.1.1919). Andeutungsweise entwickelte sich dabei schon der in der Weimarer Republik verhängnisvoll nachwirkende Eindruck von der angeblich ungeschlagenen Armee, etwa wenn die Frontsoldaten in Staufen in neuen Uniformen erschienen (16.11.1918), die Disziplin in besonderer Weise aufrecht erhielten (26. und 30.1.1919) oder die Offiziere Kaisers Geburtstag feierten (27.1.1919).

Doch geprägt war die Revolutionszeit in Staufen vor allem von dem Rückmarsch des Heeres. Unmittelbar nach dem Waffenstillstand flutete das deutsche Heer in die Heimat zurück, unter zum Teil chaotischen Verhältnissen (9.11.1918 folgende). Eine Unmenge von Soldaten, Fahrzeugen und Material fuhr durch das Städtchen; ein Teil des Heeresguts wurde sofort vor Ort zu Kasse gemacht (vgl.etwa 16.11.1918). Die in Staufen einquartierte Sanitätskraftwagenabteilung lieferte ihre Fahrzeuge an Frankreich ab (25.11.1918 folgende). In einem Bierkeller an der Kirchhofener Straße wurde ein Munitionslager eingerichtet, das zeitweise die Stadt zu betreuen hatte (16.11.1918 folgende). Staufen geriet für kurze Zeit in eine besondere Lage, als bekannt wurde, dass nicht nur das Elsaß abgetreten, sondern auch auf der rechten Rheinseite eine 10 Kilometer breite entmilitarisierte Zone einzurichten war, die vor allem den alten Kasernenstandort Müllheim betraf.[31] So wurden Truppen und das gesamte Material des in Müllheim stationierten Regiments 142 zurückgeführt, davon zumindest ein Teil nach Staufen, bis das Regiment eine neue Kaserne in Villingen zugewiesen erhielt (2.12.1918 folgende). Mit dem Abzug der letzten Soldaten dieser Einheit und der Auflösung der Materiallager im April 1919 kehrte in der Stadt endgültig wieder das Zivilleben ein.

Trotz Niederlage und Revolution wurden der Abschluss des Waffenstillstands und das damit einhergehende Ende des Kriegs mit großer Erleichterung aufgenommen, es herrschte in den ersten Tagen „frohe Stimmung“ (16.11.1918, dort das Zitat). Dem Eindruck einer gelösten Atmosphäre entsprechen die Anekdote von den Staufener Jungen, die an den Rhein radelten, um auf der anderen Uferseite farbige Soldaten sehen zu können (25.11.1918), oder der Bericht von der ausgelassenen Silvesterfeier 1918 (1.1.1919).[32] In der Folge kam es bei den Wahlen zur Badischen und zur Deutschen Nationalversammlung wie im ganzen Land zu einer Bejahung der gemäßigten Revolution, wie sie das Zentrum, die Liberalen und die Sozialdemokratie vertraten (5. und 19.1.1919).

Nachkriegszeit

Unmittelbare Folge des Krieges war die in den letzten Kriegsjahren nur mit Mühe im Zaum gehaltene Geldentwertung, die zu einem Sturm in die Immobilien führte (2.8.1918). Zugleich wurde jedoch Geld zurückgehalten, so dass es zu einer großen Geldknappheit kam (27.10.1918). Diese veranlasste die Stadt Staufen wie viele andere Gemeinden noch Ende Oktober zum Druck eines Notgelds, das ab Dezember 1918 ausgegeben wurde (2.11. und 14.12.1918).[33]

In der Nachkriegszeit herrschte in ganz Deutschland eine sehr hohe Wohnungsnot, ausgelöst zum einen von einer hohen Bevölkerungsmobiliät sowie zum anderen von der Flucht der Kapitaleigner in Immobilienwerte, die bereits während des Kriegs eingesetzt hatte (2.8.1918, ferner 25.5.1919). Außerdem mussten in der unmittelbaren Nachkriegszeit zumindest zeitweise zahlreiche „altdeutsche“ Familien aufgenommen werden, die aus dem Elsaß vertrieben worden waren.[34] Glaubte der Staufener Gemeinderat zunächst, dass wegen fehlender Industrie eine Wohnungsnot nicht zu befürchten sei,[35] musste er rasch das Gegenteil erkennen. In einem ersten Schritt erwarb die Stadt daraufhin die Baracken der Sanitätseinheit auf dem Schießrain und vermietete einen Teil als Wohnungen (13.3.1919).[36] Noch bis zum Ende der 1920er Jahre prägten dieses Barackenwohnungen das Bild des Schießrains.[37] 1920 kaufte die Stadt das eingegangene Gasthaus „Badischer Hof“ in der Hauptstraße und baute es zu Wohnungen um, ebenso wie das Obergeschoss des städtischen Kornhauses.[38] Schwieriger gestaltete sich der dringend notwendige Neuwohnungsbau. Anfänglich schien diesen, wie in vielen Städten, eine neu gegründete Baugenossenschaft in die Hand nehmen zu können, was aber aus unbekannten Gründen nicht gelang.[39] So nahm die Stadt die Sache dann selber in die Hand, kaufte vom Staat die große „Herrenmatte“ an der Krozinger Straße und errichtete dort 1921–1925 vier Mehrfamilienhäuser sowie zwei Doppelhäuser in der späteren Heubachstraße.[40]

Schon früh bemühte sich die Stadt um das Gedenken an die 75 gefallenen Soldaten aus Staufen.[41] Bereits Ende 1920 konnte man ein von dem Bildhauer Roderich Jerusalem gestaltetes Ehrenmal auf dem Friedhof einweihen. Das Ehrenmal zeigt einen trauernden Engel, der mit ausgebreiteten Armen ähnlich einer Schutzmantelmadonna die Tafeln mit den Namen der Gefallenen umfängt. Das Denkmal bildete damit eine berührende Geste des Mitgefühls für die Hinterbliebenen, wobei man auf jegliche christliche Zeichen ebenso verzichtete wie auf staatliche Symbole wie Adler, Eisernes Kreuz oder Löwe.[42] Während ersteres allgemein üblich war, da offenkundig der Sinn für das Religiöse in den Schützengräben verloren gegangen war, ist letzteres eine Besonderheit des Staufener Denkmals. Bei der Einweihung gab Bürgermeister Albert Hugard eine Deutung des schrecklichen Kriegsgeschehens und der deutschen Niederlage fernab jeglicher Legendenbildung. Ursache des verlorenen Kriegs seien die „Nervenzerrüttung der Heimat“ sowie die „Übermacht der Feinde“ gewesen.[43] Mit dieser ausgewogenen und nüchternen Schilderung, die nichts an der Niederlage beschönigte, öffnete Hugard den Staufenern einen Weg in eine neue Zeit, die die Gefallenen nicht vergessen sollte, aber leidenschaftslos sich den neuen Herausforderungen zu stellen habe.

Jörg Martin, Stadtarchiv Staufen



Zitierte und weiterführende neuere Literatur:

Brüning, Rainer (Hrsg.): Menschen im Krieg 1914–1918 am Oberrhein, Stuttgart 2014
Chickering, Roger: Freiburg im Ersten Weltkrieg, Paderborn u.a. 2009
Hinz, Uta: „Was für bange Stunden“ – Kriegsbeginn 1914 in der südbadischen Grenzregion Lörrach, in: Robert Neisen, Markus Eisen (Hrsg.): Der Erste Weltkrieg am Oberrhein, Freiburg 2015, S. 19–38
Kuhn, Daniel: Als der Krieg vor der Haustür stand: Der Erste Weltkrieg in Baden und Württemberg, Tübingen 2014
Müller, Klaus-Peter: Politik und Gesellschaft im Krieg: Der Legitimitätsverlust des badischen Staates 1914–1918, Stuttgart 1988
Schmidgall, Markus: Die Revolution 1918/19 in Baden, Karlsruhe 2012 (Diss. phil. Würzburg 2010)
Winterhalter, Brigitte: Mit Gott für Kaiser und Reich: eine Tunsler Familie und die Dorfgemeinschaft in schwerer Zeit (1914–1918), o.J. [um 2005]
 
 

[1] Kuhn, Als der Krieg, S. 29–32. Vgl. für Lörrach: Hinz, Kriegsbeginn 1914.
[2] Kuhn, Als der Krieg, S. 48 – 51.
[3] Stadtarchiv Staufen, N 269.
[4] Vgl. zum Folgenden Kuhn, Als der Krieg, S. 93–99.
[5] Zur auch von Hugard verwendeten Begrifflichkeit: Das Heer unterteilte sich in drei große Abteilungen: die einsatzbereiten Truppen, die Landwehr (Dienstpflichtige im Alter von ca. 22 – 39 Jahren) und den Landsturm (Dienstpflichtige im Alter von 39 – 42 Jahren).
[6] Vgl. beispielsweise StadtA Staufen, Gemeinderatsprotokolle vom 13.8.1914 (Sparkassenüberschüsse für die Familien eingezogener Soldaten) oder vom 15.4.1915 (Geldgeschenk der Stadt an Famlien eingezogener Soldaten).
[7] StadtA Staufen, C 673.
[8] Diese Einquartierung geschildert von Franz Dufner in: Das Rathaus vom 1. März 1959.
[9] Vgl. auch StadtA Staufen, N 172 (Protokollbuch des Männerhilfsvereins) sowie ebd., Gemeinderatsprotokoll vom 17.12.1914 zur Wiedereröffnung der Kinderschule zum 1.1.1915.
[10] Winterhalter, Mit Gott, S. 21.
[11] Zum Folgenden vgl. Kuhn, Als der Krieg, S. 113 – 123.
[12] Zu den Kommunalverbänden: Müller, Politik und Gesellschaft im Krieg, S. 265–282.
[13] Belegt in StadtA Staufen, Gemeinderatsprotokoll vom 25.11.195.
[14] StadtA Staufen, Gemeinderatsprotokoll vom 6.3.1917.
[15] StadtA Staufen, Gemeinderatsprotokoll vom 4.11.1915 und weitere Einträge.
[16] Staufener Wochenblatt vom 11.3.1915.
[17] StadtA Staufen, C 810–811.
[18] StadtA Staufen, Gemeinderatsprotokoll vom 18.3.1915 und folgende.
[19] StadtA Staufen, Gemeinderatsprotokoll vom 1., 10. und 22.6.1915.
[20] StadtA Staufen, Gemeinderatsprotokoll vom 13.1.1916.
[21] StadtA Staufen, Gemeinderatsprotokoll vom 2.1.1918 merkt aus unklaren Gründen an, dass der Einsatz der russischen Kriegsgefangenen für Waldarbeiten sich nicht bewährt habe. Zu den Kriegsgefangenen allgemein: Kuhn, Als der Krieg, S. 83 – 90.
[22] StadtA Staufen, Gemeinderatsprotokoll vom 28.11.1918.
[23] StadtA Staufen, Gemeinderatsprotokoll vom 11.7.1918 (Verfahren gegen Arbeitgeber wegen angeblicher Fluchterleichterung eingestellt).
[24] Döpner, Deutsche Eisenbahn-Betriebs-Gesellschaft, Gülzow 2002, S. 27–28.
[25] StadtA Staufen, Gemeinderatsprotokoll vom 6.8.1914 (genügend arbeitslose Gewerbearbeiter hier) und vom 14.1.1915 (keine Arbeitslosigkeit mehr in Staufen).
[26] Vgl. auch Hermann Schäfer, Regionale Wirtschaftspolitik in der Kriegswirtschaft, Stuttgart 1983, S. 235 (Angabe des Auftragsvolumens der Firma Hipp in den ersten fünf Monaten des Jahres 1917).
[27] Die offizielle Verordnung erschien anscheinend erst im April: Stiefel, Geschichte Badens, Bd. 1, S. 314.
[28] Staufener Wochenblatt, anscheinend erstmals in der Ausgabe vom 20.7.1918.
[29] Zur Revolution in Baden allgemein Schmidgall, Revolution.
[30] StadtA Staufen, Gemeinderatsprotokoll vom 21.11.1918. – Die städtischen Akten über die Rätevertretungen mussten 1938 an den „Sicherheitsdienst“ der SS in Karlsruhe abgegeben werden, der sie zur Verfolgung des in der Kriegschronik genannten Dr. Sprauer nutzte: StadtA Staufen, C 152. Von dort kamen sie offensichtlich nicht mehr zurück. Anscheinend ließ sich der SD zur Verfolgung Sprauers auch die Hugard’sche Chronik aus dem Generallandesarchiv Karlruhe vorlegen, wie Unterstreichungen und Vermerke in der Chronik zeigen (Einträge vom 13.10., 10.11. und 15.11.1918).
[31] Vgl. Schmidgall, Revolution, S. 154.
[32] Vgl. einen entsprechenden Bericht aus dem Münstertal: Staufener Wochenblatt vom 16.11.1918.
[33] StadtA Staufen, Gemeinderatsprotokoll vom 31.10.1918.
[34] Über diese Familien liegt keine Statistik vor. Nach einer kursorischen Durchsicht des städtischen Meldebuchs scheinen um die Jahreswende 1918/19 zahlreiche Familien nach Staufen gekommen zu sein, die aber wohl überwiegend bald wieder fortzogen.
[35] StadtA Staufen, Gemeinderatsprotokoll vom 28.11.1918.
[36] StadtA Staufen, Gemeinderatsprotokolle vom 6. und 20.3.1919. Vgl. auch die polizeilichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Wohnungsnot, die der Gemeinderat ergriff: StadtA Staufen, Gemeinderatsprotokoll vom 3.6.1919.
[37] Abgebrochen 1928: StadtA Staufen, C 592.
[38] StadtA Staufen, C 764; ebd., Gemeinderatsprotokoll vom 25.11.1919; ebd., C 136/679 (Bauakte Kornhaus).
[39] Die Genossenschaft erwähnt in StadtA Staufen, Gemeinderatsprotokoll vom 27.3.1919.
[40] StadtA Staufen, C 136 (Bauakten); vgl. auch StaatsA Freiburg, B 741/1, Nr. 382.
[41] Ein Namensverzeichnis ist online.
[42] Vgl. die Erläuterung von Jerusalem zu dem Denkmalentwurf in StadtA Staufen, C 500.
[43] Redemanuskript in StadtA Staufen, N 377, dort die Zitate. Vgl. auch den Bericht im Staufener Wochenblatt vom 3.11.1920.

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